Herausforderungen für Sportjournalismus – Teil I
Mario Gomez und Journalisten während eines Trainings des DFB-Teams (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Kritische Berichterstattung scheint nicht mehr gewollt

Erwartungen von Sportlern hier, Sportjournalismus da. Die Kritik seitens einiger Fußball-Nationalspieler während und nach der WM 2018 an uns Journalisten war von einer Erwartungshaltung geprägt, die keinen Platz für hinterfragende Berichterstattung sah. Dabei ist genau dies unsere Aufgabe.

Von Thorsten Poppe

Niklas Süle ist gerade einmal 23 Jahre jung, er hat in Russland seine erste Weltmeisterschaft gespielt. Der Bayern-Profi meldete sich kurz nach dem Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf Instagram zu Wort und kritisierte dort unverhohlen uns „Medien“. Süle schrieb an seine Anhänger: „Eure Kritik ist angebracht und mehr als gerechtfertigt.“ Und dann: „Es geht mir auch nicht um die Medien, die sowieso versuchen, alles schlecht zu reden. Es geht mir um wahre Fans, die bei Erfolg und bei Misserfolg da sind! Deswegen hoffe ich auf die Unterstützung von ganz Deutschland, um stärker zurückzukommen!“

Eine mehr als erstaunliche Äußerung, die von einem durchaus kruden Verständnis für unsere Aufgabe zeugt. Süle scheint nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen, wie der Sportjournalismus das historisch schwache Abschneiden der Nationalmannschaft kritisieren kann. Stattdessen nimmt er sich aus einer Position der Schwäche heraus, mit dem Finger auf „die Medien“ zu zeigen. Warum reagiert ein Nationalspieler derart undifferenziert und überzogen?
 
Anscheinend steht die Erwartungshaltung von Profifußballern den Leitlinien des Sportjournalismus, die der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) 2009 erstellt hat, diametral entgegen. Da scheinen Selbstverständlichkeiten im Zug des Medienwandels in Vergessenheit zu geraten.

„Sportjournalisten lassen sich von niemandem vereinnahmen und instrumentalisieren, und wahren ihre journalistische Unabhängigkeit (…). Sportjournalisten verpflichten sich zur wahrheitsgemäßen und sachlichen Berichterstattung“, heißt es da. Doch kritische Berichterstattung scheint nicht mehr gewollt.

Nun kann ein Grund dafür darin liegen, dass viele Bundesligisten „die Medien“ mittlerweile als Störenfriede wahrnehmen. Dazu passt, dass sich die Vereine immer mehr zu Medienhäusern entwickeln und uns Sportjournalisten mithilfe eigens produzierten Contents übergehen. Damit fallen kritische Fragen an die Profikicker von vornherein weg, weil die hauseigenen „Medien“ den Spielern freundlich gewogen sind. Das führt bei kritischem Nachhaken eines Journalisten von außen unweigerlich zu Unverständnis bei den betroffenen Kickern.

Spagat zwischen distanzierter Berichterstattung und großer Unterhaltung
 
Zum anderen generiert ein Sportevent wie eine Europa- oder Weltmeisterschaft auch immer ein großes Wir-Gefühl. Und das schließt eben auch Kritik aus. Gerade das Leitmedium Fernsehen steht während eines solchen Ereignisses besonders im Fokus. Der Spagat zwischen distanzierter Berichterstattung und großer Unterhaltung zur besten Sendezeit wie bei der WM in Russland ist kaum noch zu meistern.

Die Field-Interviews im Anschluss an die Übertragungen eines Spiels mit Kollegen aus anderen Ländern zeugten oft von großem Patriotismus (Fans-Foto: GES-Sportfoto/Augenklick). Als Zuschauer konnte man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass gar nicht erst versucht wurde, kritische Distanz zu zeigen. Sondern dass im Erfolgsfall die eigene Begeisterung für die Mannschaft des jeweiligen Heimatlandes wenig bis gar nicht im Zaum gehalten wurde.

Aber auch Kollege Gerhard Delling wurde kritisiert, beispielsweise von Meedia als „so etwas wie der embedded journalist der ARD bei der DFB-Elf“ bezeichnet. Der Branchendienst nahm Dellings „wirres“ Interview mit Nationalspieler Toni Kroos nach dessen Siegtreffer unmittelbar vor dem Schlusspfiff im Spiel gegen Schweden zum Anlass für diese Wertung. In diesem lieferte der Mittelfeldmann einige kernige Aussagen, die die Selbstwahrnehmung der Spieler verdeutlichten.

„Man hatte das Gefühl, dass es viele Leute in Deutschland gefreut hätte, wenn wir heute rausgegangen wären. Aber so einfach machen wir es denen nicht, sagte Kroos. Meedia merkte an, dass Delling nach diesen Sätzen sofort das Thema gewechselt habe. Die Möglichkeit nachzufragen, wie Kroos auf die Idee gekommen war, dass sich in Deutschland die von ihm beschriebene Haltung breitgemacht haben könnte, habe Delling ungenutzt verstreichen lassen. Stattdessen fragte er Kroos nach dessen Fehler, der den Schweden die Führung ermöglicht hatte.

Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Reports über die Herausforderungen für den Sportjournalismus, woran sich noch zeigt, dass die Berichterstattung immer unkritischer wird.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

27.11.2018






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