Zum 90. von VDS-Ehrenpräsident Günter „Micky“ Weise
Jubilar Günter „Micky“ Weise: Berliner Original (Foto: JouLux)

Leise, aber weise

Zehn Jahre lang, von 1977 bis 1987, führte Günter Weise den VDS. Seither ist er als Ehrenpräsident geschätzter Ratgeber seiner Nachfolger, zunächst Karl-Heinz Cammann und seit 1999 Erich Laaser. Am Silvestertag feiert der Berliner seinen 90. Geburtstag.

Von Hans Jürgen Wille

Er macht immer noch das, was er ein Leben lang mit Inbrunst und feiner Feder getan hat – er schreibt. Waren es früher Berichte, Kommentare und tief schürfende Analysen, die er heutzutage bei vielen jüngeren Kollegen vermisst, so ist es jetzt noch seine „Plauderei am Rande“, die jeden Montag in der Berliner Fußball-Woche erscheint. In seiner Kolumne kurz vor Weihnachten wählte er die Überschrift „Leise kommt die Müdigkeit“. Damit meinte er zwar die Bundesliga-Kicker, die sich nach einer anstrengenden Saison auf etwas Ruhe freuten, aber im übertragenen Sinn trifft das auch für ihn zu. Günter Weise, Ehrenpräsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) und von allen nur mit seinem Spitznamen „Micky“ genannt, wird nämlich am Silvestertag 90 Jahre alt.
 
Ungestüm, forsch, draufgängerhaft, das sind Attribute, die auf ihn nie zugetroffen haben. Der Urberliner zeichnete sich mehr durch Bedächtigkeit und überlegtes Handeln aus. Erst nachdenken statt Schnellschuss-Entscheidungen zu treffen, so lautete seine Devise, wobei er nie laut wurde oder gar aus der Haut fuhr. Er war stets ein Teamplayer, ein Mittler, der Kompromisse suchte und die Ansicht anderer akzeptierte, obwohl er als langjähriger Sport-Chef der Berliner Morgenpost und davor vom Kurier und Sportkurier letztendlich das Sagen hatte.

Fußball-Fachmann mit Faible für die Hertha

Im Kopf ist Günter Weise (Foto: JouLux), unter dem ich 14 Jahre lang, von 1967 bis 1981, gearbeitet habe, nach wie vor hellwach, den politischen wie sportlichen Dingen aufgeschlossen wie eh und je, wobei er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, Kritik äußert, da wo es notwendig erscheint, und lobt, wo es angebracht ist. Leise, aber weise. Oder nomen est omen. Nur die Augen bereiten ihm inzwischen arge Probleme, weshalb er vor kurzem schweren Herzens sein Auto abgeschafft hat. Und die Füße wollen ebenfalls nicht mehr so wie einst, als er noch im hohen Seniorenalter das Tennisracket schwang. Zu den Hertha-BSC-Spielen, die er immer noch gern besucht, lässt er sich deshalb von Freunden abholen oder er nimmt das Taxi.

Fragt man ihn nach den Höhepunkten seiner journalistischen Tätigkeit, so kommt wie aus der Pistole geschossen die Fußball-Weltmeisterschaft 1954, die er hautnah vor Ort miterlebte. Und dann erzählt er, wie er nach dem Finale in Bern mit der Straßenbahn ins Hotel zurück fuhr und von dort aus mit zwei Kollegen von anderen Zeitungen viereinhalb Stunden lang mit der Berliner Heimatredaktion telefonierte. Wie er nur mit ein paar Aufzeichnungen versehen aus dem Kopf heraus seine Artikel diktierte, einen nach dem anderen. „Was die Kosten für das XXL-Gespräch betraf, da dürfte unser sehr sparsamer Verleger sicherlich graue Haare bekommen haben.“ Schweden 1958, England 1966, Mexiko 1970 und natürlich Deutschland 1974 waren dann weitere WM-Stationen für den absoluten Fußball-Fachmann, der in seiner Kindheit selbst dem runden Leder nachjagte, zuerst bei Union Oberschöneweide, dann bei der SG Grün-Weiß Baumschulenweg und zuletzt bei Grün-Weiß Neukölln.
 
Weil sich aber Beruf und Hobby auf die Dauer nicht vereinbaren ließen, das heißt, am Sonntagnachmittag zu kicken statt in der Redaktion oder draußen als Berichterstatter tätig zu sein, hörte er mit dem Fußball auf und widmete sich fortan dem wesentlich kleineren Ball, beim Tennis, wo er Mitbegründer und schließlich zehn Jahre lang Vorsitzender des TC Westend 59 war und bis ins hohe Alter spielte.

Axel Springer: Eine Ehre für unser Haus

Seine journalistischen Anfänge lassen sich auf das Jahr 1946 datieren. Der Kurier hieß jene Zeitung, die am späten Nachmittag erschien, was für ihn ein wenig geschätztes frühes Aufstehen bedeutete, denn um 6.00 Uhr begann die Arbeit. Noch heute ist er seinem damaligen Chef Karl-Heinz Schulz äußerst dankbar: „Er war nicht nur ein toller Mann, sondern ich habe von ihm viel gelernt, vor allem Fairness und saubere Recherche.“ Eine große Umstellung im Tagesrhythmus bedeutete dann der Wechsel 1981 zur Berliner Morgenpost, wo bis in die späten Abendstunden hinein geackert werden musste.
 
Das war auch jene Phase in seinem Leben, da er (Foto: Regina Hoffman-Schon) zum Präsidenten des Verbandes Deutsche Sportpresse (heute: Verband Deutscher Sportjournalisten, Anm. d. Red.) berufen wurde, zu einer Fachorganisation, die im Bundesgebiet beheimatet war. Als Westberliner an der Spitze solch einer Gemeinschaft zu stehen, bedeutete zu Zeiten des Kalten Krieges schon etwas Ungewöhnliches, denn die DDR sprach ja gern von der extra-politischen Einheit Westberlin. „Als ich daraufhin meinen Verleger Axel Springer ansprach und ihn fragte, ob sich dieses Amt mit meiner Tätigkeit bei der Morgenpost vereinbaren ließe, antwortete er spontan: ‚Aber selbstverständlich, als Berliner darf man solch einen Posten nicht ablehnen. Das bedeutet zudem auch eine Ehre für unser Haus.‘“
 
Ganz einfach war es nicht, die damals drei verschiedenen Gruppierungen unter einen Hut zu bringen, die schreibende und sprechende Zunft sowie die der Fernsehkollegen. Da gab es schon manchmal harte Auseinandersetzungen, aber nie ernsthaften Streit, sagt der Vater zweier erwachsener Töchter, weil es ihm stets gelang, die Gemüter zu beruhigen, Vernunft walten zu lassen und eine Lösung zu finden, mit der alle leben konnten. „Mitunter muss man sich eben auch auf die Zunge beißen können“, so seine Weitsicht.

Diplomat mit Schauspiel-Talent

Vielleicht hätte er auch einen guten Diplomaten oder Schlichter abgegeben, vielleicht sogar einen ordentlichen Schauspieler, was ihm nicht wenige zutrauten. Als Knirps wirkte er bei einer Aufführung in Döberitz bei Berlin, wo sich 1936 das olympische Dorf befand, in dem Laienspiel „Micky, der Mäusemelker“ mit und interpretierte seine Rolle so überzeugend, dass er fortan seinen Spitznamen weghatte.
 
Weil zu Silvester kaum jemand zu Besuch käme, hat er Freunde und Bekannte am 10. Januar in das Sportzentrum Siemensstadt zu einem Brunch eingeladen – mit der Bitte, keine Geschenke mitzubringen, sondern dafür das Ricam-Hospiz in Neukölln mit einer Spende zu bedenken. Eine weise Entscheidung. (Foto mit VdSBB-Präsident Hanns Ostermann: Regina Hoffmann-Schon)
 
14 Jahre haben wir beide Schreibtisch an Schreibtisch in einer Redaktion gesessen. Es war eine schöne, vertrauensvolle, stets angenehme Arbeit gewesen. Das sagt einer, der später seine Nachfolge als Ressortleiter bei der Berliner Morgenpost antrat und der voller Hochachtung von ihm spricht, so wie es Weise einst von seinem ersten Chef getan hat. In einer Beziehung unterscheiden wir uns jedoch. Micky bringt seine Artikel nach wie vor auf der Schreibmaschine zu Papier, weil er die Computer-Zeitrechnung verschlafen hat. Ich käme dagegen ohne den PC nicht mehr aus.

31.12.2015






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