Debatte um Social Media
Sportjournalist Frank Buschmann: „Ich habe diesen offensiven Umgang gewählt. Das hat bewirkt, dass die Diskussion anschließend weniger polemisch geführt wurde“ (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

Wie Sportjournalisten auf Kritik im Netz reagieren sollten

Ist das Netz wirklich ein asoziales Medium, das nur Hasstiraden generiert? Oder bietet sich über Facebook & Co. die Chance, diesen genau dort zu begegnen? Anregungen für den möglichst souveränen Umgang mit – oftmals beleidigender – Kritik.

Von Thorsten Poppe

Als Kritik und Häme der Netzgemeinde auf ihn niederprasselte, wählte Frank Buschmann den offensiven Umgang damit. Der Sportjournalist und NFL-Kommentator bei ran stellte sich in einem fünfminütigen Video auf Facebook der kochenden Volksseele. Mit Zurückhaltung relativierte er so seine vorher im Sportradio 360 getätigten Aussagen und gestand Fehler ein. Wenn er in dem Video auch nicht von seiner Meinung abrückte, dass die Berichterstattung über die National Football League (NFL-Foto: firo Sportphoto/Augenklick) in Deutschland keinen professionellen Kriterien entsprach – bis sich ran dieser angenommen hätte.

„Da ich die sozialen Medien ernst nehme, sie in meinem Arbeitsalltag auch aktiv nutze, habe ich diesen offensiven Umgang gewählt“, sagt Buschmann, „das hat bewirkt, dass die Diskussion anschließend versachlicht und weniger polemisch geführt wurde.“

In dem Fall hat also der offensive Umgang auf die Kritik funktioniert. In der Wissenschaft wird dies mittlerweile mit dem Begriff „Counter Speech“ beschrieben. Also Rede und Gegenrede. Hierbei geht es in erster Linie darum, Hasskommentaren und polemischer Kritik möglichst rational und mit guten Argumenten entgegen zu treten und so eine kritische digitale Öffentlichkeit zu schaffen.

„Counter Speech" setzt darauf, jede inhaltsleere Argumentation oder jeden stumpfen Gewaltaufruf mit stichhaltigen Argumenten und einem Standpunkt zu beantworten. Oft gerate der Urheber dann in Erklärungsnot, seine Kommentare verlören an Strahlkraft, meint Professor Andreas Zick. Der Bielefelder Konfliktforscher rät dazu, eine eigene Position zu entwickeln, denn Nicht-Reagieren diene eher der Aufrechterhaltung der negativen Botschaften. Gerade wenn Inhalte gewaltverherrlichend und damit volksverhetzend werden, helfe nur noch ein Antrag auf Löschung beim Seitenbetreiber und eine Strafanzeige, erklärte Zick bei tagesschau.de: „Das haben wir bisher viel zu wenig getan."

Verfährt das Internet nur nach der Devise „Je beleidigender, desto besser“? Das mag für einen Teil stimmen, der dafür mehr Likes bekommt, als wenn er seine Meinung differenziert vortragen würde. „Die Person fühlt sich befreit und bekommt noch soziale Streicheleinheiten. Denn je extremer der Post, desto auffälliger. Diese Aufmerksamkeit ist für viele ein tolles Erlebnis“, erklärte kürzlich Caja Thimm auf den Frankfurter Medientagen.
 
Die Professorin (Foto: Caja Thimm) beschäftigt sich schon seit Jahren mit Onlinekommunikation und leitet an der Universität Bonn die Abteilung Medienwissenschaft. „Hass im Netz gibt es schon von Anbeginn des Internets, man denke nur an Webseiten, auf denen gegen ehemalige Freunde oder Kollegen gehetzt wird“, sagte Thimm, „aber die sozialen Netzwerke bieten jetzt ganz neuen Raum für Hetze und Polemik.“
 
Der weitaus größere Teil der User trage seine Kritik sachlich vor, so Thimm. Dennoch sei es wichtig, dass eine Debatte darüber geführt werde, welches Verständnis wir vom Massenmedium Internet mit seinen vielfältigen Partizipationsoptionen haben, welches Internet wir wollen. Auch deshalb wünsche sie sich eine neue Form der Diskussion im Netz und verweist auf „Counter Speech“.

Was bedeutet das für uns Sportjournalisten? Wir sollten beim Umgang mit der Kritik im Netz berücksichtigen, dass der Ton erst einmal rauer, mitunter auch polemisch ist. Kernig im Ton, (sehr häufig) argumentativ in der Sache - damit müssen wir Sportjournalisten uns auseinandersetzen und umgehen lernen.

Wir sind, ob es uns passt oder nicht, auch Teil dieser sozialen Medien. Ignorieren hilft wenig bis gar nichts, um eine angemessene Diskussionskultur im Netz zu etablieren. Das bedeutet, bei Hass-Kommentaren die Löschung zu beantragen oder sogar Strafanzeige zu stellen. Aber eben auch auf sachliche Kritik zu antworten. Dialog fördert die Transparenz und die Faktenlage.

Eine längere Fassung des Social-Media-Reports findet sich in der Ausgabe April 2016 des sportjournalist. Die Heftbestellung ist direkt beim Meyer & Meyer Verlag möglich. VDS-Mitglieder können sich im Mitgliederbereich das Heft als PDF herunterladen.

10.06.2016






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