Kolumne „Einwurf“

Google anstelle von Zeitzeugen

Auch im Journalismus gibt es einen Generationenkonflikt. Dieser zeigt sich auf vielfältige Weise, wie besonders eindrucksvolle Beispiele beweisen.

Von Wolfgang Uhrig

Sie hat es nicht leicht, die Generation 65 plus. Und erst recht nicht die 75 plus. Das war auch schon nachzulesen im sportjournalist. Als dort ein jüngerer Kollege die Alten grätschte mit der Frage, was Rentner beim Schreiben noch so „umtreibt“. Um sich dann sieben Zeilen danach selbst die Antwort zu geben: „Ein Journalist, der den Laptop für immer zuklappt, wenn der Rentenbescheid da ist, war wahrscheinlich nie einer.“

Ja, was steckt hinter dem „Umtreiben“? Lust am Beruf, am Schreiben, am Erfolg der Arbeit? Vielleicht auch finanzielle Nöte, in die jemand mal gekommen ist, aus welchen Gründen auch immer. Und dann sollte man sich erst recht darüber freuen, dass es dann noch eine Möglichkeit gibt, sich aus einer misslichen Situation zu befreien.

Für Michael Jürgs, 67, ist es „keine Frage des Alters, ein guter Journalist zu sein“. Jürgs war einmal Chefredakteur beim stern. Er schreibt im medium-magazin: „In der real existierenden Medienwelt gilt als Methusalem, wer aus den 60er-Jahren der Beatles Selbsterlebtes berichtet hat.“ Der Kollege Methusalem ist nicht mehr gefragt, statt Zeitzeugen gibt es ja längst den Kollegen Google.

Herbert Feuerstein, 77, Entertainer, meint zu seinem Porträt in der Süddeutschen Zeitung, wenn bei ihm der Tod anklopfe, könne dieser sich auf eine Überraschung gefasst machen. Er werde öffnen, dem finsteren Gesellen Verachtung zeigen: „Ich kann noch nicht, ich habe noch einen Termin.“ Die Tür leise ins Schloss fallen lassen und sagen: „Ich will weitermachen, auch noch mit 77.“

Frei nach Herbert Feuerstein antwortete auch Wilhelm Neudecker, der legendäre Präsident des FC Bayern München, einst auf die Frage, wann er denn aufhöre: „Erst wenn ich ins Grab falle – und dann mache ich noch zwei Jahre weiter.“ Carpe diem – nächstes Thema!


30.11.2015






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