„Football Leaks“
FIFA-Präsident Gianni Infantino bei der Fußball-WM 2018 (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Räuberpistole über fette Hackerbeute

Die „Football Leaks“ wurden groß aufgemacht. Das Publikum zeigte sich dennoch nicht stark interessiert. Anscheinend erwartet niemand mehr, dass es im Fußballbusiness fair zugeht.

Von Gregor Derichs

Heiligabend war das Finale, Fußball-Bild wurde nach einem Jahr und elf Monaten am Tag nach dem letzten Bundesligaspiel 2018 eingestellt. Auch der zweite Versuch der Springer-Manager, neben dem Flaggschiff Bild eine Sporttageszeitung zu etablieren, schlug fehl. Täglich blieben an den Kiosken größere Stapel des grünen Blattes liegen. Die 1,50 Euro teure Zeitung bot ein Sammelsurium, das auch in den Bundes- oder Regionalsportteilen sowie in der Bild-App zu finden war. Für jeden Klub oft eine ganze Seite, das traf nicht den Geschmack der Fans, die vor allem etwas über ihren Verein erfahren wollen.

Boulevard ist in Zeiten der Medientransformation zudem am stärksten von der Reduktion betroffen. Man könne auf der Seite 1 ankündigen, was man wolle, nichts funktioniere mehr, sagt ein Kollege aus der roten Fraktion. Auch die Magazine sind ratlos, welche Titel verkaufsfördernd wirken. Der Spiegel griff bei den „Football Leaks“ ins Boulevardregal. „Verrat“, gellte es Ende Oktober von der roten Frontpage, die ausgestreckte Zunge erinnerte an die berühmte Zunge der Rolling Stones, die erstmals 1971 auf der Innenhülle des Albums „Sticky Fingers“ erschienen
war.

Auch bei der Story, dass Bayern München mit europäischen Topklubs eine Super League angedacht hatte, wurde an der Lautstärke gedreht. Sie wurde wie eine Räuberpistole erzählt. Statt die eigentlich guten Fakten für sich sprechen zu lassen, herrschte ein Grundrauschen im Text, die Bayern seien unmoralisch, unverschämt, verräterisch. Unterbrochen wurde er von Szenen wie aus einem schlechten Film.

John, der Whistleblower, hat Angst vor Verfolgung, alles ist strengstens geheim. Reißerischer bekommt es der beste Boulevardmann nicht hin. Die Grafiker des Magazins hatten ein feines Gespür, sie ergänzten den Text mit großen, grellroten Schlagworten und Skizzen. In der Ankündigung der Infantino-Geschichte hieß es, die FIFA habe „scheinbar“ wieder einen Despoten an ihrer Spitze. Die Einschätzung war nun nicht wirklich neu, aber die Belege dafür waren es.

Großes Team, noch größeres Tamtam

Der Spiegel hatte ein großes Team mit der Auswertung der fetten Hackerbeute beauftragt. Das Magazin leitete einen großen internationalen Recherchepool – wenn so viel investiert wird an Personal und Kosten, muss eine Story wohl zwingend auf den Titel. Selbst wenn an jenem Wochenende Angela Merkels Rückzug vom CDU-Vorsitz und der Kampf um ihre Nachfolge brandaktuell war.

Insgesamt hielt sich die Aufregung um „Football Leaks“ in Grenzen, wie schon bei den ersten Enthüllungen vor etwa zwei Jahren, auch wenn der Spiegel das Thema wie einen Groschenroman in etliche Einzelstücke zerlegte. Der Fußball duckte sich einfach weg, bis auf eine Klageandrohung von Uli Hoeneß. Kein Medium drehte die Recherche richtig weiter – warum auch, wenn die Leser kaum Interesse am Thema zeigen.

Dass es im Fußball sauber zugeht, erwartet ohnehin niemand. Aber von einem Medium wie dem Spiegel dürfte erwartet werden, den großen Fundus exklusiver Infos zu nutzen, um den Fußball stärker entlarven zu können, anstatt nur Empörung mit Fakten zu ergänzen.

Gregor Derichs ist seit 2001 als freier Sportjournalist tätig. Zuvor arbeitete der 64-Jährige unter anderem in verantwortlicher Position bei dapd, dpa und SID. Der ausgebildete Diplom-Sportlehrer trat als Mitautor wie Chefredakteur zahlreicher Bücher und Magazine in Erscheinung. Zu den Kunden seiner 2015 zusammen mit Dirk Graalmann gegründeten Agentur Derichs & Graalmann Kommunikation gehört unter anderem Fußball-Bundesligist Hoffenheim.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2018/Januar 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

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