Studie zur Live-Berichterstattung im Sportjournalismus – Teil II
Dortmunder Fans vor Stadionanzeige (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Hohe Ansprüche und schlagfertige Kollegen

Live­-Berichterstattung wird immer wichtiger. Doch wie unterscheiden sich die so tätigen Sportjournalist*innen von ihren Kolleg*innen? Welchen Stellenwert haben sie innerhalb der Berufsgruppe? Eine wissenschaftliche Studie gibt Auskunft, auch über die Erwartungshaltung der Zuschauer.

Von Jana Wiske

Im ersten Teil der Studie ging es um die Frage, wie TV-­Kolleg*innen, die in der Live-Berichterstattung tätig sind, eingeschätzt werden. Das Urteil war eindeutig – zu einem sehr großen Teil als privilegiert und abgehoben.

Radio-­ und Online­-Leute aus der Live­-Berichterstattung schneiden in der Gunst der Berufsgruppe besser ab. Radio­Mitarbeiter*innen in der Live­-Berichterstattung werden vor­zugsweise als „schlagfertig“ (79,1 Prozent) und „kompetent“ (77 Prozent) eingeschätzt. Lediglich 3,4 Prozent der Befragten sehen diese als „abgehoben“ an, verschwindend geringe 1,7 Prozent ordnen sie bei „unbeliebt“ ein. Große Unterschiede in der Wahrnehmung der Kolleg*innen und der Selbsteinschätzung sind in den Bereichen „kreativ“ und „stressresistent“ zu dokumentieren. Die Gesamtheit bewertet diese Eigenschaften als deutlich weniger wichtig als die Betroffenen selbst.

Online­-Sportjournalist*innen in der Live­-Berichterstattung werden in erster Linie als „kompetent“ (49 Prozent) und „kreativ“ (47 Prozent) eingeschätzt, an dritter Stelle nennen die teilnehmenden Personen „stressresistent“. Die Selbsteinschätzung der Onliner sieht genau diese Eigenschaft vorn. Im Vergleich zu den Radio­-Journalist*innen sind die Protagonisten des digitalen Mediums unbeliebter, da Kolleg*innen aus den klassischen Massenmedien in der Online­-Kommunikation eine immer größer werdende Konkurrenz sehen.

Die Schwierigkeiten in der Printbranche werden dem stetig wachsenden Online­-Angebot zugeschrieben. Selbst innerhalb einer Medienmarke herrschen bis heute Berührungsängste zwischen Print-­ und Online­-Redaktion. Die Mitarbeiter*innen bei den digitalen Medien fühlen sich im eigenen Haus wenig anerkannt, oft werden sie als „Technik-­Nerds“ ohne journalistische Ausbildung eingestuft. Wenig selbstbewusst ordnen sich die Onliner in der Live­Berichterstattung selbst ein: 14,8 Prozent bezeichnen sich als „unbeliebt“. Diese Einschätzung teilen sie mit den TV­Kolleg*innen.

Oft genug lassen sich auch Kolleg*innen im Sportjournalismus von anderen beeinflussen. Wird etwa ein Fußballspieler im Fernsehen häufig kritisiert, dürfte auch der Fernsehzuschauer von der schlechten Leistung des Sportlers überzeugt sein. Ein Multiplikationseffekt kann sich einstellen. Printmedien reagieren häufig sehr stark auf die Beurteilung des TV-­Kommentators und beurteilen ähnlich. Entsprechend attestiert die Mehrzahl der Befragten den TV-­Kolleg*innen in der Live­-Berichterstattung den größten Einfluss auf Veröffentlichungen. Auch die Betroffenen selbst empfinden ihren Einfluss im Vergleich zu den restlichen Sportkommunikatoren als höher. Online-­ und Radio­-Live­journalist*innen ordnen sich deutlich dahinter ein (siehe folgende Abbildung).



In der Hierarchie der Live-­Medien hat sich Online bereits hinter TV, aber vor dem Radio auf Platz zwei eingeordnet. Bei der Erwartungshaltung an die Qualität der Berichterstattung belegt die Online­-Direktübertragung allerdings den letzten Platz. Trotz zunehmender Live-­Berichterstattung und einer Informationsflut durch immer mehr Online-­Portale ist die Erwartungshaltung an die Qualität der Berichterstattung im Sport bei der Zeitung am höchsten.

Das Ergebnis war einerseits so zu erwarten, arbeiten doch über 41,1 Prozent der befragten Sportjournalist*innen bei der Zeitung (Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick). Andererseits bleiben 58,9 Prozent, die sich auf die anderen Medien verteilen und zu diesem Resultat beigetragen haben. Dem Printprodukt Zeitung wird – trotz Krise – die höchste Qualität zugesprochen. Damit liegt es noch vor dem Medium Fernsehen.

Doch während die eigene Berufsgruppe von den Kolleg*innen der Zeitungen die höchste Qualität bei der Berichterstattung erwartet, ist dieses Produkt beim Rezipienten in dieser schnelllebigen Zeit anscheinend weniger gefragt. Zumindest sind die rückläufigen Auflagenzahlen ein Indiz dafür. Dennoch ist Glaubwürdigkeit ein Schlüssel, um nachhaltig erfolgreich im Printbereich zu bleiben.

Dies ist das Fazit

Die Ergebnisse bekräftigen eine Sonderstellung der Sportjournalist*innen aus der Direktübertragung innerhalb der Berufsgruppe. Tatsächlich heben sich diese von ihren Kolleg*innen in Einschätzungen zur Zukunft, zu Herausforderungen und Anreizen ab. Aktuell arbeiten 69 Prozent in der Live­-Berichterstattung, lediglich ein knappes Drittel (31 Prozent) übermittelt die Sportnachrichten nicht in Echtzeit an den Konsumenten.

Sportjournalist*innen in der Live-­Berichterstattung zeigen ein starkes Selbstbewusstsein und sehen gute Zukunftschancen mit privilegiertem Zugang zu Sportevents und Spitzensportler*innen. Divergenzen liegen zwischen den verschiedenen Live­-Protagonisten von TV, Radio und Online vor.

Während die Live-­Arbeitenden beim Radio positiv eingeordnet werden, sieht die Berufsgruppe Kolleg*innen aus TV und Online kritischer. Vor allem aber die Sportjournalist*innen aus dem TV-Bereich haben große Einflussmöglichkeiten auf den Programmablauf (Wiske-Foto: privat).

Tatsächlich tragen die sich im steten Wandel befindlichen externen Einflussgrößen und interne Entwicklungen zu Veränderungen innerhalb der Berufsgruppe bei und verlangen eine aktuellere Einordnung der Sportjournalist*inne in Deutschland unter Berücksichtigung der Stellung der Live­-Berichterstatter.

Die Branche hat sich insgesamt bereits den crossmedialen Gegebenheiten angepasst. Und so bedarf es gerade der Live-­Sportjournalist*innen, um die Ansprüche der Rezipienten auch in Zukunft zu befriedigen.

Jana Wiske, 43, promovierte am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg und war bis Oktober 2017 Kicker-Redakteurin. Derzeit hat sie eine Professur an der Hochschule Ansbach in den Bereichen Ressortjournalismus und Unternehmenskommunikation inne. Die vorliegende Studie entstand im Rahmen von Wiskes Doktorarbeit. Die Ergebnisse sind auch in Buchform erhältlich (Die Elite – Die Bedeutung der Live-Berichterstattung im deutschen Spitzensport aus der Sicht von Sportjournalisten, Herbert von Halem Verlag).

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27.08.2018






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