Twitter-Debatte – Teil IV
Smartphone im Einsatz (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Zweifel an der Unabhängigkeit

Distanz und Nähe sind für Journalisten auch beim Twittern wichtig. Doch gelten für Aktivitäten im Kurznachrichtendienst besondere Regeln? Der sportjournalist zeigt die kontroversen Diskussionen auf.

Von Katrin Freiburghaus

Im ersten Teil des vierteiligen Twitter-Reports ging es um die Frage, wieso fehlende journalistische Standards bei der Nutzung des Dienstes für Probleme sorgen. Der zweite Teil widmete sich den Unklarheiten, die entstehen, wenn nicht eindeutig ist, ob ein Journalist beruflich oder privat twittert. Der dritte Teil zeigte, welch große Unterschiede es im Selbstverständnis beim Twittern gibt.

Kontrovers in der Medienbranche diskutiert wird auch die Frage, inwieweit Tweets Meinungsäußerungen sein sollen. Während sich aus den sehr defensiv-nachrichtlich geführten Accounts der dpa-Redakteure beispielsweise nahezu keine Wertung ableiten lässt, überschreibt SID-Redakteur Thomas Nowag seinen Kanal mit „Sportjournalist. Tweets enthalten Wortspiele jeglicher Qualität. Niemand mag Gewinner“.
 
Bei Autorenzeitungen ist der Rahmen für persönliche Einordnung ohnehin weiter gefasst. Die Grenze zum drohenden Glaubwürdigkeitsverlust ist somit fließend und im Grunde immer eine Einzelfallentscheidung. Wichtig sei jedoch das Bewusstsein für die unkalkulierbar breite Öffentlichkeit, in der man sich auf Twitter bewege, sagt Johannes Knuth von der Süddeutschen Zeitung, man könne „nicht auf einer Bühne etwas sagen und es privat meinen wollen“.
 
Weitgehend Einigkeit herrscht in der Frage journalistischer Unabhängigkeit beim Thema Distanz. Fotos, die Interviewsituationen dokumentieren, gehören zur Schilderung des Arbeitsalltags. Die Veröffentlichung von Erinnerungsfotos mit Athleten und Funktionären oder gar von Selfies im Trikot eines Teams, das Gegenstand der eigenen Berichterstattung ist, hat aus Knuths Sicht dagegen „wenig mit Berufsauffassung zu tun“.
 
Die Unterstützungsbekundungen für das DFB-Team im Trikot auf Twitter oder anderen Plattformen wie Instagram und Facebook während einer Fußball-WM seien „kein neuer Trend, aber es untergräbt die Glaubwürdigkeit zusätzlich, wenn es im öffentlichen Raum stattfindet“.
 
Auch Anno Hecker, bei der FAZ Leiter des Sportressorts, sagt: „Sich im Trikot der deutschen Nationalmannschaft ablichten zu lassen, signalisiert eine relativ starke Verbundenheit. Wir haben neutral zu sein.“ dpa-Sportchef Christian Hollmann erwartet von Redakteuren, sich immer die Frage zu stellen, „welche Wirkung ein Foto nach außen hat. Und wenn es eine zu große Nähe zu einer Mannschaft oder einer Person dokumentiert und damit Zweifel an der Unabhängigkeit sät, sollte es unterbleiben“.

Ein selbst durch objektive Berichterstattung kaum korrigierbarer Anschein
 
SZ-Mann Knuth befürchtet über die Schädigung des eigenen Rufs hinaus eine Verstärkung des „Missverständnisses“ zwischen Spielern und Journalisten, „dass man im selben Boot sitze“. Von einem solchen Verhältnis gingen Funktionäre und Aktive ohnehin viel zu häufig aus. Diesen Eindruck durch zu viel Nähe noch zu manifestieren, sei „nicht hilfreich“.
 
Ein Selfie mit einem Spieler erweckt aus Heckers Sicht gar den Eindruck, „dort sei jemand als Fan und nicht als Journalist unterwegs“. Dieser Anschein sei selbst durch objektive Berichterstattung kaum korrigierbar. Denn ein wesentlicher Punkt unterscheidet die Twitter-Bühne von den meisten anderen: Sie führt ein grenzenloses Archiv und vergisst nicht.

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21.11.2018






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