TV-Experten-Report – Teil I
ARD-Moderator Matthias Opdenho?vel und Experte Mehmet Scholl (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Sie sind überall

Kaum eine Sportsendung im TV kommt mehr ohne „Experten“ aus. Warum ist das so? Und was hat der Zuschauer davon? Eine Bestandsaufnahme.

Von Frank Schneller

So viel „Expertise“ gab es noch nie. Man hatte beinahe den Eindruck, jeder zweite (Ex-)Profi, der nicht gerade in den Ferien weilte, war: TV-Experte. Die Fußball-EM vergegenwärtigte einen Trend, der schon lange eingesetzt, aber jüngst noch einmal eine neue Dimension erreicht hat: Eine Armada ehemaliger Spitzensportler – vor allem in der Fußballbranche – erklärt im Fernsehen, was der Zuschauer da gerade gesehen hat, sieht oder zu sehen bekommen wird.
 
Amerikanische Verhältnisse, nicht nur bei den Sportformaten der Privaten, Sparten- und Bezahlsender, sondern auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Wo einst Rubenbauer/Rummenigge oder Delling/Netzer (Foto: firo Sportphoto/Augenklick) kommentierten, moderierten und auf ihre Weise das Zeitalter des Infotainments nur andeuteten, wo später Jürgen Klopp als Alleinunterhalter zum Fernsehstar wurde, haben ARD und ZDF ihre Teams personell beträchtlich aufgerüstet. Nicht nur bei der EM. Aber eben vor allem dort.
 
Zu den vertrauten Sidekicks Mehmet Scholl (ARD) und Oliver Kahn (ZDF) gesellten sich zahlreiche frühere Kicker, (Ex-)Trainer und -Schiedsrichter. Und so wurde in der Kleingruppe oder in großen, illustren Expertenrunden analysiert, gefachsimpelt, orakelt, gelobt und manchmal auch kritisiert. Wie im Falle Scholls, der sich nach dem Italien-Spiel selbst von der (Dreier-)Kette ließ und mit einigen Attacken überraschte.
 
Rolf Töpperwien war der Auflauf – von Kahn und Scholl abgesehen – suspekt. Er kritisierte in Sport Bild: „Die Experten-Fülle ist ein Armutszeugnis für die jeweiligen Redaktionsleitungen.“ Wenn mehr externe als interne Fachkräfte eingesetzt würden, so die Reporterlegende im Unruhestand, gehe das zu weit. Auch die Nähe zu den ehemaligen Kollegen sei aus seiner Sicht nicht immer gut – es gehe dann oft zu nett, zu nichtssagend zu.

Es geht um Infotainment, die USA sind das große Vorbild
 
Information plus Entertainment ergibt Infotainment. Genau darum geht es, wenn beispielsweise Bezahlsender Sky seinen Abonnenten geballte „Fachkraft“ rund um die Bundesliga-Spiele oder Partien der Handball-Königsklasse bietet. Getalkt wird dann wie im US-Fernsehen, wo sich beispielsweise die Granden des Basketballs, rund um den halbrunden Desk sitzend, über ihre Nachfolger auslassen, den Kugelschreiber stets zwischen den Fingern.
 
Doch sind die Amis uns in Sachen Show und Inszenierung – und darum geht es ja nicht zuletzt auch hierzulande – voraus. Sie präsentieren ihrem Publikum meist echte Schwergewichte der Szene, wie etwa Charles Barkley. In Deutschland kommen, um nur einige zu nennen, mitunter Stefan Schnoor, Jan-Aage Fjörtoft, Simon Rolfes oder Hanno Balitsch zu Wort – unabhängig von ihrer Eloquenz und Expertise keine schillernden Figuren oder echte Stars. Sie müssen mit ihrer Fachlichkeit überzeugen.
 
„Hanno hat sich schon immer mit den Medien beschäftigt, bringt journalistische Vorkenntnisse mit und hat sich sein Fernsehrüstzeug akribisch angeeignet“, berichtet Balitsch-Berater Stefan Backs, früher selbst (TV-)Journalist, „er hat weder den ganz großen Namen, noch ist er der Typ Sympathikus. Darum wurde er einst von Sky abschlägig beschieden. Aber beim ZDF bekam er seine Chance und hat sie durch Tiefgründigkeit und gute Analysen genutzt."
 
Lothar Matthäus (Sky), Stefan Kretzschmar (Sport1) oder Frank Wörndl (Eurosport) – große Originale ihres Sports – mussten um ihre TV-Jobs weniger kämpfen. Sie wurden gefragt. Andere bieten sich an – oder werden angeboten. „Beschäftigungstherapie“ oder „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ wird in der Branche schon mal getuschelt. Aber: Wer glaube, diese Tätigkeit sei „keine g’scheide Beschäftigung, liegt schon falsch“, sagt Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, neuerdings auch für die ARD tätig, der SZ. Die Herausforderung sei groß: „Es war für mich ein Riesenschritt, zum ersten Mal ein Spiel zu kommentieren.“

Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Reports über TV-Experten, wieso die Programmverantwortlichen so gerne prominente Ex-Sportler einsetzen.

Dieser Artikel stammt aus der August-Ausgabe des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

04.09.2016






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