Essay
Fußball-Profi Max Kruse: Viel abbekommen (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

Der Fall Kruse und das Mahlwerk Journalismus

Der Fußballer Max Kruse wurde aus der Nationalmannschaft verbannt. Was ist an diesem Vorgang skandalös – und was nicht?

Von Andreas Hardt

Max Kruse hat Kindern ihren Lieblingsteddy geklaut, er hat Kätzchen gequält, den Papst beleidigt, in einen Trinkwasserbrunnen uriniert, wollte manchen Reportern kein Interview geben. Und fotografieren lassen wollte er sich auch nicht. Max Kruse ist böse, böse, böse. Ein „Skandal-Profi“. Es ist Zeit, sich zu empören. Doch nein, so ist es ja gar nicht. Max Kruse quält natürlich keine Lämmer, klaut keine Teddys und verunreinigt keine Brunnen. Über sein Verhältnis zum Papst wissen wir nichts, über sein Verhältnis zum Journalismus aber können wir Vermutungen anstellen: Es ist eher schlecht.

„Schützen“ müsse man ihn, hatte Klaus Allofs (Foto: firo Sportphoto/Augenklick) gesagt, als die Aufregung um den ehemaligen (?) Fußball-Nationalspieler vor Ostern ihren Höhepunkt erreicht hatte. Dabei war der Manager des VfL Wolfsburg sicherlich genervt von den negativen Schlagzeilen, die über seinen Angreifer zu lesen waren. Soll doch der VfL für ein positives Image sorgen rund um das vom Abgasskandal gebeutelte VW-Werk, soll dem Konzern Glamour bringen, Wolfsburg und Madrid, Barcelona, London. Augenhöhe. Stattdessen versagt das Team sportlich, und einer der bestbezahlten Profis macht – man muss es so sagen – Dummheiten abseits des Platzes.

Die Summe von zwei durchschnittlichen Jahresgehältern in Deutschland hat er mal eben in einem Taxi vergessen. Da sind die Relationen und das Gefühl für Werte offenbar verloren gegangen. Das ist unschön. Und ungeschickt. Der ganze Fall ist ja hinlänglich in allen Einzelheiten durchdekliniert worden.

Aber ein Skandal? Die Skandalisierung seiner zugegebenermaßen wenig reifen Aktionen ist viel skandalöser. Medien sprangen geifernd darauf an. Es wurde sich über die „Vorbildfunktion“ von Fußball-Profis ereifert, Kommentare verfasst, Experten gefragt, Listen mit früheren „Skandalen“ zusammengestellt. Und dann plötzlich tauchte noch ein privates, wenig geschmackvolles Video auf, das privat war und ist und sein sollte. Es wurde aber veröffentlicht. Das ist wirklich ein Skandal!

Kruse (Foto: firo Sportphoto/Augenklick) ist in ein Mahlwerk geraten. Hier reibt noch einer, da lässt es noch jemand knirschen, quetschen, pressen. Platt machen, alles rausholen, keine Grenzen. Er war ohnehin angreifbar, „weil die Leistung nicht stimmt“, wie Allofs zugab. Warum die Leistung nicht stimmte, hinterfragte außerhalb des Vereins offenbar niemand. Muss man ja auch nicht.

Journalisten sollen Fakten sammeln, einordnen, darstellen. Doch geht die Hemmschwelle inzwischen gegen null, dies, das und jenes rauszublasen. Hauptsache Sensation, kein Respekt vor der anderen Person. Da wird dann auch auf der privaten Geburtstagsfeier mit dem Handy ungefragt fotografiert. Das aber ist Eindringen in eine Privatsphäre.

Eine junge Frau hat offenbar genau das getan. Und ist dann, als Kruse das oder die Fotos gelöscht hatte, zu ihrem Vorgesetzten bei der Bild-Zeitung gelaufen, um ihre Story anzubieten. Geht‘s noch? Max Kruse musste hinterher öffentlich zu Kreuze kriechen und sich für eine Überreaktion entschuldigen, um vergeblich zu versuchen, dem Rauswurf aus der Nationalmannschaft zu entgehen. Ausgesprochen von Bundestrainer Joachim Löw, für den Geschwindigkeitsbeschränkungen offenbar nur empfehlenden Charakter haben.

„Journalist“ ist als Berufsbezeichnung in Deutschland nicht geschützt. Da gibt es keinen Unterschied zu Makler, Esoteriker oder Unterhaltungsdame. Max Kruse hat in diesem „Skandal“ einiges verloren – der „klassische“ Journalismus aber auch. Wieder mal. Es ist eine neue Zeit.

Andreas Hardt ist freier Journalist aus Hamburg, unter anderem Kolumnist beim Hamburger Abendblatt. Er schreibt ab Juni eine Kolumne für den sportjournalist – Titel: „Hardt, aber herzlich“.

06.05.2016






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