Rio-Report – Teil II
Verrostetes Schiff in brasilianischem Hafen (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

„Mach dich warm!“

Olympia-Gastgeber Brasilien steht unter starker Beobachtung. Die Wettkampfstätten werden zwar rechtzeitig fertig. Doch die hygienischen Bedingungen lassen mitunter zu wünschen übrig. Und dann gibt es auch noch das Zika-Virus.

Von Heiner Gerhardts

Im ersten Teil des dreiteiligen Rio-Reports ging es um die wirtschaftliche Rezession und die Korruptionsvorwürfe gegen die politsche Führung des Landes.

Vor der Fußball-WM 2014 war das Klima wegen drohender Volksproteste und den Verzögerungen beim Bau der teuren Stadien aggressiver, vor allem zwischen Weltverband FIFA und den lokalen Organisatoren. Am Ende wurde es ein tolles Fußballfest.

Diesmal werden alle Wettkampfstätten fertig. Einige mehr, andere im kleinen Umfang einmal kurz sportlich durchgecheckt, und nur im Fall des Velodroms erst gar nicht auf (volle) Belastbarkeit geprüft. Das aus Sibirien herübergeschiffte Holz für die Bahn traf zu spät ein. Die für den Bau der Arena zuständige Firma ging auf der Zielgeraden in Konkurs.

Immerhin fanden 44 Testevents unter dem Motto „Aquece Rio“ („Mach dich warm, Rio“) statt. Und offenbarten Mängel, die die Alarmglocken schrillen ließen. So störten Energieausfälle die Kunstturner in der Arena Olímpica sowie die Schwimmer im Parque Aquático Maria Lenk mitten in ihren Probeläufen.

Beide Stadien im Parque Olímpico, dem Herz der Spiele im Stadtteil Barra da Tijuca, waren zu dem Zeitpunkt noch nicht an das eigens auf dem Olympiagelände errichtete Umspannwerk angeschlossen. Die Arena Olímpica wird wegen ihres erhöhten Energiebedarfs auf Dieselgeneratoren zurückgreifen müssen.

Andere Forderungen des IOC – im Olympiapark ein vom Umspannwerk unabhängiges Stromkabel zur Beleuchtung der Fluchtwege, drastische Kapazitätserhöhung im Leichtathletik-Stadion, ein zusätzliches Netz zur Entlastung in der Olympiazone Deodoro – halten die Organisatoren und den Energieanbieter Light unter Spannung.

Für die bakterienverseuchten Gewässer der Baía de Guanabara kommt dagegen jede Hilfe zu spät. Zumindest bis zu den Spielen. Statt der angepeilten 80 Prozent werden nun 60 Prozent der sekündlich in die Bucht einfließenden 8000 Liter Abwässer gereinigt. Ein (viel zu) kleiner Erfolg für immerhin schon über 20 Jahre alten Investitionen.
So müssen Segler und Windsurfer in der Baía, aber auch Ruderer und Kanuten in der Lagoa Rodrigo de Freitas um Medaillen und Gesundheit bangen.

Bei den Testevents klagten etliche Sportler nach Kontakt mit dem Kloaken-Wasser über Übelkeit. Der deutsche Segler Erik Heil kehrte mit offenen Entzündungen an den Beinen, hervorgerufen durch Antibiotika-resistente Keime, von einer Testregatta zurück. Weil nahezu alle Umweltprojekte von der Olympia-Agenda gestrichen wurden, stinkt es auch zuweilen aus der Lagune des Parque Olímpico, Auffangbecken der ungeklärten Abwässer umliegender Regionen, zum Himmel (Kläranlagen-Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick).

Eine bedeutend größere Gefahr für die Olympia-Zone sind aber die Mücken, insbesondere die Aedes aegypti, gefürchtet als Überträger von Gelbfieber, Dengue, Chicungunya und – als neue Epidemie – Zika. Das Gesundheitsamt in Rio vermeldete für den Verwaltungsbezirk 14 (mit Barra da Tijuca) seit Jahresanfang 859 Dengue-Fälle, im benachbarten Bezirk Jacarepaguá gar 1749. Alarmierende Zahlen.

Auch in den anderen Olympiazonen wird kräftig gestochen. In Deodoro sind es zwar nur 29 Fälle, betrachtet man den gesamten Verwaltungsbezirk Realengo, schnellt die Zahl aber auf 1154 hoch. Selbst im betonierten Zentrum (107) und an der salzigen Copacabana (139) findet die schwarzgefärbte Mücke mit ihren weißen Körperstreifen Opfer. Eine Zika-Statistik gibt es nicht im Gesundheits-Portal.

Lesen Sie im letzten Teil des dreiteiligen Rio-Reports, weshalb mancher Besucher trotz aller Sicherheitsmaßnahmen mit einem mulmigen Gefühl zu den Spielen fährt.

Dieseser Artikel stammt aus der Juli-Ausgabe des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

30.07.2016






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