Der Wert von Werten – Teil I
Eröffnungsfeier beim Confed-Cup 2017 in Russland (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Die große Verantwortung des Sportjournalismus in Zeiten der Instrumentalisierung

Der Sport entfernt sich bei Großereignissen von seinen Prinzipien. Welche Auswirkungen hat das auf Athlet*innen und sportjournalistische Berichterstattung? Der Versuch einer Annäherung.

Von Katrin Freiburghaus

Anna Musytschuk hat ihre Titel verloren. Die Weltmeisterin im Schnell-­ und Blitzschach weigerte sich im Dezember vergangenen Jahres, zu deren Verteidigung nach Riad zu reisen, weil sie die Situation für Frauen in Saudi-Arabien unzumutbar fand. „Ich hätte mehr verdienen können als mit einem Dutzend anderer Wettkämpfe“, schrieb die Ukrainerin auf ihrer Facebook­-Seite, „aber es sind Taten, die zählen, nicht nutzlose Erklärungen.“

Dass eine Sportlerin eine WM boykottiert und sich offen mit ihrem Verband anlegt, ist die Ausnahme. Weit geläufiger ist Kolleg*innen die Vorsicht von Athlet*innen oder ihr vermeintliches Desinteresse an der Umgebung, in der sie antreten. Es ist ein Zustand, an dem sich wohl so schnell nichts ändern wird. Denn ein Blick auf die Gastgeber sportlicher Großveranstaltungen in der jüngeren Vergangenheit und nahen Zukunft zeigt eine Entwicklung, die Johannes Aumüller von der Süddeutschen Zeitung als „ganz gefährlich für den Sport“ einstuft (Foto Fifa-Präsident Infantino, links, und Russlands Präsident Putin: GES-Sportfoto/Augenklick). Die Vergabe von Sportevents an Länder mit niedrigen demokratischen Standards und dokumentierten Verstößen gegen Menschenrechte und Pressefreiheit findet er „zumindest in dieser geballten Konzentration verwerflich“.

Für die Berichterstatter bleibt dieser Trend nicht ohne Folgen: Die Anforderungen an abhörsichere Kommunikationswege steigen, der freie Zugang zu unabhängigen Quellen wird erschwert bis verunmöglicht. Doch Astrid Rawohl, Ressortleiterin Sport beim Deutschlandfunk, erkennt bei den Dachverbänden Fifa und IOC „eigentlich nur eine Haltung, und das ist die Macht des Geldes“. Vermarktung und Geschäft stünden im Mittelpunkt des Interesses, und das, ergänzt Aumüller, ginge erfahrungsgemäß „viel besser“ in Ländern, in denen man nicht mit Widerspruch rechnen müsse. „In Russland oder China gibt es kein Referendum, da kannst du dir als Sportverband sicher sein, dass alle Wünsche erfüllt werden.“

Großereignisse nur noch in autoritär geführten Staaten oder Diktaturen

Christian Mihr bedauert die damit einhergehende Entfremdung der sportlichen Saisonhöhepunkte von ihrem ursprünglichen Zweck. „Es ist ein Drama, dass solche Ereignisse offenbar nur noch in autoritär geführten Staaten oder Diktaturen stattfinden können und dürfen, weil viele Menschen in Demokratien den Versprechungen, die IOC und FIFA machen, zu Recht nicht trauen“, sagt der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. Es sei notwendig, über die Vorgaben zu reden, „die IOC und Fifa offenbar diktieren und denen sich nur noch autoritäre Staaten und Diktaturen beugen“.

Die Vorwürfe sind nicht neu und lasten schwer auf Organisationen, die sich Toleranz und Frieden auf ihre Fahnen schreiben. Dennoch scheint keine Änderung in Sicht, was damit zu tun haben könnte, dass die Zuständigkeiten für den Status Quo ebenso hin­ und hergeschoben werden wie die Verantwortung für flächendeckenden Protest.

Die Olympische Charta, die jede Form politischer oder religiöser Äußerung bei den Olympischen Spielen untersagt, steht Pate für die geheuchelte Unwissenheit um die politische Instrumentalisierung des Sports. Sport sei „seit Jahrzehnten stark politisiert, und zwar quer durch alle Staatsformen“, betont Aumüller. Er erinnert an Angela Merkel in der Kabine der deutschen Fußballer in Brasilien. „In Deutschland ist er es aber in einer anderen Form als in Russland, wo Sport ganz offiziell Teil der Außenpolitik ist“, sagt er. Auch Mihr sieht die Charta in diesem Punkt „sehr kritisch“, da es sich bei Olympischen Spielen „nicht um politisch unabhängige Ereignisse“, sondern um ein „politisches Statement“ handle.

Auf weniger Nachsicht bei politischer Positionierung hoffen dürfen Athlet*innen, wie der Fall der norwegischen Langläuferinnen in Sotschi zeigte, die dafür gerügt wurden, dass sie aus privaten Gründen mit Trauerflor liefen. „Da reagiert das IOC schnell und hart“, sagt Rawohl, „wenn Athleten wegen so etwas schon Konsequenzen fürchten müssen, ist das eine Machtdemonstration, die klar zeigt, wie die Abhängigkeiten sind.“ Die Wahrscheinlichkeit für offene Interviews am Streckenrand steigt dadurch nicht.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Februar/März 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS erhalten das Heft automatisch per Post und können sich es zudem als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen. Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Reports über die verlorenen Werte im Sport, warum viele Sportler*innen zumeist erst nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn öffentlich kritische Äußerungen tätigen.

Anmerkung der Redaktion: Nach Erscheinen des Heftes hat sich Christian Klaue mit einer E-Mail an die Redaktion des sportjournalist gewandt. Wir dokumentieren hier seine Kritik. Klaue ist noch bis Ende Februar beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für die Kommunikation im deutschsprachigen Bereich zuständig, ab 1. April arbeitet er wieder in leitender Funktion für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Klaue stört sich vor allem an obiger Aussage Christian Mihrs von Reporter ohne Grenzen. „Es ist ein Drama, dass solche Ereignisse offenbar nur noch in autoritär geführten Staaten oder Diktaturen stattfinden können und dürfen.“ Klaues Replik: „Schade, dass selbst im Sportjournalisten solche Aussagen vor Veröffentlichung keinem Faktencheck unterzogen werden. 2017 hat das IOC die Olympischen Spiele nach Frankreich und in die USA vergeben. Für die Winterspiele 2026 gibt es Interessenten aus Schweden, der Schweiz, Japan und Kanada. Mir ist neu, dass es sich hierbei um autoritäre Staaten oder Diktaturen handelt.“

13.03.2018






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