Sexismus im Sportjournalismus
Fußballer in maskuliner Pose (firo Sportphoto/Augenklick)

Die letzte Bastion von Männlichkeit

Frauen haben im Sportjournalismus noch immer mit Vorbehalten zu kämpfen. Die Wissenschaft hat dafür eine plausible Erklärung. Es hat viel mit dem Selbstverständnis der Männer zu tun.

Von Katrin Freiburghaus

Im ersten Teil des Reports über Sexismus im Sportjournalismus erfuhren Sie, weshalb es leider üblich ist, dass Frauen auf ihren Körper reduziert werden.

Daniela Schaaf vom Institut für Kommunikations- und Medienforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln bestätigt im Fall von Sportjournalistinnen eine „unterstellte Verbindung von Schönheit und vermeintlicher Inkompetenz“ – und zwar völlig unabhängig von deren tatsächlicher Sachkenntnis. Schaaf bezeichnet dieses Klischee als „systemimmanentes Problem“ des „gesamten Komplexes Sport“.

Sie bescheinigt der Branche unverändert strukturellen Sexismus. „Sport ist die letzte Bastion von Männlichkeit in einer zunehmend emanzipierten Welt. In den Entscheidungspositionen finden sich überwiegend Männer“, sagt Schaaf (Foto: Deutsche Sporthochschule Köln). „Auch die Zuschauer sind überwiegend männlich. Und plötzlich dringen dort Frauen ein, weshalb die Entscheider Frauen dafür auswählen, die dem männlichen Blick gefallen.“

Was bei der Diskussion in den Hintergrund rückt, ist der Einfluss, den Sportjournalistinnen im Wissen um die Gegebenheiten auf ihre Wahrnehmung haben. Ohne Frage ist es die Folge von systematischer Diskriminierung, dass sie gezwungen sind, sich eine Haltung zu ihrem öffentlichen Auftreten zu erarbeiten. Frauen dabei aber gänzlich in eine passive Rolle zu drängen, ist im Grunde eine Beleidigung. Monica Lierhaus sagte unlängst bei „Markus Lanz“, sie habe zu Beginn ihrer Karriere bewusst auf kurze Röcke verzichtet, „weil ich ernst genommen werden wollte“.

Viele junge Kolleginnen setzen auf ihren Internet-Auftritten neben sportlichen Themen dagegen das eigene Äußere gezielt ein. Die langjährige ZDF-Moderatorin Christa Haas findet das nicht verwerflich. „Man muss dieses persönliche Leben der Öffentlichkeit offenbar geben“, sagt sie. In diesem Zusammenhang bewertet sie den Umstand, dass sich Laura Wontorra selbst nicht über die Umfrage zur „heißesten Sportmoderatorin“ hierzulande beschwerte, als professionell. „Sie hat verstanden, worum es geht“, sagt Haas.

„Ich sehe das als nettes Kompliment“

Laura Wontorra, zur Nummer 1 erkoren, legte in der bereits erwähnten Runde bei „Lanz“ Wert darauf, dass „das es keine Wahl ist, zu der ich mich gestellt habe. Ich sehe das als nettes Kompliment.“ Allerdings, fügte sie hinzu, „wenn ich nur auf mein Aussehen reduziert werde, würde mir so eine Wahl schon weh tun“. Wontorras Arbeitgeber Sport1 hatte ihre Wahl als „große Ehre“ bezeichnet. Chefredakteur Dirc Seemann begründet dies damit, dass „die User über die originäre Sportberichterstattung hinaus auch an ‚bunten‘ Themen interessiert sind“.

Schaaf kommt jedoch zu einem wenig erfreulichen Ergebnis. „Das Aussehen einer Sportmoderatorin ist für viele Rezipienten interessanter als die Sportkompetenz“, sagt sie. Der ehemalige Bundesliga-Fußballer Johann „Buffy“ Ettmayer stellte sich im NDR bei „3nach9“ Mitte Mai ungewollt als Beispiel zur Verfügung. Er schaue sich lieber die Sky-Moderatorinnen Esther Sedlaczek oder Wontorra an als ein Fußballspiel, witzelte er. Dass Wontorra neben ihm saß, störte in der Runde bezeichnender Weise niemanden.

Wie stark Journalistinnen dem Begehren ihrer Fangemeinde nachgeben, liegt dagegen bei ihnen. Dass es steuerbar ist, ob es in den Kommentarspalten um Sportliches oder Modefragen geht, zeigen Webpräsenzen von Kolleginnen, die auf Eigenpräsentation verzichten, weil sie sich mit dieser Form von Öffentlichkeit unwohl fühlen. Sie berichten in diesem Zusammenhang von Diskussionen beim Versuch, die eigene Linie durchzuboxen, jedoch nicht von unüberbrückbaren Widerständen.

Schaaf hegt keine Hoffnungen, dass dieser Teil der Karriereplanung Kolleginnen künftig erspart bleiben wird. Gleichberechtigung erwartet sie langfristig aus einer anderen Richtung. „Auch von Männern wird mittlerweile eine gewisse Attraktivität erwartet“, sagt sie. Ob Breyer jemals Fragen nach seiner Jeansmarke beantworten muss, bleibt abzuwarten.

Dieser Artikel stammt aus der Juni-Ausgabe des sportjournalist. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

12.08.2016






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