European Championships – Teil II
Läufer beim Wettkampf (Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick)

Aufmerksamkeit generieren, Identität bewahren

Vom 2. bis 12. August werden erstmals die European Championships ausgetragen. Sieben EM-Events zeitgleich sollen für möglichst große mediale Präsenz sorgen. Dafür nehmen die Sportverbände Nachteile in Kauf. Droht ein Identitätsverlust?

Von Julia Nikoleit

Im ersten Teil des zweiteiligen Reports über die European Championships, ging es darum, weshalb die Sommersportverbände so große Hoffnungen in das neue Format setzen. Höhepunkt des neuen Multi-Sport-Events, das 2018 erstmals stattfindet, ist die Leichtathletik-EM in Berlin (7. bis 12. August). Die europäischen Titelkämpfe im Turnen, Schwimmen, Rudern, Triathlon, Radsport und Golf werden zwischen dem 2. und 12. August in Glasgow ausgetragen.

Dr. Christoph Bertling von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) bewertet die European Championships vor allem unter dem Gesichtspunkt der medialen Präsenz. „Es besteht das große Problem, dass Nischensportarten gegenüber den großen Meisterschaften im Fußball kaum Aufmerksamkeit erfahren und dass die Öffentlichkeit oft überhaupt nicht erfährt, wann die Europameisterschaften stattfinden“, fasst er zusammen, „daher sind die European Championships eine gute Möglichkeit, gemeinsam Aufmerksamkeit zu generieren. Es werden Netzwerkeffekte aktiviert.“
 
Bertling verweist auf die „Long-Tail-Strategie“, die auch Online-Riesen wie Amazon verfolgen. „Jede Sportart für sich ist ein Nischenprodukt, die in der Masse jedoch funktionieren“, erläutert der diplomierte Sportwissenschaftler, der an der DSHS am Institut für Kommunikations- und Medienforschung beschäftigt ist. „Auch das Verbundmarketing ist ein Argument. Es kann sein, dass ein Sponsor, dem eine Europameisterschaft zu klein wäre, dieses Event durchbucht. Das wäre natürlich ein großer Erfolg.“
 
Bertling warnt jedoch vor einem Identitätsverlust: „Es wird spannend, wie die Medien dieses neue Event aufnehmen. Aus Marketingsicht mag es logisch und klar sein, aber man muss auch immer auf das kulturelle Umfeld achten“, meint er. Es werde erwartet, „dass Sport authentisch ist. Ich finde es konsequent, aber die Sportverbände müssen den richtigen Grad finden – zwischen der Notwendigkeit, sich marketingtechnisch zu positionieren und einer gewissen Aufgabe ihrer Identität, da sie einem Gesamtprodukt angehören.“
 
Auch Mario Woldt, Sportdirektor des Deutschen Ruderverbands, kennt die Gefahr. Das einheitliche Branding und die einheitliche Kommunikation änderten „natürlich den traditionellen Charakter der Ruder-EM“, räumt er ein, betont jedoch: „Die zu erwartenden Fernsehzuschauer wiegen einiges auf.“

Terminkollision bei Ruderern erfordert Umstellungen

Ein größerer Nachteil – zumindest für die Ruderer – ist der Termin. Mit Rücksicht auf die European Championships wurde die EM im Kalender nach hinten geschoben und liegt damit mitten in der sechswöchigen Vorbereitungszeit auf die Weltmeisterschaft im September in Bulgarien. Dies sei sicherlich „nicht ideal“, gesteht Woldt und erklärt: „Das erfordert natürlich eine angepasste Periodisierung für Trainer und Sportler.“
 
Auch die Kosten für Anreise und Übernachtung steigen durch die Konzentration auf eine Stadt, Hotel und Flugkapazitäten sind eingeschränkt (Ruder-Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick). Insgesamt überwiegen für die Spitzenverbände und ihre Funktionäre jedoch die Hoffnungen auf eine größere mediale Durchdringung und entsprechend nachhaltige Synergie-Effekte. Die European Championships sollen alle vier Jahre stattfinden, der nächste Austragungsort steht noch nicht fest.
 
„Man muss sich den Erfolg des Events anschauen, bevor man darüber sprechen kann, ob sich weitere Sportarten anschließen“, blickt Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund, voraus: „Es wäre natürlich grundsätzlich sinnvoll, europaweit eine gemeinsame Planung zu haben, aber es ist eine Frage des Kalenders.“ Rudervertreter Woldt ist optimistisch: „Wir waren von Anfang an für die Idee der European Championships. Ich bin davon überzeugt, dass es ein gutes Event wird.“

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

02.08.2018






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