Olympia-Kolumne „Neues vom Giganten“

Bedrohte Ureinwohner

Olympia-Gastgeber Brasilien ist ein Multikulti-Land. Doch die indigenen Völker geraten immer mehr ins Abseits. Ein Bogenschütze könnte nun für neues Selbstbewusstsein sorgen.

Von Heiner Gerhardts

Die „Terra Brasilis“ war bis ins Jahr 1500 uneingeschränkter Lebensraum indigener Völker. Dann strandeten die portugiesischen Kolonisatoren, kamen unter deren Joch afrikanische Sklaven, später Immigranten aus Europa und Asien. Heute ist das Land zwischen Amazonas und Pampas weiß, schwarz, gelb und „pardo“, ein Sammelbegriff für die anderen Schattierungen der Hautfarbe.

Die Ureinwohner, dezimiert durch Gewalt und eingeführte Krankheiten, sind nur noch eine isolierte Randgruppe, geschrumpft auf 0,4 Prozent des brasilianischen Volkes. Beim Zensus 2010 fühlten sich nach Haut und Rasse 817.963 Personen der Kategorie „indígena“ zugehörig.

Darunter auch Dream Braga Silva, ein 18-Jähriger vom Stamm der Kambeba. Gut vier Bootsstunden von der Amazonas-Hauptstadt Manaus entfernt lernte der Junge auf dem Rio Negro die Jagd mit Pfeil und Bogen, fand über eine private Olympia-Initiative den Weg zum Sport, schaffte gar den Sprung in die Bogen-Seleção.

Doch im Leistungszentrum Maricá unweit von Rio de Janeiro wuchs das Heimweh und schwand die Leistung. Der Traum, der erste Indio zu sein, der Brasilien bei Olympischen Spielen vertritt, ist gefährdet.

Ein Stück olympischen Spirits (er)lebten die Ureinwohner aller Kontinente jedoch unlängst. Vom 23. Oktober bis 1. November fanden die ersten Weltspiele der indigenen Völker in Palmas statt.

Da gab es den Wettstreit mit Bogen, Speer und Kanu, aber auch Archaisches wie Tauziehen oder die „Corrida da Tora“, ein Staffellauf mit einem Stück Palmstamm. Und Fußball. Ohne die Deutschen.

30.11.2015






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