Twitter-Debatte – Teil I
Twitter-Einsatz bei Borussia Dortmund (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Beliebt und belastend

Twitter ist in – und umstritten. Denn der Kurznachrichtendienst sei einfach nur eine Bühne zur Selbstdarstellung. Der sportjournalist hat sich unter Journalisten umgehört, was sie von Twitter halten.

Von Katrin Freiburghaus

Die passive Nutzung sozialer Medien ist aus deutschen Sportredaktionen kaum noch wegzudenken. Bei vielen Kollegen haben Twitter und Co. den Stellenwert einer zusätzlichen Nachrichtenagentur – einer mangels Qualitätskontrollen zwar unzuverlässigen, aber einer direkten und schnellen. Twitter ist für viele Ideenpool, Chronik und News-Alarm zugleich.

Doch auch die aktive Teilnahme gewinnt an Bedeutung, am größten dürfte die Entwicklung überall dort zu spüren sein, wo Redaktionen nicht ohnehin in der Hauptsache online publizieren. „Früher war die Zeitungsarbeit abgeschlossen, wenn ein Artikel in der Zeitung stand“, sagt Johannes Knuth von der Süddeutschen Zeitung, „heute geht die Arbeit danach oft erst los: Man muss online verbreiten, digital verbreiten, Diskussionen anregen und sie in die sozialen Netzwerke tragen.“

Die Accounts einzelner Autoren werden so im Idealfall zu virtuellen Sammelpunkten, an denen sich Fachpublikum zur Diskussion bestimmter Themenfelder trifft. Derartige Effekte können Reichweite und Reputation der jeweiligen Arbeitgeber steigern. Von Journalisten werde mittlerweile oft „erwartet, dass sie in den sozialen Netzwerken aktiv sind, und zwar sowohl im Namen ihres Mediums als auch persönlich“, sagt Henriette Löwisch, Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München.

Unternehmen ermuntern Redakteure zum Twittern auf personalisierten Accounts, um Journalismus für das Publikum nachvollziehbarer zu machen und Kundenbindung herzustellen. Der Umgang mit Social Media sei deshalb „ein relativ wichtiger Teil der Ausbildung“, sagt Löwisch, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich in dem vergleichsweise jungen Medium „erst langsam journalistische Standards durchsetzen“.

Subjektive Äußerungen versus Recht auf freie Meinungsäußerung

Eben jene unklaren Standards hatten zuletzt zu öffentlich ausgetragenen Kontroversen beigetragen, die zu keinem belastbaren Resultat führten. So fühlte sich ARD-Chefredakteur Rainald Becker genötigt, das Twitter-Verhalten öffentlich-rechtlicher Kollegen aus dem Politikressort gegen die Kritik von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu verteidigen. Letzterer hatte subjektive Äußerungen beklagt, Becker daraufhin auf die Unabhängigkeit und das Recht auf freie Meinungsäußerung verwiesen. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) sieht darin „den Anfang von Problemen“.

Als in Österreich Ende Juni – offenbar versehentlich – der Entwurf einer Dienstanweisung an die Öffentlichkeit gelangte, wonach Angestellten des ORF in sozialen Netzwerken künftig jede Form der Wertung politischer Belange untersagt würde, positionierte sich der DJV in einer Pressemitteilung sehr deutlich: Er setze sich dafür ein, „dass Journalistinnen und Journalisten in ihren privaten Social-Media-Accounts ihre Meinung ungehindert mitteilen“.

Lesen Sie im zweiten Teil des vierteiligen Twitter-Reports, welche Probleme entstehen können, wenn nicht eindeutig ist, ob ein Journalist beruflich oder privat twittert.

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16.10.2018






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