Journalisten-Schulung in Hamburg
Schiri-Seminar: Hellmut Krug vor Plenum (Foto: METELMANN Phorographie)

So soll der Video-Assistent für weniger Fehler und mehr Gerechtigkeit sorgen

Der Fußball heutiger Prägung ist rasend schnell. Die Schiedsrichter können nicht lange überlegen. Die Einführung des Video-Assistenten soll für Unterstützung sorgen. Dass es klappen könnte, zeigte sich auf der Veranstaltung „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“ in Hamburg.

Von Carsten Harms

Auch 2017 hieß es wieder: „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“. Das alljährlich stattfindende, vom Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) gemeinsam mit dem DFB organisierte Seminar fand diesmal in Hamburg statt und lockte rund 70 Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland an. Vertreten waren dabei praktisch alle Genres unseres Berufsstandes.

Besonders erfreulich war dabei auch, dass diese insgesamt sehr interessante und lehrreiche Veranstaltung auch von einer Reihe junger Sportjournalistinnen und Sportjournalisten besucht wurde. Im Auditorium war auch der HSV-Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen, der zu Beginn ein Grußwort sprach und den im Medienraum des Volksparkstadions versammelten Journalisten augenzwinkernd riet, ihre Fragen an die Schiedsrichter „devot“ zu stellen (alle Fotos: METELMANN Photographie).

Als Referenten waren die früheren Fifa-Unparteiischen Lutz-Michael Fröhlich als DFB-Schiedsrichterchef und Hellmut Krug in seiner neuen Funktion als Projektleiter Video-Assistent beim DFB und der DFL ins Stadion des HSV gekommen. So ging es im rund dreieinhalbstündigen, sehr lebhaften Seminar, das VDS-Vizepräsident Hans-Joachim Zwingmann perfekt organisiert hatte, überwiegend um das Thema, wie künftig mit Hilfe des Video-Assistenten relevante Fehlentscheidungen vermieden oder gegebenenfalls schnell korrigiert werden können.

Bereits in der laufenden Saison der Fußball-Bundesliga wird der Einsatz von Video-Assistenten getestet, allerdings ohne dass dies der Zuschauer im Stadion oder am Bildschirm bemerkt. Auch deshalb gibt es zu diesem Thema noch großen Aufklärungsbedarf, dem die beiden rhetorisch starken Referenten durchaus gerecht wurden.

Die Entscheidungsgewalt bleibt wie bisher beim Schiedsrichter

Krug und Fröhlich stellten gleich zu Beginn klar, dass der Video-Assistent nicht etwa die Funktion des Oberschiedsrichters haben werde, sondern auch „nur“ ein Assistent wie etwa die beiden Linienrichter und der „Vierte Offizielle“ sein werde. Die Entscheidungsgewalt bleibt also wie bisher beim Schiedsrichter.

Ebenso betonten Fröhlich und Krug, dass die Einführung der Videotechnik ausschließlich dazu dienen solle, krasse Fehler zu verhindern. „Damit soll der Schiedsrichter nicht permanent überwacht werden. Er soll vielmehr die Gewissheit haben, dass er auf eine Hilfe im Hintergrund weiß für den Fall, dass er eine wichtige Szene klar falsch bewertet haben sollte“, sagte Krug.

Fröhlich berichtete in diesem Zusammenhang, dass die Auswertung der Hinrunde in der aktuellen Bundesligasaison insgesamt 44 klare Fehler von Schiedsrichtern ergeben habe. „Dies ist deutlich weniger als in den Vorjahren“, sagte Fröhlich. Krug erklärte, dass immerhin 33 dieser Fehler mit dem Einsatz eines Video-Assistenten verhindert worden wären. Ziele des Einsatzes der neuen Technik seien nicht nur die Vermeidung klarer Fehlentscheidungen und dadurch eine höhere Fairness und Gerechtigkeit, sondern auch möglichst wenig Unterbrechungen und damit keine Veränderung des Charakters des Spiels.

Um die beiden letzten Punkte zu gewährleisten, soll nur in vier grundsätzlichen Situationen eingegriffen werden: beim Erzielen eines Tores, bei einem Strafstoß, bei Roten Karten (nicht Gelb-Roten!) und bei einer Verwechselung eines zu bestrafenden Spielers.

Konkret wird in solchen Fällen entweder der Video-Assistent dem Schiedsrichter mitteilen, dass er eine Szene anders bewertet. Oder der Schiedsrichter fragt bei einer Szene, in der er sich nicht sicher ist, den Video-Assistenten von sich aus. Gibt es zwischen den beiden eine Kommunikation, zeigt dies der Schiedsrichter an, indem er demonstrativ den Finger an sein Ohr hält.

Aktuelle und auch ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter als Video-Assistenten

Damit wird auch die Hoffnung verbunden, dass in diesen Momenten die Spieler nicht mehr wie bisher auf den Unparteiischen einreden. Zudem wird der Schiedsrichter die Möglichkeit bekommen, sich in einer Zone am Rande des Spielfeld selbst noch einmal die Szene anzuschauen, um sie einschätzen zu können („Review“). Dies wird er dann deutlich anzeigen, indem er, wie beim Eishockey schon lange üblich, mit seinen Händen die Umrisse eines Bildschirmes symbolisiert. Als Video-Assistenten sollen aktuelle und auch ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter eingesetzt werden, um eine hohe Qualität zu gewährleisten.

Dabei gilt eines: Nur dann, wenn der Video-Assistent eindeutig erkennen kann, dass eine Entscheidung falsch war, soll er den Feld-Schiedsrichter darauf hinweisen, diese zu ändern. Ist auch der Video-Assistent trotz mehrfacher Ansicht der TV-Bilder nicht sicher, dann soll es bei der ursprünglichen Entscheidung bleiben.

„Am Anfang der Testphase haben wir manchmal länger als 90 Minuten gebraucht, um zu einem Ergebnis zu kommen. Das ist viel zu lang. Jetzt liegen wir bei zehn bis 40 Sekunden, teilweise sogar unter zehn“, berichtete Krug. „Es wird in der Praxis am Anfang sicherlich nicht alles reibungslos laufen. Aber wir werden die ganz großen Böcke herausbekommen. Ich denke, dass 90 Prozent der klaren Fehler vermieden werden können“, sagte er weiter. Krug appellierte zudem an die Journalisten, nicht gleich nach der Einführung das neue System zu „zerreden“, weil dies der Sache auf keinen Fall dienlich sein könne.

Wie immer sehr spannend und unterhaltsam war später die angeregte Diskussion über strittige Szenen aus der abgelaufenen Hinserie. Wann liegt ein strafbares Handspiel vor, wie hart oder gar brutal muss ein Foulspiel sein, damit eine Rote Karte gerechtfertigt oder sogar zwingend notwendig ist? Die Meinungen gingen im Einzelfall weit auseinander, wobei Krug und Fröhlich einräumten, dass manche Fouls gerade noch mit Gelb geahndet werden können, Rot aber auch vertretbar und daher keine Fehlentscheidung sei.

Nach abschließenden Grußworten von VDS-Präsident Erich Laaser endete das Seminar gegen 14.30 Uhr. Die angeregten Gespräche der Kolleginnen und Kollegen danach waren ein Beleg dafür, dass alle zum einen viel Neues erfahren haben, zum anderen die Auslegung der Fußballregeln im konkreten Einzelfall auch weiter ein weites Feld für Diskussionen sein wird.

07.02.2017






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