Facebooks Problem
Aktive Schattenmänner (Foto: sampics Photographie/Augenklick)

Der große Einfluss digitaler Schmierfinken

Facebook steht unter starker Beobachtung. Fake News und andere unappetitliche Postings sind dort an der Tagesordnung. Der Zuckerberg-Konzern hat deshalb eine Charme-Offensive gestartet.

Von Gregor Derichs

Seit einigen Wochen macht Facebook auf Old School. Das Netzwerk schaltet ganzseitige Anzeigen im alten Druckgewerbe, um das ramponierte Image aufzupolieren. Es werde wieder – wie zu seinen Anfängen – eine Community, die vor allem Freunde verbindet, verspricht Facebook. Weniger Werbung und News zweifelhafter Herkunft sollen den Usern untergejubelt werden, heißt es. Zwar brüstet sich Facebook mit weltweit 2,23 Milliarden Nutzern, doch in Europa wenden sich viele ab.
 
Als die rückläufigen Zahlen im Juli bekannt wurden, sank der Börsenwert des Internet-Riesen um 23 Prozent. Offenbar nur mit Kunstgriffen kann der Zuckerberg-Konzern seine Zugriffszahlen hochhalten. Passiv gewordene Nutzer erhalten fast täglich neue Freundschaftsvorschläge oder Hinweise auf banale Benachrichtigungen. Wer sie anklickt, treibt die Userwerte wieder ein bisschen nach oben.

Das Dilemma hat sich Facebook selbst zuzuschreiben. Der Cambridge-Analytics-Skandal mit dem Missbrauch von 87 Millionen Nutzerdaten wurde zum Politikum. Mark Zuckerberg musste beim US-Kongress und Europa-Parlament antanzen. Der Konzern löschte in Folge der Empörung hunderte Accounts, die „Fake News“ verbreitet hatten. Twitter war noch deutlicher mit dem Eingeständnis, dass es zuvor null Kontrolle gab, und vernichtete im Mai und Juni mehr als 70 Millionen verdächtige Profile.

Als Facebook anfing, Medieninhalte zu vertreiben, wurde die daraus resultierende Debatte in dieser Kolumne aufgegriffen. Einige Verlage gingen auf das Angebot des neuen Vertriebswegs nur testweise ein, andere sind bis heute dabei. Wer am konsequentesten aufsprang, waren professionell agierende Trolle, von denen einige offenbar sogar halfen, Donald Trump ins Amt zu bringen. Digitale Schmierfinke zu identifizieren ist schwierig, da sie sich meist hinter anonymen Profilen verstecken. An Transparenz waren die Netzwerke aber auch gar nicht interessiert.
 
Facebook wehrte sich lange gegen die Kategorisierung, es sei zu einem Medienunternehmen mutiert, da dies in den USA regulatorische und finanzielle Konsequenzen ausgelöst hätte. „Gatekeeping“, das verantwortungsbewusste Prüfen von Meldungen, war lästig und teuer. Wo Medien eine Kläranlage betreiben, versprühen die (un)sozialen Netzwerke (bis heute) weltweit giftige Fäkalien.

Facebook & Co. wollen mit Livesport User anlocken
 
Dass jeder seine Meinung präsentieren konnte, war zu Beginn ein Segen. Zum massiven Problem wurden falsche, oft politisch radikale Meldungen erst, als Facebook begann, Usern die als Medien-Organe getarnten Falschmelder in die Timeline zu schieben.

Um der Abwanderung entgegenzutreten, ist Facebook auch in die Live-Übertragung von Fußball eingestiegen. Es wurden im Sommer die Bewegtbildrechte für 380 Saisonspiele der spanischen Liga bis 2021 erworben, um sie 350 Millionen Nutzern in Indien und weiteren sieben asiatischen Ländern anzubieten. In Lateinamerika werden 32 Champions-League-Spiele gezeigt, alles kostenlos. Wie auch in Großbritannien, wo pro Spieltag je eine Erstliga-Partie aus Spanien und Italien gestreamt wird.

Deutsche Verleger setzen auf neues Urheberrecht
 
Die Disruption des Mediengewerbes geht ungebrochen weiter. FAANG (Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google) lässt mit seinen exorbitanten Börsenwerten die traditionellen Medienunternehmen winzig aussehen. Die deutschen Verleger erreichten immerhin, dass das Europäische Parlament im September ein neues Urheberrecht
beschloss, damit die Internetkonzerne die von Journalisten erstellten Inhalte nicht weiter unentgeltlich abschöpfen können. Der Druck auf Print ist unverändert groß. Beispiele aus IVW-Auflagenzahlen für das zweite Quartal 2018: Spiegel minus 7,9 Prozent, Stern minus 11,4 Prozent, Süddeutsche Zeitung und Welt jeweils minus 4,1 Prozent.
 
Die guten Nachrichten zuletzt: Laut Media-Analyse beträgt die Reichweite der Tageszeitungen (noch immer) 39,3 Millionen Leser. Und das Vertrauen in die Presse stieg auf ein Zehn-Jahres-Hoch (56 Prozent der Deutschen, in den USA nur 23 Prozent). Bei Social Media lag der Wert bei lediglich 27 Prozent. Irgendwie logisch, dass Facebook beim Versuch, wieder als ach so liebes Freunde-Netzwerk wahrgenommen zu werden, auf Print-Anzeigen setzt.

Gregor Derichs ist seit 2001 als freier Sportjournalist tätig. Zuvor arbeitete der 64-Jährige unter anderem in verantwortlicher Position bei dapd, dpa und SID. Der ausgebildete Diplom-Sportlehrer trat als Mitautor wie Chefredakteur zahlreicher Bücher und Magazine in Erscheinung. Zu den Kunden seiner 2015 zusammen mit Dirk Graalmann gegründeten Agentur Derichs & Graalmann Kommunikation gehört unter anderem Fußball-Bundesligist Hoffenheim.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

20.10.2018






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