VDS-Aktion „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“
DFB-Schiedsrichter-Koordinator Lutz-Michael Fröhlich: „Immer wieder Szenen, in denen Kollegen widerlegt werden“ (Foto: Günter Schiffmann/GASPA Presse-Bild-Agentur)

Thesen zu Toren und Temperamenten

Die Unparteiischen haben einen schweren Job. Und es mangelt oftmals an Verständnis und Respekt. Mit der VDS-Aktion „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“ wird der Dialog gefördert – dieses Mal war das Treffen bei Sky in München.

Von Wolfgang Uhrig

Am 4. Bundesliga-Spieltag hatte Knut Kircher einen höchst fragwürden Elfer für den FC Bayern gegen Augsburg gepfiffen. Am 9. Spieltag erzielte Leon Andreasen in Köln für Hannover ein Tor mit der Hand, was alle im Stadion sahen – nur nicht der Schiedsrichter. Und am 11. Spieltag deutete Manuel Gräfe bei Wolfsburg gegen Leverkusen ein Abseitstor falsch, weil er nicht erkannte, von welchem Bein das Zuspiel erfolgt war. „Spektakuläre Fehlentscheidungen“, wie der frühere FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann im Zentralorgan kicker kommentierte.

Für die Rückrunde also genug Gesprächsstoff beim Wintertrainingslager mit 80 Bundesliga-Schiedsrichtern, die sich eine Woche vor dem 18. Spieltag auf Mallorca trafen (Spielszenen-Foto: firo-Augenklick). Mit neuen Erkenntnissen direkt von dort kamen die Experten Hellmut Krug (DFL-Schiedsrichter-Beauftragter) und Lutz-Michael Fröhlich (DFB-Schiedsrichter-Koordinator) nach München in das Sky-Haus zum Treffen „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“. Ein Dialog, der auf Initiative des VDS zum zwölften Mal stattfand und für den sich der Verbandsvize Hans-Joachim Zwingmann danach bei Dirk Böhm (Sky-Sportkommunikation) für die Rolle als freundlicher Gastgeber bedanken konnte. 

Vier Schlagworte standen auf der Tagesordnung: Abseits, Handspiel, Strafraum und Disziplinarkontrolle. Mit immer wieder vor- und zurückgespulten Videosequenzen verdeutlichten Krug und Fröhlich, wie Entscheidungen zustande kommen – was man dabei nun sehen kann, der Schiedsrichter vorher aber vielleicht nicht. Was Unparteiische alles beachten müssen und warum sich Fehler kaum vermeiden lassen.

„Schiedsrichter nicht Sinnender, sondern nur Fühlender“

Die beiden Referenten traten nicht oberlehrerhaft auf, dafür verbindlich, unterhaltend, gut gelaunt und stets bereit zu erweiternden Gesprächen. Dabei durchaus mit einem Schuss Selbstkritik an der eigenen Zunft: „Es gibt immer wieder Szenen, in denen Kollegen widerlegt werden.“ Manchmal entscheide man aus dem Bauchgefühl, sagte Fröhlich, der Schiri sei dann „nicht Sinnender, sondern nur Fühlender“.

„Wir werden nie den Geschmack aller Leute treffen“, sagte der frühere FIFA-Schiedsrichter Krug (Foto: Günter Schiffmann/GASPA Presse-Bild-Agentur), „aber es muss Kriterien geben, sonst würde jeder machen, was er will.“ Also ging es in zum Teil sehr kontroversen Diskussionen knapp vier Stunden lang um Rot oder Gelb oder gar nichts. Um gestreckte Beine und offene Sohlen, um Betriebsunfall oder Brutalität, Kavaliersdelikt oder Kamikaze. Schwalben flogen, in TV-Sequenzen von links und von rechts, von hinten und vorne. Tore, Thesen, Temperamente – insbesondere beim Thema Disziplinarkontrolle wurde gestritten und gezetert unter den 60 Teilnehmern im Saal.

„Es gibt wohl keinen Berufszweig, noch nicht einmal Politiker, die gegebenenfalls so sehr öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt sein können wie Schiedsrichter“, sagte Krug. Damit umzugehen sei für alle Unparteiischen extrem schwer. Hier stünden auch die Medien in der Verantwortung. Beim Doppelpass im Sky-Haus jedenfalls wurde für die  Berichterstatter wieder einmal der Eindruck vertieft, welchen Respekt man den Schiedsrichtern entgegenbringen muss. Und hier mögen die Münchner Meinungen hilfreich sein.

20.01.2016






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