Kolumne „Einwurf“

Ja, die Wahrheit! Und dann?

Manche Journalisten wissen sehr viel mehr, als sie schreiben dürfen. Das führt regelmäßig zu merkwürdigen sprachlichen Verrenkungen.

Von Wolfgang Uhrig

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, schreibt in seinem Buch „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“, was er gerne einmal „als Traumobjekt realisieren“ würde: „Antworten von Politikern, die nie zum Abdruck freigegeben wurden.“

Und der TV-Reporter Uli Köhler sagt im Magazin 11 Freunde zum Bayern-Fußballer Philipp Lahm: „Es gibt Geheimnisse, die ich bis heute für mich behalten habe – auch in Bezug auf einige Herren, die bei Euch in den oberen Etagen rumschwirren.“

Geheimnisse oder Worte, die nicht gedruckt werden dürfen? Tja, da könnte der Leser nun stutzig werden. Was soll denn das? Für wen bezahle ich sie eigentlich, diese Journalisten, diese Zeitung, dieses Medium? Für Wissen, das sie für sich behalten?

In der Regel ist der Fragende darauf bedacht, Nähe zum Gefragten herzustellen. Man hat miteinander zu tun, man kennt sich, braucht sich, trifft sich auch mal zu einem Hintergrundgespräch: „Ich erzähle Dir jetzt etwas, Du darfst es aber auf keinen Fall schreiben.“

Das hat wohl jeder schon erlebt, aber jeder geht anders damit um. Denn oft bleibt so ein „Geheimnis“ unter uns: Es wird weitererzählt von Kollege zu Kollege. Bis man Formulierungen liest oder hört wie „einem Gerücht zufolge“, „will erfahren haben“, „wie aus gut unterrichteter Quelle verlautet“, „wie es heißt, soll ...“.

Und ganz fies ist der Trick, eine vertrauliche Nachricht einer ausländischen Zeitung zu stecken, um danach in Deutschland im eigenen Medium triumphierend und exklusiv zu berichten: „Wie das in England gefürchtete Boulevardblatt The Sun meldet, hat der deutsche Fußballstar ...“.

Für den legendären Spiegel-Gründer Rudolf Augstein stand das Leitmotiv „Sagen, was ist“. Neuerdings steht im Untertitel des Magazins: „Keine Angst vor der Wahrheit“. Ja, die Wahrheit! Und dann?


09.10.2015






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