WM-Analyse
Ordner und Flitzer im WM-Finale (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Folgenreiches Turnier

Das deutsche Team früh ausgeschieden. Der DFB mit der Causa Gündogan-Özil-Erdogan überfordert. Unterirdisches Gepöbel gegen die ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann. War es eine düstere WM? Zweifelsohne eine mit Nachhall und Wirkung auf die Bundesliga, die am Freitag in die neue Saison startet.

Von Elisabeth Schlammerl (VDS-Vizepräsidentin)

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist schon wieder Geschichte, aber eine mit Nachhall. Das Turnier war gut organisiert, die Stadien waren voll, es gab keine Ausschreitungen, die Arbeitsbedingungen für Journalisten rund um die Spiele waren nahezu perfekt. Während die Bevölkerung sich weltoffen und freundlich präsentierte, zog Präsident Wladimir Putin im Hintergrund wie gewohnt die Strippen – das sollte bei allem Lob für die Sportveranstaltung nicht vergessen werden.
 
Die politische Seite wurde medial wie erwartet ebenso beleuchtet wie der Sport, aber das Hauptthema war selbstverständlich das frühe Scheitern der deutschen Nationalmannschaft. Und das wirkt auch in die neue Bundesliga-Saison hinein nach.
 
Die Diskussion über satte Profis, die angeblich die Nächte an der Playstation verbrachten, den aus Sicht mancher Beobachter entrückten DFB und die mit dem Krisenmanagement ebenso überforderte Kommunikationsabteilung des Verbandes ist noch nicht beendet. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung, die zu Abschottung und Entfremdung führt, müssen sich auch die Bundesliga-Klubs immer mehr auseinandersetzen.
 
Ein anderes Thema rund um die WM hat sich erst einmal beruhigt, wird aber spätestens mit gleicher Wucht beim nächsten Turnier wieder auftauchen, denn das ZDF denkt zum Glück nicht daran einzuknicken. Claudia Neumann ist eine renommierte Sportjournalistin mit nachweislich großer Fachkompetenz. Sie gehörte in Russland wie schon bei der EM vor zwei Jahren in Frankreich zum ZDF-Pool der Live-Kommentatoren.
 
Aber auch im 21. Jahrhundert ist ein Teil der (männlichen) Fußball-Konsumenten offenbar noch immer der Meinung, dass dieser Sport reine Männersache sei und – um im Klischee zu bleiben – Frauen bei einem Fußball-Fernsehabend nur etwas zu suchen hätten, wenn sie Schnittchen reichen oder das Bier aus dem Kühlschrank holen (Neumann-Foto: ZDF/Rico Rossival).
 
Tatsächlich ist der Anteil an Frauen im Sportjournalismus und vor allem in der Fußball-Berichterstattung in den vergangenen Jahren gefühlt nur bei den Moderatorinnen gestiegen. Bei der WM war keine einzige deutsche Printfrau im Tross der Reporter, die die deutsche Nationalmannschaft begleitet haben.
 
Es geht dabei nicht um sachliche Kritik, die vor allem bei einem großen Turnier regelmäßig an den Kommentatoren geübt wird. Manch ein Kollege musste auch dieses Mal harsche Schelte bis hin zu schlimmen Beleidigungen ertragen. Vor allem aber Claudia Neumann trafen Anfeindungen, die jenseits des gutes Geschmacks waren und einer Hetzjagd glichen.
 
Dass das ZDF mit einer Strafanzeige gegen zwei Nutzer, die sich in den sozialen Medien extrem abfällig geäußert hatten, ist ein wichtiges Signal. Womöglich hat es – wie vom Sender erhofft – tatsächlich eine abschreckende Wirkung.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

21.08.2018






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