ZDF-Sportreportage wird 50 – Teil II
ZDF-Team (v.l.n.r.:) Rudi Cerne, Petra Behle (Biathlonexpertin), Norbert König und Gunda Niemann-Stirnemann (Eisschnelllaufexpertin) (Foto: ZDF/T. Schumann)

Immer anspruchsvolleres Publikum

Die ZDF-Sportreportage ist eine Institution. Doch die Sendung muss kämpfen, um noch ausreichend wahrgenommen zu werden.

Von Katrin Freiburghaus

Im ersten Teil ging es um die Anfänge der Sportreportage und den großen Herausforderungen in der Frühzeit der Sendung.

Kosten-Nutzen-Abwägungen spielten in der Vergangenheit kaum eine Rolle. „Früher haben die sich gefreut, wenn das Fernsehen kam, heute können wir nicht mehr einfach irgendwo zum Fußball gehen“, sagt Herrmann. Dennoch ist Fußball ein zentraler Bestandteil des Programms geblieben. Seit dieser Saison sind sogar erstmals Experten zur Analyse live im Studio.

Ungeachtet aller Veränderungen gilt: Am Fußball kommt niemand vorbei. Das sagt Herrmann, das sagen alle. Norbert König, seit über 380 Sendungen im Dienst und mit Abstand Rekordhalter unter den Moderatoren (Foto Anna Kraft: ZDF/Nadine Rupp/Ruppografie), formuliert es so: „Man muss immer ein bisschen mit den Wölfen heulen.“ Wer zu viel Fußball beklage, dürfe zudem nicht vergessen, dass er so Publikum an die Sportreportage binde, das sonst nie von der Schönheit des Langlaufens in Australien erfahren hätte.

Doch selbst für den Fußball gilt dasselbe wie für die meisten aktuellen Themen: Wirklich interessant wird ein Beitrag durch die Geschichte hinter den Ergebnissen. Anlässlich eines Skispringens diskutieren Aktive und Funktionäre etwa über Sinn oder Unsinn von Protektoren, oder ein Leichtathletik-Meeting wird zum Anlass für ausführliche Athletenporträts.

Die Suche nach der Hintergrundstory ist nicht nur dem eigenen Anspruch, sondern der gewachsenen Konkurrenz geschuldet. Als es nur drei Sender und vor 17.00 Uhr keine frei zugänglichen Bilder gab, genügte bloße Berichterstattung von dem, was passiert war. Seit das Privatfernsehen und zahllose weitere mediale Kanäle verfügbar seien, reiche das nicht mehr aus, sagt König: „Ich kann mich nicht hinstellen und sagen: Sie haben das zwar alles schon gesehen, aber wir zeigen es trotzdem noch mal. Da muss man schon mehr anbieten.“

Dass die Sportreportage nicht mehr der ultimative Straßenfeger von einst ist, belegen magere Jahre wie 2013, als lediglich 37 Sendungen ausgestrahlt wurden. War 1969 noch die Mondlandung nötig, um die 180. Ausgabe zu verhindern, genügte im November 2015 eine Traumschiff-Wiederholung, die den angestammten Sendeplatz blockierte.

Konkurrenz in Form sozialer Netzwerke und globaler Vernetzung begreifen die Macher allerdings als Chance. König berichtet von einem fleißigen Mitarbeiter, der während der 1980er-Jahre alles las, dessen er habhaft werden konnte, um potentielle Themen an die zuständigen Redakteure weiterzuleiten. „Ein wunderbarer Grundstock“ sei das gewesen, „aber das Internet bietet viel größere Möglichkeiten, weshalb wir bei Qualität und Auswahl der Storys einen Schritt nach vorn gemacht haben.“

Damals war eine Fahrt nach Dortmund Nervenkitzel genug

Zehn-Minuten-Beiträge über Apnoe-Taucher auf den Bahamas – ob selbst produziert oder zugeliefert – waren vor 50 Jahren aus logistischen Gründen undenkbar. Ulrich Braun, 1966 erster Moderator der Sportreportage genügt allein die Vorstellung, um laut zu lachen. Als real existierende Filmspulen noch in real existierende Häuser zum Belichten gebracht werden mussten, war eine Fahrt nach Dortmund Nervenkitzel genug. Ohne konkrete Planung fliege allerdings auch heute niemand in seinem Auftrag um die halbe Welt, betont Herrmann. Es werde gründliche Vorarbeit geleistet, die in Kooperation mit anderen Ressorts bisher dafür garantierte, „dass wir noch nie eine begonnene Geschichte stoppen mussten“.

Während Hintergrundbeiträge für die Moderatoren im Studio eher keine Überraschungen bereithalten, fordert sie die Aktualität viel stärker als früher. Es existiert praktisch kein Redaktionsschluss mehr, gesendet wird live mit einer Nullzeit am Ende. Überziehen ist verboten. „Unsere Moderatoren müssen hochflexibel und fachlich versiert sein, weil sie im Ernstfall spontan umstellen oder neue Moderationen schreiben“, sagt Herrmann.

Davor, dass Ereignisse ohne feste Zeitbegrenzung während der Sendung überraschende Wendungen nehmen, ist niemand sicher. Vor 20 Jahren sorgte Michael Stich für einigen Wirbel, als er im Davis-Cup-Halbfinale kurz nach 17.00 Uhr neun Matchbälle vergab und das Match erst nach Ende der Sportreportage noch verlor. Alle Beiträge zum Thema landeten im Papierkorb. Damals wie heute sehen Zuschauer von derlei Turbulenzen im besten Fall: nichts.

21.01.2016






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