Sexismus-Debatte
TV-Moderatorin Laura Wontorra (Foto: sampics/Augenklick)

Reduzieren auf den Aspekt Aussehen

Laura Wontorra ist heiß. Heißer sogar als alle ihre Kolleginnen. Das ergab eine Umfrage. Aber darf man das so sagen? Oder ist das Sexismus? Über eine neu entfachte Diskussion.

Von Katrin Freiburghaus

Es ist Anfang Mai, auf seinem Facebook-Profil postet der Fernsehjournalist Frank Buschmann ein Selfie. „Wo bist du da auf dem Bild, Frank?“, will ein User wissen. Unter einem anderen Bild erwähnt jemand grinsend Buschmanns Geheimratsecken, gefolgt von der Beschwerde, warum es nirgends um Eishockey gehe. In den folgenden Tagen schließen sich hitzig geführte Endlosdebatten um Mats Hummels an.

Derselbe Mai-Anfang, die Sportmoderatorin Laura Wontorra postet ein Bild von sich am Spielfeldrand in Liverpool. Sie schreibt vorsichtshalber dazu, dass dort gerade ein Fußballspiel stattgefunden hat. Ein Kommentar dazu stellt fest: „Laura, du siehst einfach immer wieder umwerfend aus! Wenn du moderierst, rückt Fußball in den Hintergrund!“ Es folgen Herzchensmileys und distanzlose Komplimente. Es geht außerdem um die Frage, ob Wontorras Kleidung angemessen sei. Gelegentlich wird lobend erwähnt, dass sie auch kompetent sei. Wer mit dem Lesen der Textchen fertig ist, versteht, warum Wontorra das Bild eingangs lieber selbst in einen sportlichen Kontext gestellt hat.

Der Kontrast zwischen der öffentlichen Wahrnehmung von Wontorra und Buschmann (Foto: firo Sportphoto/Augenklick) ist unübersehbar und durchaus nicht konstruiert, die Beispiele sind repräsentativ für die Kommentarkultur auf beiden Profilen. Auf den Seiten anderer Kolleginnen und Kollegen wird überdies deutlich, dass die Linie zwischen Sach- und Personendiskussionen im Fall bekannter Fernsehgesichter nicht zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen, sondern von wenigen Ausnahmen abgesehen klar zwischen männlich und weiblich verläuft. Ein Selfie von ZDF-Journalistin Anna Kraft zieht Äußerungen wie „Good morning sexy girl“ oder „Geiler Körper“ nach sich. Bei ihrem Senderkollegen Jochen Breyer dagegen geht es viel seriöser zu, von vielen Kommentatoren wird er sogar gesiezt.

Das alles ist nicht neu, doch so richtig aufregend fand das die Öffentlichkeit zuletzt nicht, ehe Wontorra die Debatte um Sexismus im Sportjournalismus unfreiwillig neu entfachte. Anlässlich einer Meldung im sportjournalist über Wontorras Wahl zur „heißesten Sportmoderatorin“ trat Andrea Schültke aus dem VDS aus. Darüber, dass das Aussehen im Fernsehen notwendigerweise eine Rolle spielt, herrscht Einigkeit. „Mir geht es aber um das Reduzieren auf den Aspekt Aussehen“, sagt Schültke, „mich hat gestört, dass der sportjournalist dieses Ergebnis ohne Einordnung abgedruckt und die Kategorie ‚heiß‘ unreflektiert übernommen hat.“

Sexismus gehört zum Tagesgeschäft. Zu behaupten, Frauen würden in?der Sportberichterstattung genauso wahrgenommen wie männliche?Kollegen, geht an der Realität vorbei. Dasselbe gilt nach?wie vor für bestimmte Gruppen von Interviewten. Die VDS-Nachwuchspreisträgerin Anne Armbrecht sagt: „In den Redaktionen habe ich durchweg positive Erfahrungen gemacht. Auf Terminen sieht das leider etwas anders aus. Ein Trainer hat mal zu mir gesagt: Ich kann Frauen im Fußball grundsätzlich nicht ernst nehmen. So etwas bekommt man leider öfter zu hören.“

Schültke, im Sportressort beim Deutschlandradio tätig, berichtet von Vorbehalten gegenüber Frauen von Hörerseite und zitiert aus einem knapp zwei Jahre alten Beschwerdebrief: „Ich moniere nachdrücklich die Tatsache, dass während der WM immer wieder weibliche Redakteure die Berichte moderierten beziehungsweise kommentierten. Mögen diese für Frauensport eingesetzt werden, im Männersport, zumal Fußball, sind sie entbehrlich. Wenn der DLF diesbezüglich keine männlichen Kollegen einsetzen kann oder will, so ist dies ein Armutszeugnis.“

Lesen Sie im zweiten Teil, was die wissenschaftliche Forschung zu der Problematik zu sagen hat und warum eine schnelle Besserung nicht zu erwarten ist.

Dieser Artikel stammt aus der Juni-Ausgabe des sportjournalist. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

08.08.2016






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Dezember/Januar

Titelthema

Wohin geht die Reise? Wie Medienhäuser gegen den Printschwund ankämpfen
Von Gregor Derichs

Quo vadis, Sportjournalismus? Ein Essay zu den Entwicklungen und zur Zukunft
Von Prof. Dr. Michael Schaffrath

Interview
mit Spielerberater Stefan Backs über Spieler, Berater und Medien
Von Frank Schneller

Intern
Die Ausschreibungen zu den VDS-Berufswettbewerben

Weitere Informationen
Regionalvereine