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Facebook-Logo auf Computer-Tastatur (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

NetzDG nervt, Facebook schrumpft

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz: NetzDG, soll dafür sorgen, dass Hass und Gewalt nicht mehr über die Sozialen Netzwerke verbreitet werden sollen. Bislang gibt es jedoch noch einige Schwierigkeiten mit der neuen Regelung.

Von Gregor Derichs

Am 1. Januar trat das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft. Durchsetzungsgesetz heißt es, weil die Gesetze im Netz durchgesetzt werden sollen. In der ersten Woche traf es die AfD-­Frau Beatrix von Storch und die Redaktion der Titanic, deren Tweets bei Twitter gelöscht wurden. Dass Hetze und Satire gleichermaßen rasiert wurden, offenbarte, dass das Gesetz mit dem furchtbaren Namen wohl nicht so funktioniert, wie es geplant war. Umgehend wurden Forderungen laut, das unselige Machwerk wieder abzuschaffen. Geduldigere Zeitgenossen meinten, es brauche schon ein wenig Zeit, bis das NetzDG so wirke wie von seinen Schöpfern gedacht.

Kurios ist das Paragrafenwerk aber allein wegen seiner Grundstruktur: Den Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter wird die Aufgabe übertragen, sich selbst zu reinigen, wenn sie Hinweise erhalten, dass wie im Fall von Storch rassistische Verunglimpfungen unters Volk gebracht werden. Laut NetzDG müssen „offensichtlich strafbare Inhalte“ innerhalb von 24 Stunden gesperrt werden. Zuerst traf es von Storch, dann die Titanic, die auf die Tirade der Politikerin sarkastisch reagiert hatte. Der gesamte Titanic­-Account wurde für 48 Stunden lahmgelegt (Derichs-Foto: Bernd Lauter).

Gedrucktes vom Markt nehmen zu lassen, ist ein juristisch kompliziertes Verfahren. Im Netz geht das nun ruckizucki. Es muss sich nur einer melden, dem ein Tweet oder ein Posting nicht gefällt. Beim betreffenden Netzwerk sitzen Löschexperten. Bei Facebook nennen sie sich Content-Moderatoren und wurden zu Hunderten eingestellt nach der Kritik, es geisterten fast nur noch Fake News herum. Die Prüfer sind im Zweifelsfall humorfrei, wobei Ironie richtig zu verstehen noch nie ganz leicht war.

„Drei Monate Hölle, plötzlich Teil einer Art digitalen Proletariats“

Arvato, eine Bertelsmann­-Tochter, betreibt das Lösch­-Business für Facebook. Im SZ-Magazin gab eine Frau tiefe Einblicke in diesen Job. Titel: „Drei Monate Hölle“. Weil sie täglich Gewalt und Folter, Kindesmisshandlungen und Enthauptungen sehen musste, kündigte sie schnell wieder. „Es war wie in einer Fabrik, ich war plötzlich Teil einer Art digitalen Proletariats: mehr als 700 Leute in einer hermetisch abgeschirmten Umgebung und keinerlei Kommunikation nach außen.“

Der Strom der „Tickets“, wie die beanstandeten Meldungen intern genannt werden, summiere sich bei Facebook nach ihren Informationen weltweit auf 6,5 Millionen pro Woche, sagte die Frau. Welche Rolle sie ausüben sollte, war ihr unklar. Als Zensor, der die Meinungsfreiheit beschnitten habe, hat sie sich nicht gefühlt.

Wobei sie auf ihrem Aufgabenfeld, türkische Beiträge zu checken, nur selten Meinungsäußerungen prüfen musste. „Es ging um Handlungen oder Verhalten, die als anstößig gemeldet wurden – in Bildern, Texten oder in Facebook­Livestreams: Gewalt, Grausamkeit, Hetze, Sadismus, Mobbing, Selbstverletzungen. Jeder Laie, der gesehen hat, was ich am laufenden Band gesehen habe, muss zu der Überzeugung kommen, dass unsere Gesellschaft krank ist.“

Gemessen an dieser Einschätzung wirkt die Entscheidung, einen ohnehin sich selbst entlarvenden Tweet der Rassistin von Storch gleich aus dem Netz zu nehmen, wie panischer Aktionismus. Eine Kritik am NetzDG lautete, durch voreiliges Löschen würde die Meinungsbildung eingeschränkt.

Mal sehen, wann das Thema den Sport erreicht, der einem nach dem Beitrag der Facebook­-Prüferin wie eine Oase der Harmlosigkeit vorkommt. Aber vielleicht erledigt sich das Problem auch dort. Facebook schrumpft! Bis Ende 2017 wurde innerhalb von zwölf Monaten ein deutlicher Reichweiteneinbruch gemessen, wie der Branchendienst OnlineMarketing.de berichtete. Das Engagement auf Facebook soll um 20 Prozent gesunken sein. Nutzer ziehen sich zurück, laut Umfragen, weil sie zu oft Werbung und Nachrichten untergejubelt bekommen.

Das einstige Freunde­-Netzwerk kündigte im Januar an, die Reichweite von Publishern zurückzudrängen. Der User soll wieder mehr Meldungen seiner Freunde zu sehen bekommen, Posts von Freunden und Familie den Vorrang vor Nachrichten erhalten. Das trifft auch die Verlage, die Facebook noch für einen sinnvollen Vertriebsweg halten.
 
Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Februar/März 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS erhalten das Heft automatisch per Post und können sich es zudem als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

12.03.2018






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