Neues Sportmagazin Socrates
Ausschnitt des ersten Socrates-Covers (Foto: Verlag Democracia)

Ein mutiger Versuch

Seit kurzem ist Socrates hierzulande auf dem Markt. Das Berliner Verlagshaus Democracia hofft, dass „das denkende Sportmagazin“ in Deutschland ähnlich erfolgreich sein wird wie in seiner türkischen Heimat.

Von Hanna Raif

Socrates heißt das Blatt von Chefredakteur Fatih Demireli, der zuvor jahrelang bei Spox für den FC Bayern verantwortlich zeichnete. Und es hat sich mit dem Namenszusatz „das denkende Sportmagazin“ bewusst für eine Nische entschieden, in der die Macher eine Chance sehen. Vielleicht ist es verrückt, in Zeiten von Sparmaßnahmen und stetig rückläufigen Absatz- und Abonnementzahlen in ein gedrucktes Medium zu investieren.
 
Warum sollte man aber nicht den mutigen Schritt wagen, ein neues Sportmagazin auf den kriselnden deutschen Markt zu bringen, wenn man daran glaubt? Wie es gehen kann, beweist Socrates in der Türkei seit knapp zwei Jahren. Aus der Idee von Literatur-Verleger Can Öz, ein Sportbuch zu schreiben, wurde nach Gesprächen mit dem renommierten Sportjournalisten Bagis Erten das Magazin geboren, das heute das größte Sportblatt der Türkei ist (Demireli-Foto: Verlag Democracia).
 
Die Idee der Expansion bestand seit Längerem. Auch Spanien und England galten als interessante Märkte, Deutschland aber wurde für im Moment als noch geeigneter befunden. „Slow Journalism“ nennt der 33-jährige Demireli das Konzept, das in zwölf Ausgaben pro Jahr umgesetzt werden soll. Das Redaktionsteam, das aus Berlin gesteuert wird und in München sitzt, sieht es als seine Mission an, bloß keine aktuellen Zahlen, Spielergebnisse und Daten zum Anlass für Geschichten zu nehmen.
 
Es geht nicht um bestimmte Ereignisse, sondern um Nachhaltigkeit. „Sport“, sagt Demireli, „ist neben der Musik vielleicht das einzige Instrument, das Menschen unabhängig von Sprache, Herkunft, Glaube und Ideologie zusammenbringt. Und die Geschichte des Sports lässt sich in jeder Sprache erzählen.“

Es ist gut gelungen, die große Welt des Sports in vielen ihrer Facetten abzubilden
 
Allein die Haptik überzeugt Menschen, die Print nach wie vor lieben. Die 112 Seiten der ersten Ausgabe sind sowohl vom Material als auch von der Aufmachung am ehesten mit 11Freunde zu vergleichen. Und trotzdem bestehen Demireli und sein Team darauf, in Deutschland bisher konkurrenzlos zu sein. Weil sie mehr bieten als Fußball und einen neuen Bezug zu Sport und Sportlern herstellen wollen. Natürlich musste ein Zugpferd wie Jürgen Klopp das ansonsten schnörkellose erste Cover zieren, und „König“ Fußball findet auch im Innenteil genug Beachtung. Es ist zum Start aber gut gelungen, die große Welt des Sports in vielen ihrer zahlreichen Facetten abzubilden.

Das Bemühen, Sport aus dem philosophischen Blickwinkel zu betrachten, erkennt man an vielen Stellen. Es ist kein Zufall, dass der Name Socrates den Machern so gut gefiel. Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira war Arzt, politischer Querdenker, aber vor allem ein genialer Fußballer. Und der Namensgeber des brasilianischen Ausnahmetalents niemand geringeres als ein großer, prägender altgriechischer Philosoph.
 
Die Themen des für 5,80 Euro zu erwerbenden Heftes sind bunt gemischt. Aufmacher und Schmuckstück der ersten Ausgabe ist neben den beiden großen Interviews mit Fußball-Trainer Julian Nagelsmann von 1899 Hoffenheim und Tennis-Königin Angelique Kerber eine große Story, die den Namen „Game of Bosses“ trägt.
 
Auf 18 Seiten werden vier Trainer der Premier League (Klopp, José Mourinho, Pep Guardiola und Antonio Conte) beleuchtet. Der Ex-BVB-Coach wird von Liverpool-Insider Simon Hughes beschrieben und von Dramatiker Moritz Rinke philosophisch eingeordnet („Klopp kann sprechen wie ein Buch“). BVB-Profi Nouri Sahin schreibt bewundernswert offen über seinen ehemaligen Trainer Mourinho („Für den Erfolg geht er über Leichen“). Es scheint nicht nur an dieser Stelle, als sehen es auch die Sportler selbst als durchaus reizvoll an, an hintergründigen Geschichten außerhalb von Pressekonferenz-Räumen und Mixed Zones mitzuarbeiten.
 
Dass die Auflage schon vor dem ersten Erscheinungsdatum nach Rücksprache mit Zeitungshändlern von 30.000 auf 48.000 Exemplare erhöht wurde, macht Demireli und dem ganzen Team Mut. Es gibt sicher an manchen Stellen Verbesserungspotenzial, doch für den Anfang ist Socrates wirklich gut gelungen. Die nächste Ausgabe wird übrigens unter dem Motto „Helden“ stehen. Ein durchaus ambitioniertes Thema für ein zweites Heft. Aber warum nicht versuchen, wenn man daran glaubt?

24.10.2016






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Dezember/Januar

Titelthema

Die Besten – die Ausschreibung der VDS-Berufswettbewerbe

Studie
Die Otto Brenner Stiftung sieht Sportjournalisten in einer Rolle „zwischen Fanreportern und Spielverderbern“. Eine Analyse des Diskussionspapiers.
Von Thorsten Poppe

Interview
Sportchef Dirk Preiß über den „neuen Stuttgarter Weg“ der gemeinsamen Redaktion von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten
Von Elke Rutschmann

Weitere Informationen
Regionalvereine