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Reiche Premier League, armer englischer Fußball

Die englische Premier League erlöst deutlich mehr als die Bundesliga. Dennoch ist der Fußball auf der Insel in einem bemitleidenswerten Zustand. Das hat Gründe.

Von Clemens Gerlach

Die englische Premier League ist gigantisch. Das fängt schon bei deren Website an. Während bundesliga.de, der Internet-Auftritt der Deutschen Fußball Liga (DFL), in vier Sprachen daherkommt, sind es bei der Insel-Domain gleich sieben. Doch damit nicht genug. In der höchsten englischen Liga, deren Namenssponsor ein international agierendes Finanzunternehmen ist, sind auch sehr,? sehr viele Superstar s?aktiv, viel mehr als? hierzulande. Außer?dem erhalten die Klubs ?der Premier League für die ?Jahre 2016 bis 2019 rund 6,9 Milliarden Euro aus der Vermarktung der TV-Rechte. Das ist eine ganze Menge Geld. Zum Vergleich: Die DFL erlöste für den Zeitraum 2013 bis 2017 rund 2,5 Milliarden Euro.

Ist die Premier League nun also das Gelobte Land? Kann man so sehen, wenn man Fußballprofi oder ein Berater in dieser Zunft ist. Denn der größte Teil der Kohle landet ohnehin bei denen, die jetzt schon nicht wissen, wohin mit dem ganzen Zaster und aus purer Verzweiflung und/ oder Langeweile einen Sportwagen nach dem nächsten kaufen, eine weitere Jacht oder sonst was Superteures, das als Statussymbol in Kickerkreisen anerkannt ist.

Miese Stimmung in englischen Stadien, dafür teure Tickets

Die Premier League ist also reich, der englische Fußball hingegen arm. Er darbt. Die Stimmung in den Stadien ist mit „zurückhaltend“ noch freundlich formuliert. Das liegt vermutlich auch daran, dass es reine Sitzplatzarenen sind, die zu einem großen Teil von Menschen besucht werden, die über das nötige Einkommen verfügen, sich die extrem hohen Ticket- preise leisten zu können, sonst aber mit Fußball(kultur) nicht sehr viel am Hut haben. Der Stadionbesuch dient vermehrt der Zurschaustellung des eigenen Wohlstands. Anfeuern? Zu profan, nicht mit uns! Der alte Fanaktivisten-Slogan „Sitzen ist für‘n Arsch“ kommt einem da wieder in den Sinn.

Der englische Nachwuchs, so noch vorhanden, verkümmert, weil die Klubs lieber fertige ausländische Spieler kaufen als eigene auszubilden. Und das Nationalteam? Haben die eines? Der letzte große Erfolg der englischen Auswahl datiert aus dem Jahre 1966. Dann können wir uns jetzt schon auf vor Patriotismus und Nostalgie triefende Feiern zum 50-jährigen Jubiläum des WM-Siegs im kommenden Jahr einstellen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Bundesliga weit von englischen Verhältnissen entfernt

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch im hiesigen Fußball wird sehr gut bezahlt, vermutlich sogar an viele zu viel. Insgesamt jedoch ist die Bundesliga weit von englischen Verhältnissen entfernt. Das ist zu begrüßen, wenngleich es schon den ein oder anderen Verantwortlichen gibt, der gerne das Geld aus England hätte und die Stimmung aus Deutschland. Tja, das wird sich wohl nicht machen lassen, Träumer.

Immerhin eines kann man den Umsatzcracks aus England nicht vorwerfen: Dass sie heucheln und ihrer Kundschaft nicht die Wahrheit erzählen. Auf die Frage an den Ligaverband, warum die Klubs das künftig noch reichlicher vorhandene Geld nicht in die Nachwuchsarbeit stecken, einen relevanten Teil an die niederklassigen Vereine abgeben oder die Ticketpreise senken, antwortete Premier-League-Boss Richard Scudamore: „Wir sind kein Wohltätigkeitsverein.“ Klare Kante, Sir!

08.12.2015






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