AIPS-Programm „Young Reporters“
Christian Alexander Hoch (links) im Einsatz (Foto: AIPS)

Meine Woche bei den Special Olympics World Winter Games 2017

Gewinnen ist nicht alles im Sport. Das stellte Christian Alexander Hoch gerade bei den Special Olympics World Winter Games 2017 in Österreich fest. Ein Erfahrungsbericht des jüngsten VDS-Mitglieds vom AIPS-Programm „Young Reporters“.

„Echte Liebe“, „Mia san mia“ oder „Wir leben dich“ – jeder von uns kennt die Slogans der Bundesliga-Vereine nur allzu gut. Wir alle haben mit ihnen zu tun, begegnen ihnen nicht nur am Wochenende im Stadion. Doch wie ernst sind solche Sprüche gemeint? Wie viele echte Emotionen stecken wirklich drin? Darauf gibt es zumindest im Fußball keine klare Antwort.
 
Für die Athleten der Special Olympics World Winter Games 2017 in Österreich aber stellt sich genau diese Frage erst gar nicht. Für sie steht fest: Gewinnen ist nicht alles im Sport. Das habe ich in meiner Woche vor Ort erlebt.
 
Vor rund einem Monat nominierte mich der Verband Deutscher Sportjournalisten für das „Young Reporters“-Programm der AIPS. Im Zuge der olympischen Winterspiele für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung berichtete ich deswegen gemeinsam mit 14 anderen Teilnehmern eine Woche lang über die Spiele. Es war eine emotionale und intensive Zeit, die mich als Journalist und auch als Person weitergebracht hat.
 


Die Tage gingen gleich gut los: Nach dem Frühstück luden unsere Mentoren Keir Radnedge, Josef Langer, Evelyn Watta und Bence Mohay zum gemeinsamen Meeting. Wir bekamen dort Feedback für unsere geleistete Arbeit vom Vortag (Artikel, Fotos und Videos) und besprachen das weitere Vorgehen. Das war vergleichbar mit einer Redaktionssitzung.

Gegenseitiger Austausch und gegenseitige Unterstützung
 
Ich lernte dabei unterschiedliche Herangehensweisen von Journalisten aus insgesamt 14 verschiedenen Nationen kennen. Gegenseitiger Austausch und gegenseitige Unterstützung standen im Vordergrund: Am Ende hatten wir 30 Artikel und neun Videos im TV-Format über die Special Olympics World Winter Games produziert. Im Fokus standen dabei aber nie die sportlichen Ergebnisse, sondern die Personen beziehungsweise Athleten mit ihrer eigenen Lebensgeschichte, also jene Menschen, die sonst nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen zusteht.
 
In den insgesamt acht Tagen knüpfte ich zahlreiche neue Kontakte in die unterschiedlichsten journalistischen Gebiete (TV, Print, Online und Radio) und erweiterte mein internationales Netzwerk. Unbewusst lernte ich aber etwas noch viel Entscheidenderes: Aufrichtige Emotionen sind heutzutage wichtiger denn je. Das geschriebene oder gesprochene Wort bringt eine sehr große Verantwortung mit sich und kann eine ganze Menge mehr bewirken, als mancher vielleicht vermuten würde. Genau das haben mir die Menschen bei den Special Olympics World Winter Games 2017 gezeigt.
 
Zugegeben: Anfangs wusste ich nicht, wie ich auf die Athleten zugehen oder mit ihnen ins Gespräch kommen sollte. Das sind dann wohl die typischen Voreingenommenheiten und Berührungsängste. Sehr erstaunlich: Nicht ich hob diese Grenze zwischen mir und ihnen auf, sondern sie.

Pure Freude in den Gesichtern und aufrichtiges Interesse
 
Unmittelbar nach der ersten Orientierung in der Stadthalle Graz, wo die Hallen-Wettkämpfe stattfanden, kam ein großer Teil der indischen Delegation auf mich zu und suchte das Gespräch. Vor mir stand in diesem Moment eine Schar von Menschen, die mich zu Beginn einfach nur anlächelten. Die pure Freude in den Gesichtern und das aufrichtige Interesse an dem, wer ich bin und was ich mache, berührte mich auf Anhieb. Dass Sportler das Gespräch mit Journalisten suchen und fragen, wer man sei, würde es wohl kaum bei einer Fußballweltmeisterschaft geben.
 
Eine weitere Szene, die beschreibt, worum es den Athleten in Österreich wirklich ging: Beim Schneeschuh-Rennen kam ein Athlet zu Fall und blieb liegen. Anstatt weiter zu laufen und sich auf seinen eigenen Erfolg zu konzentrieren, half ihm ein anderer Teilnehmer wieder auf die Beine und beide liefen gemeinsam weiter in Richtung Ziellinie.
 
Ich werde die Zeit vom 17. bis 25. März mit all den Erinnerungen nie vergessen und versuchen in Zukunft von ihr zu profitieren. Eines habe ich gelernt: Nicht alleine das Gewinnen darf im Sport im Vordergrund stehen, sondern die Menschen, die dahinterstecken. Ob geistige Beeinträchtigung oder nicht – die pure Freude und Leidenschaft am Sport hat jeder.

27.03.2017






« zurück
Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
August/September 2020

Titelthema

Corona – und jetzt? Über die Auswirkungen der Krise auf die Arbeit von Sportjournalisten
Von Gregor Derichs

Studie
#MeToo in deutschen Sportredaktionen: Ergebnisse einer Umfrage der TU München
Von Prof. Dr. Michael Schaffrath

Medien
In der Zange: Ein kritischer Blick auf die zunehmende Anzahl von Sportdokumentationen
Von Thorsten Poppe

Weitere Informationen
Regionalvereine