Der etwas andere Jahresrückblick - Teil I
Wolfsburger Fans: Viele Reisen und viel Humor (Foto: firo/Augenklick)

„In Europa kennt uns jeder“

2015 war ein besonderes Sportjahr, auch wenn es keine Großereignisse gab. Leider sorgten vor allem die Fußballfunktionäre für reichlich Verdruss.

Von Christoph Ruf

Hoffnungsträger Ingolstadt – diese beiden Wörter zu koppeln, würde wohl nicht mal den Kollegen von der Pressestelle der oberbayerischen Stadt einfallen. Und doch hatte das Begriffspaar im Jahre 2015 seine Berechtigung. Zumindest am 12. Dezember zwischen 15.30 und 16.35 Uhr. Bis zu diesem Zeitpunkt verband man mit dem Aufsteiger FC Ingolstadt die Hoffnung, dass das Titelrennen in der Fußball-Bundesliga vielleicht doch noch mal spannend werden könnte.
 
„Wenn es in München beim 0:0 bleibt und Dortmund morgen gegen Frankfurt gewinnt, sind es nur noch drei Punkte auf Platz eins“, hatte kurz zuvor der überaus sympathische Agenturkollege vorgerechnet. Mit ihm wohnte ich zeitgleich dem alles andere als spannenden 4:0-Sieg der Hertha in Darmstadt bei.

Doch dann schlug es 16.35 Uhr. Und der Kollege vermeldete tonlos: „Einsnull Bayern.“ Mehr musste nicht gesagt werden. Denn so einem Einsnull folgt bei Bayern-Spielen (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick) eben das Zweinull, ehe nach vielen, vielen weiteren Zunulls am Ende des 34. Spieltages eine weitere Neuauflage der sagenumwobenen Meisterfeiern auf dem Marienplatz zelebriert werden kann.
 
Nun liegt der Sinn von Rückblicken natürlich darin, nach hinten und nicht nach vorne zu blicken. Aber wer behauptet, dass „morgen auch wieder ein Tag“ ist, ist ja auch kein Prophet, sondern ein Banalist. Weswegen hier auch schon mal die originelle These gewagt sei, dass der FC Bayern seine 26. Deutsche Meisterschaft am 14. Mai 2016 mit noch mehr Punkten Vorsprung feiern wird als er das am 23. Mai 2015 getan hat, als er die 25. mit zehn Punkten Vorsprung vor dem VfL Wolfsburg feierte.
 
Der VfL wiederum ist der Verein, dessen Fans am 12. September im Shuttle-Bus zum Auswärtsspiel in Ingolstadt den Glauben zurückbrachten, dass Fußballfans doch ein größeres Vokabular haben als „Schalala“ und „Olé olé“. Die Niedersachsen sangen „In Europa kennt uns jeder, aber nur wegen uns'rem Arbeitgeber“ und „Wenn wir wollen, sourcen wir euch aus“, als es an einem Audi-Autohaus vorbeiging. Ein paar Tage später poppte die Geschichte mit den frisierten Abgaswerten auf, doch die hat hier nun wirklich nichts verloren.

Zumal wir in unserem Beritt anno 2015 schon genug mit Tricksereien, Betrug und Korruption zu tun hatten, da brauchen wir uns nun wirklich nicht bei den Kollegen von der Wirtschaft bedienen. In den dunklen Randbezirken des Sports, denen der Schattenwirtschaft, stürzten Sonnenkönige und Kaiser gleich reihenweise. Irgendwann war selbst Wolfgang Niersbach (Foto: sampics/Augenklick) als DFB-Präsident nicht mehr zu halten, der möglicherweise damit auch die Verantwortung für Vorgänge übernahm, die andere zu verantworten hatten.
 
Überhaupt: Wenn man hier keine abschließende Bewertung dessen vornehmen will, was FIFA und UEFA so trieben, dann liegt das schlicht und einfach daran, dass selbst eine Twitter-Meldung keinen Anspruch auf Aktualität hätte. Zu rasant ist noch jetzt, wo draußen die Glühweine zirkulieren, das Tempo der immer neuen Enthüllungen um die Machenschaften von Michel Platini, Sepp Blatter und den vielen Schurken, die jahrzehntelang um Blatter kreisten wie die Fliegen um ... die Küchenlampe.
 
Dass der Schweizer Potentat seine Verantwortung für die kriminellen Machenschaften in seinem Imperium mit dem schönen Satz abtat, er sei „nicht der Buchhalter der FIFA“, wäre allerdings ein prima Schlusswort für die Affäre. Schließlich wäre auch Erich Mielke nur als menschenverachtender Apparatschik und nicht ebenfalls als Witzfigur in die Geschichte eingegangen, wenn er bei seinem Auftritt im November 1989 in der Volkskammer nicht gerufen hätte, dass er doch „alle Menschen“ liebe. Auch weitere Blatter-Zitate belegen den Verdacht, den mancher von uns schon seit mehreren Jahren hegt: Im Vergleich zum Syndrom des Sepp war beim Namensgeber des Napoleon-Syndroms im Grunde alles noch ganz normal im Oberstübchen.

Lesen Sie morgen im zweiten und vorletzten Teil des etwas anderen Jahresrückblicks von immer wieder daneben liegenden Schiedsrichtern und einem altgedienten Trainer, der Kritik persönlich nimmt und dann öffentlich maßregelt.

24.12.2015






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