WM in den USA
Mexikanische Fußballfans (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Fußball zum Frühstück

Noch ein paar Tage ist Thomas Horky in den USA, dann geht es zurück nach Hamburg. Er bringt viele Eindrücke mit heim. WM-Spielen am frühen Morgen wird er weniger hinterhertrauern.

Von Thomas Horky

Zum Filterkaffee gibt es „milk with vanilla and hazelnut flavor“. Der Deutsche hat Croissants und Nutella für alle mitgebracht, die gut 30 Amerikaner in der Sportsbar in Bloomington/Indiana versuchen sich um 11.00 Uhr morgens bereits an einem Bier-Sample mit fünf verschiedenen Sorten, selbstgebraut. Studenten im ManU-Trikot, Lacher bei jedem Foul in Zeitlupe. Deutschland gegen Mexiko in den USA – das ist Fußball zum Frühstück.

Etwa 500 Millionen Dollar hat sich der US-Sender Fox Sports die Rechte für die Weltmeisterschaften 2018 bis einschließlich 2026 kosten lassen und damit den langjährigen Fußball-Sender ESPN abgelöst. Einige Spiele sind „nur“ auf dem kleinen Kanal FS 1 zu sehen (Horky-Foto: Hochschule Macromedia).

Fox hat einige wirklich vernünftige Kommentatoren (immer im Duett mit einem Experten als „color commentator“) und ein Studio mit Fußball-Sachverständigen wie Guus Hiddink, Hernan Crespo oder Alexi Lalas nahe dem Roten Platz in Moskau aufgebaut.

Nach der Nicht-Qualifikation der USA ist der Aufwand zwar überschaubar, die Übertragungen sind aber wirklich ordentlich. Dennoch schalten viele Amerikaner gerne auf die spanischsprachige Liveübertragung für die vielen Einwanderer aus Mexiko und Kuba um, da ist deutlich mehr Emotion im Spiel.

Für die USA ist die WM ohne ein eigenes Team sowieso „weird“. Eine willkommene Abwechslung nach der doch etwas eintönigen Finalserie der NBA (4:0 für die Golden State Warriors gegen die Cleveland Cavaliers) und dem ewigen LeBron-James-Medienthema („Verlässt der Superstar die Cavs oder nicht“?). Aber so richtig WM-Fieber sieht anders aus. Im Durchschnitt 3,18 Prozent Marktanteil gab es beim deutschen Spiel, für Fox ein eher mäßiger Wert, geschuldet wohl vor allem dem Gegner.

Cheering for the underdog!

Die größte Frage ist: Für wen sind die USA jetzt eigentlich? In der Bar ist die Verteilung klar: Tor für Mexiko – Jubel! Auch wenn die Mexikaner der größte Rivale der USA sind, das Land ist und bleibt der Nachbar. Das große Magazin Sports Illustrated hat mit seinem Island-Titel zu Beginn der Weltmeisterschaft die Stimmung wohl auf den Punkt gebracht: WM ist bandwagon-time, cheering for the underdog.

Tatsächlich ist „root for your roots“ ein großes Thema: Diese Nation mit ihrer Vielzahl an Migranten sucht sogar in ihrer DNA nach dem persönlichen WM-Favoriten, wortwörtlich. Ein Sponsor der Fox-Übertragungen ist 23andme.com, ein Unternehmen mit dessen Hilfe Menschen ihre Gene analysieren lassen können (in den USA vor allem ein Vatertags-Geschenk!).

Kurz vor Start der WM in Russland bescherte die Fifa mit der Wahl des „United Bids“ von Kanada, USA, und Mexiko dem Sender Fox Sports und auch der wirklich großen Anzahl an Fußballfans in den Staaten das größte Geschenk: Das eigene Team ist als Gastgeber in acht Jahren auf jeden Fall qualifiziert (Logo-Foto: Fox Sports).

Für mich geht ein halbes Jahr Lehre und Forschung an der Indiana University in Bloomington dem Ende entgegen, dies ist meine letzte Kolumne über Sport und Medien aus den USA. Als eine letzte Etappe steht noch eine Reise zu einer großen Kommunikations-Konferenz nach Eugene/Oregon bevor.

Pacific Time heißt auch weitere drei Stunden Zeitunterschied – und das letzte Gruppenspiel Deutschland gegen Südkorea dann um 7.00 Uhr in der Früh.

Wir danken dem VDS-Partner und Macromedia-Professor Thomas Horky für seine Medienkolumnen aus den USA. Hier noch einmal die Links zum Nachlesen:

– 12. Februar 2018
Olympia im US-TV – Gold mit 30 Minuten Verzögerung
– 26. Februar 2018
Olympia im US-TV – Sinkende Quoten, auch bei jüngeren Zuschauern
– 3. April 2018
US-College-Basketball – Verrückter März gestattet Blick auf Fernsehsport-Zukunft

19.06.2018






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