Rio-Report – Teil I
Dilma Rousseff (Mitte): Brasiliens suspendierte Präsidentin (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Brasilien wartet auf den Olympia-Umschwung

Sommerspiele-Gastgeber Brasilien steckt tief in der Rezession. Zudem steht ein Großteil der politischen Elite des Landes unter Korrputionsverdacht. Kein Wunder, dass Olympia-Stimmung nicht recht aufkommen mag.

Von Heiner Gerhardts

Großer Moment, boomende Wirtschaft, Klima der Freiheit und Demokratie – das war Brasilien gestern. Mit diesem Vokabular rührte Luiz Inácio Lula da Silva, der das Kürzel Lula erst zu Beginn seines politischen Agierens mit in den Namen aufnahm, bei der Wahlsession des Internationalen Olympischen Komitees am 2. Oktober 2009 in Kopenhagen ein letztes Mal die Werbetrommel für Rio de Janeiro. Mit Erfolg. Die Cidade Maravilhosa, die wunderbare Stadt unter den schützenden Armen des Cristo Redentor, ließ Chicago, Tokio und Madrid bei der Wahl des Gastgebers der Sommerspiele 2016 hinter sich. Die 105 IOC-Mitglieder folgten der Bitte des damaligen Staatspräsidenten, dessen Charisma nicht nur das brasilianische Volk erlegen war.

Heute sind Lulas Worte ein nicht eingelöstes (Wahl-)Versprechen, klingen fast wie Hohn. In nur sieben Jahren ist das Land unter der Regierung seiner Arbeiterpartei PT kollabiert, steckt in einer schweren wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krise. Weil das Bundesland Rio klamm ist, musste Interimsgouverneur Francisco Dornelles gar auf den letzten Drücker den „öffentlichen Notstand auf dem Gebiet der Finanzverwaltung“ ausrufen. Spiele in solch einem Klima auszutragen ist ein Novum für die olympische Familie.

Auf Lula folgte 2011 Dilma Rousseff, die seit dem 12. Mai mit dem Eröffnen des Amtsenthebungsverfahrens (Impeachment) für 180 Tage auf die Strafbank muss. Der 68-Jährigen werden Bilanztricks im Staatshaushalt vorgeworfen. Noch während der Spiele will der Senat über ihr politisches Schicksal entscheiden. Rückkehr nicht ausgeschlossen.

Am 14. Juni traf sich IOC-Präsident Thomas Bach erstmals mit Michel Temer, als „Vize“ nun vorübergehend Staatschef. Der deutsche Funktionär habe vom neuen starken Mann eine „bedingungslose Zusage für den Erfolg der Spiele“ bekommen, hieß es. Der Rest, die innenpolitische Krise, sei Sache der Brasilianer.

Temer, in Zeiten als Präsident der größten Partei Brasiliens (PMDB) Partner Rousseffs, jetzt aber auf Konfrontationskurs zur PT, wird am 5. August im Maracanã-Stadion protokollgemäß die Eröffnungsformel sprechen. Aber wenn der Senat seine Meinung ändert, könnte Rousseff bei der Schlussfeier am 21. August als Präsidentin neben Bach stehen. Was für ein Dilemma!

Vielen Brasilianern steht einfach (noch) nicht der Kopf nach Olympia

Ein Pfeifkonzert der brasilianischen Stadionbesucher ist beiden sicher. Dem 75-jährigen Temer nimmt das Volk die Retter- und Reformerrolle nicht ab. Zu tief stecken Mitglieder seines Kabinetts, eigentlich fast die gesamte Politelite der Hauptstadt Brasília im Sumpf von Korruption und Postengeschacher. Allein auf dem Stuhl des Sportministers gab es seit der Wahl Rios vier Wechsel. Gefälligkeitstausch.

Die ersten landesweit koordinierten Anti-Temer-Demonstrationen fanden am 10. Juni statt. Weitere sollen folgen. Die Pro-Impeachment-Gruppen planen einen Aufmarsch am 31. Juli. Feststimmung sieht anders aus. Bei 11,2 Prozent Arbeitslosigkeit, bei einer Inflation in den zurückliegenden zwölf Monaten um die neun Prozent, bei einem Brutto-Inlands-Produkt, das wie zuletzt 1930/1931 in zwei aufeinanderfolgenden Jahren negative Zahlen schrieb, steht vielen einfach (noch) nicht der Kopf nach Olympia.

Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Rio-Reports, weshalb die Wettkampfbedigungen mitunter inakzeptabel sind.

23.07.2016






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