Kolumne „Hardt und herzlich“
Hindernisläufer (Foto: GES-Sportfoto/Helge Prang/augenklick)

Sportliche Vielfalt ist wichtig

Fußball, Fußball und Fußball. Wie schön, dass im Fernsehen auch „Die Finals“ und „European Championships“ laufen. Denn wir brauchen sichtbare TV-Präsenz und Zuschauer in den Stadien, schlussfolgert sportjournalist-Kolumnist Andreas Hardt.

Schönstes Sommerwetter fast überall Ende Juni. Da locken Baggersee und Grillgarten, Wildpark und Kanu-Trip, man konnte auch mal wieder die Großeltern besuchen. Lange Nachmittage vor dem Fernseher zu verbringen war da nicht unbedingt die erste Option. Allein deshalb hatten es „Die Finals“, die in Berlin gebündelten Meisterschaften diverser „bunter“ Sportarten von Kanu-Polo bis Leichtathletik schwer. Wenn im Winter Wochenende für Wochenende die stundenlangen Übertragungen von in grüne Landschaften hinein schneekanonierten Pisten und Loipen laufen, ist es einfacher, Zuschauer zu binden. Draußen ist dann halt oft Schietwetter.
 
Die bis zu 12,7 Prozent Marktanteil des ZDF am Finalsonntag mit durchschnittlich 1,81 Millionen Zuschauern darf man deshalb durchaus als Erfolg sehen. Anderen Sport als Fußball ins Bild zu rücken war geglückt; selbst der reformierte Moderne Fünfkampf oder Kanu fanden über eine Million Interessierte. Allerdings: Bei den 14- bis 49-Jährigen bewegten sich die Marktanteile meist nur zwischen sechs und sieben Prozent. Wenn das ein verlässlicher Indikator für das Interesse an diesen olympischen Sportarten ist, wäre das mit Blick auf die Zukunft nicht gut (Hardt-Foto: privat).
 
Das Format ist dennoch toll. Die Möglichkeit, konzentriert an einem Ort mit der S-Bahn vom Radfahren zum Kanu zur Leichtathletik zu kommen, ist super. Natürlich können das nur eine Handvoll Städte in Deutschland so bieten, wenn überhaupt. Hamburg zum Beispiel kann das nicht – es gibt kein ausreichend großes für die Leichtathletik geeignetes Stadion. Auch peinlich.
 
Dabei waren die Tage in Berlin ja „nur“ eine Vorspeise für die „European Championships“ vom 11. bis 21. August in München. Neun Sportarten, 176 Wettkämpfe, 4700 Athlet*innen – das kann groß werden. 100 Millionen der kalkulierten 130 Millionen Euro Kosten werden durch Steuerzahler aus München, Bayern und dem Bund aufgebracht.

Schön, dass ARD und ZDF wieder mit langen Strecken einsteigen wollen

Und nur Ketzer werden deshalb fragen: Hat es eigentlich eine Volksabstimmung darüber gegeben so wie bei den diversen gescheiterten Olympia-Projekten? Nein? Gut so. Sportliche Vielfalt ist wichtig. Werbung dafür noch besser. Wir brauchen sichtbare TV-Präsenz und Zuschauer in den Stadien. Die Sportler*innen brauchen das, bei ihren steten Mühen um finanzielle Absicherung, berufliche Zukunft und gesellschaftliche Anerkennung.

Schön, dass ARD und ZDF auch da wieder mit langen Strecken einsteigen wollen. Allerdings läuft dann im Unterschied zu „Die Finals“ schon wieder der Fußball richtig an: Supercup, Bundesliga, DFB-Pokal, europäischer Supercup. Heiße Transfers, neue Stars – was isst Mané zum Frühstück? Volles Programm also. Das wird Aufmerksamkeit, Print-Platz und Online-Seiten fordern, jeden Tag. Wird interessant, was dann für die Münchner EM-Sammlung noch übrig bleibt.

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne „Hardt und herzlich“ für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.

19.07.2022






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