Debatte
Nationalspieler Mario Götze (r.) und Maskottchen (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Plädoyer für einen politischeren Sportjournalismus

Der Sportjournalismus steht unter Druck. Stellenkürzungen und digitale Disruption sind nur zwei Schlagworte. VdSBB-Vorstandsmitglied Ronny Blaschke sieht zudem eine Gefahr: Zu viele Medien lassen sich von Verbänden und Vereinen einlullen. In einem Debattenbeitrag fordert er: Kolleginnen und Kollegen, macht Euch gerade!

Von Ronny Blaschke

Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung des KapitelsDie Zwänge der Fassadenmaler – Die Mehrheit der Medien inszeniert den Fußball als unpolitische Spielwiese“ aus Ronny Blaschkes Buch „Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei“ (Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2016, 288 Seiten, ISBN 978-3-7307-0254-3, Paperback, 16.90 Euro). Wir hoffen, mit dieser Veröffentlichung eine Diskussion über den Sportjournalismus anzustoßen. Zuschriften, Beiträge oder anderes Konstruktives sind nicht nur gerne gesehen, sondern ausdrücklich erwünscht.

Fast 30 Prozent ihrer Einnahmen erhält die Bundesliga aus der Medienverwertung. Fußball und Sendeanstalten sind in einer Produktionskette verwachsen. Die Vereine bieten Nachrichten zunehmend in sozialen Netzwerken an, viele Sportjournalisten pflegen Zuspitzung und Heldenverehrung. Wenn sich die Mehrheit mit Inszenierung beschäftigt, wer untersucht dann systemische Probleme wie Korruption, Doping oder Fangewalt? Und wer erklärt die Bildungschancen, die der Sport auch bietet?

In schwarzen Anzügen posierten die Weltmeister mit ihren Ehefrauen auf dem roten Teppich. Fotoapparate klickten, Fans kreischten. Wo sonst das Festivalzentrum der Berlinale liegt, verfolgten Spieler, Sponsoren und Journalisten die Premiere des Films „Die Mannschaft“. In dem 90 Minuten langen Streifen werden Tore, Paraden und Jubel zu einer Collage verwoben, mit Zeitlupen, Geigenmusik und Soundeffekten.

Zu sehen sind im Film auch Dieter Zetsche und Herbert Hainer, zu jener Zeit die Vorstandsvorsitzenden von Daimler und Adidas, zwei der wichtigen Sponsoren des DFB. Zu sehen ist auch Bastian Schweinsteiger, wie er dem langjährigen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter für dessen Unterstützung dankt. Was nicht erwähnt wird: der umstrittene Bau des deutschen Teamquartiers im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Oder die Umsiedlung vieler Bewohner für die WM-Stadienbauten, die heute kaum noch genutzt werden (Foto: Buchcover/Verlag Die Werkstatt).

Oliver Bierhoff, der Manager des Nationalteams, betonte, der Film sei für die Fans produziert worden, ohne journalistische Ambition. Und dennoch sollte man ihn nicht als harmloses Werbematerial beiseiteschieben, schließlich ist er zur besten Sendezeit im Januar 2015 auch in der ARD gelaufen. Die leitenden Angestellten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verweisen in solchen Fällen gern auf ihr Angebot, das sie über Fußball sonst noch im Programm haben: ausgewogene Nachrichten und Dokumentationen über Doping oder Korruption.

„Das Marketing hat die Kontrolle übernommen“

Worauf sie selten eingehen: Die Sender sind auch eine wichtige Geldquelle für die FIFA – und damit indirekt für den DFB. Für die WM in Brasilien sollen ARD und ZDF laut „Handelsblatt“ etwa 150 Millionen Euro gezahlt haben. Für das Turnier in Russland 2018 ist die Rede von 200 Millionen. Genaue Zahlen nennen die Anstalten nicht. Das gilt auch für die Honorare ihrer Experten wie Mehmet Scholl oder Oliver Kahn. Was sie von FIFA und DFB oftmals verlangen, liefern sie selbst nur begrenzt: Transparenz.

„Die Mannschaft“ verdeutlicht eine Entwicklung, die Michael Horeni in der „FAZ“ so kommentierte: „Die Nationalelf und die großen europäischen Klubs präsentieren sich nach dem Prinzip Hollywood. Das Marketing hat die Kontrolle übernommen. Was ist noch echt im Fußball? Und was ist Fake?“ Inzwischen betreiben alle Vereine in der ersten und zweiten Bundesliga einen eigenen Klubsender im Internet, dazu kommen Angebote bei Facebook, Twitter oder Instagram. Der Sportmanagement-Experte Christoph G. Grimmer von der Universität Tübingen hat in einer Studie nachgewiesen, wie Funktionäre und Spieler sich von etablierten Medien emanzipieren. Werden in zehn Jahren noch Journalisten gebraucht, die kritische Fragen im Fußball stellen? Journalisten, die Relevanz von Belanglosigkeit unterscheiden? Die Entwicklung legt die Vermutung nahe, dass Objektivität endgültig zur Floskel verkommt – und politische Debatten im Fußball nicht mehr von PR zu trennen sind (Blaschke-Foto: Reinaldo Coddou H.).

Die Vereinsmedien markieren das jüngste Kapitel der Fußballöffentlichkeit auf dem Weg zur Unterhaltungsindustrie. „Journalismus wird von Bildern dominiert“, sagt Gunter Gebauer, Philosoph der Freien Universität Berlin, der sich auch als ein Vordenker des deutschen Sports einen Namen gemacht hat. „Das Sportereignis ist nicht mehr das, was stattgefunden hat, sondern das, was das Fernsehen oder im Internet inszeniert wird. Es gibt kaum noch einen Unterschied zwischen Privatsendern und öffentlich-rechtlichen Anstalten. Sie verfolgen die gleiche Agenda.“

Ist es gerechtfertigt, wenn Thomas Kistner, sportpolitischer Experte der „Süddeutschen Zeitung“, den Großteil der Sportjournalisten als Fans bezeichnet, die es hinter die Absperrung geschafft haben? Oder sind jene Fans doch eher professionell, weil sie die Volksbewegung Fußball in eine ansprechende Show kleiden, mit Zeitlupen, emotionaler Sprache, rasanten Einspielfilmen? Sind jene Fans vielleicht sogar vorbildlich, weil sie ihrem Arbeitgeber zu Erfolg verhelfen, der sich an Quoten misst, an Werbeerlösen – und letztlich an der Sicherung ihrer eigenen Jobs?

Kaum kritische Themen, aber ganz viel Live-Fußball

Im Gegensatz zu den Privatsendern ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk gesetzlich verpflichtet, sein Angebot mit Sozialisationsbotschaften anzureichern. Im Sport sind das Themen wie Vielfalt, Fairness, Toleranz. Ein freier Sportreporter des ZDF sagt, dass er kaum kritische Themen in seiner Redaktion anbringen dürfe, namentlich zitiert werden möchte er nicht. Sein Sender zahle für die Übertragungsrechte der Champions League schätzungsweise 50 Millionen Euro pro Saison. Obwohl der Fußball kein Ereignis von „erheblich gesellschaftlicher Bedeutung“ ist, das laut Rundfunkstaatsvertrag im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt werden müsse.

ARD und ZDF erreichen mit ihrer Fußballberichterstattung regelmäßig mehr als zehn Millionen Menschen, das WM-Finale 2014 sahen 35 Millionen. „Wir dürfen die Finger nicht vom Fußball lassen“, sagt Steffen Simon, Sportchef und stellvertretender Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks. Im Juni 2014 war die ARD erstmals seit 20 Jahren wieder Markführer bei den 14- bis 30-jährigen Zuschauern.

Ähnlich argumentiert ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz (Foto: ZDF/Rico Rossival). Die Champions League würde in der Halbzeitpause junge Menschen an das „Heute-Journal“ heranführen, die sonst kaum Nachrichten verfolgen. Auf regionaler Ebene gehen einige Sender sogar offizielle Medienpartnerschaften ein: Der Norddeutsche Rundfunk kooperiert mit dem Hamburger SV und Hannover 96, der Rundfunk Berlin-Brandenburg mit dem 1. FC Union. Die Verantwortlichen erhoffen sich mehr Aufmerksamkeit und eine stärkere Bindung zum Publikum. Redaktionelle Absprachen, betonen sie, seien tabu.

Immer wieder lassen sich Reporter in Stadien beobachten, die sich mit Spielern verbrüdern oder jubelnd von ihren Plätzen aufspringen. Der Verband Deutscher Sportjournalisten hielt seine Jahreshauptversammlung 2016 im Pressesaal des FC Bayern ab, anschließend wurden die Reporter vom Münchner Mediendirektor Markus Hörwick bis auf den Rasen der Arena begleitet, für ein gemeinsames Erinnerungsfoto. Die Zahl der Journalisten, die zu Vereinen gewechselt sind, ist beträchtlich. Kann man es ihnen im Zeitalter der redaktionellen Sparzwänge verdenken?

„Lässt du dich jetzt vom DFB kaufen?“

Kaum jemand in diesem Geflecht ist frei von Anhängigkeiten. Der Verlag Die Werkstatt, in dem das Buch erscheint, aus dem dieser Beitrag stammt, erwirtschaftet seinen Umsatz vor allem mit Vereins- und Spielerbiografien. Erst diese Erträge ermöglichen es dem Verlag, kritische Bücher zu speziellen Themen zu veröffentlichen, über den Nationalsozialismus oder Korruption. Die Auflagen dieser politischen Lektüre sind geringer, daher werden sie oft zum Zuschussgeschäft.

Der Autor dieses Beitrages ist als freiberuflicher Journalist von dieser Mischkalkulation abhängig. Eine wichtige Einnahmequelle sind Honorare für Vorträge oder Moderationen von Podien, auch in Fanprojekten oder Stiftungen, die von DFB und DFL mitfinanziert werden. 2013 gab es für diese Arbeit den Julius-Hirsch-Ehrenpreis des DFB, dotiert mit 5000 Euro. „Lässt du dich jetzt vom DFB kaufen?“, fragten danach einige Kollegen.

Es sind Zweifel, die sich wohl nur durch differenzierte Recherchen ausräumen lassen, ohne den DFB dabei außen vor zu lassen. Der Anspruch: Die Nähe zu Protagonisten der Berichterstattung darf nicht zu Kritiklosigkeit führen. Ein Journalist darf sich einem Thema verpflichtet fühlen, aber keiner Organisation. Die 5000 Euro sind in Reisekosten für dieses Buch geflossen und haben Verdienstausfälle während der dreijährigen Recherchen zumindest etwas kompensiert.

Der Fußball insgesamt ist von einer Blase umgeben, in der ein banales Detail die Wucht einer Weltnachricht erlangen kann. Durch Massenmedien haben Vereine und Verbände ihre gesellschaftliche Stellung erlangt, nun beanspruchen viele von ihnen die Deutungshoheit. Was häufig vorkommt: Vereine suchen sich genau aus, welche Journalisten Interviews erhalten. Einige Spieler äußern sich über Wochen oder Monate überhaupt nicht mehr öffentlich. Bei manchen Jahreshauptversammlungen werden Reporter kollektiv vor die Tür gesetzt.

Und das Publikum? „Vom Hass auf unseren Berufsstand“ schrieb der freie Journalist Christoph Ruf in einer Titelgeschichte für den sportjournalist 4/15. „Man ist der ätzende Kaputt-Analysierer und der zynische Zerstörer all dessen, was echten Fans wichtig ist.“

„Trainer und Funktionäre werden wie Schauspieler und Sänger hofiert“

Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn eine Unterhaltungsindustrie wie der Fußball solche Extreme auslöst? Wie geht es einer Gesellschaft, in der Menschen sich so sehr an die Heldenverehrung ihrer Kicker gewöhnt haben, dass sie kritische Ausreißer mit Hass quittieren? Der Philosoph Gunter Gebauer sagt: „Millionenschwere Trainer und Funktionäre werden dem Alltag enthoben und wie Schauspieler und Sänger hofiert, die sich moralisch auch mal einen Fehltritt leisten können. Sie werden von Journalisten zurückhaltender bewertet als Politiker oder Wirtschaftsmanager.“

Im Idealfall ist der Journalismus eine Kontrollinstanz dieses Apparates, so wie es in Politik und Wirtschaft seit Jahrzehnten der Fall ist. Im Idealfall sind Journalisten Vermittler von komplexen Themen: Doping, Korruption, Stasi-Verstrickungen, Wettbetrug oder Fangewalt. Im Idealfall betrachten Journalisten den Fußball nicht als Ergebnisfabrik, sondern als Forum für Debatten, über Integration, Schulsport oder Ethik.

Würde es keinen reflexartigen, sondern einen politischeren Sportjournalismus geben, der nicht von Einzelkämpfern bestritten wird, es wäre allen längst klar: Rechte Gewalt und Korruption gehören seit Jahrzehnten zum Fußball. Holger Gertz warf in der „Süddeutschen Zeitung“ die wohl entscheidende Frage über Sportjournalismus auf: „Erziehen wir das Publikum, oder lassen wir uns vom Publikum erziehen?“

Helmut Digel, langjähriger Sportwissenschaftler in Tübingen mit einem Schwerpunkt auf Publizistik, erkannte bei seinen Studierenden häufig: „Viele sind aktiv in Vereinen und fühlen sich dem Sport leidenschaftlich verbunden. Das ist einerseits schön, aber für guten Journalismus fehlt ihnen die Distanz.“

Digel (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick) beobachtet bei Athleten, Vereinsvertretern und Sportreportern eine Gemeinsamkeit: „Wenn man sich an den Sport bindet, leidet die Allgemeinbildung. Ich empfehle, auch andere Interessen zuzulassen: Politik, Kultur oder Religionsfragen. Gerade Journalisten brauchen die Fähigkeit, sich selbst beobachten zu können.“

Dieser Artikel stammt aus der November-Ausgabe des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

17.11.2016






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