Englische PK-Besonderheiten – Teil III
Vormaliger ManUnited-Coach Jose? Mourinho (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Bestand des Sperrfrist-Modells gefährdet

Dass es Pressekonferenzen mit Sperrfrist gibt, ist eine Besonderheit des englischen Journalismus. Die großen Klubs haben an der Regelung wenig Interesse, halten sich aber an diese. Ausländische Reporter sind hingegen oftmals weniger gentlemanlike.

Von Hendrik Buchheister

Im ersten Teil des dreiteiligen Reports über die Besonderheiten der englischen Pressekonferenzen ging es um die Gründe für die Einführung von Sperrfristen. So sollen die verschiedenen Kanäle Rundfunk, Tageszeitung, Sonntagszeitung und Online möglichst viel jeweils exklusives Material zur Verfügung gestellt bekommen. Der zweite Teil zeigte, warum gerade Mittelklasse-Klubs vom bestehenden System profitieren. Doch was ist mit den etablierten Vereinen?

„Ich frage mich auch oft, warum die Topklubs noch immer eine Sektion mit Sperrfrist einrichten. Ich denke einfach, es hilft, die Jungs zufriedenzustellen, die regelmäßig über die Vereine berichten. Das ist natürlich ein wichtiger Teil der PR“, sagt Times-Reporter Paul Hirst, der vor allem über ManCity berichtet. Allerdings ist das Modell längst aufgeweicht und steuert möglicherweise seinem Ende entgegen.
 
Simon Peach, Chief Football Writer der Presseagentur PA, sagt: „Wenn Manchester United oder Manchester City mitteilen würden, dass es ab sofort keine Sektion mit Sperrfrist mehr geben würde, hätte das sicher einen großen Aufschrei zur Folge. Es ist eher ein schleichender Prozess, der vermutlich schwer zu stoppen sein wird.“
 
Dieser Prozess begann damit, dass Trainer wie Sir Alex Ferguson bei ManUnited oder Ronald Koeman bei Everton in der Vergangenheit den Teil ihrer PK, für den die Sperrfrist gilt, nicht mehr mit einer exklusiven Reporterrunde in einem separaten Raum abhielten, sondern vor allen anderen Kollegen und den Fernsehkameras.
 
In der Gegenwart verfahren (beziehungsweise verfuhren) die beiden prominentesten Trainer der Liga, Pep Guardiola und (der inzwischen beurlaubte) José Mourinho, nach diesem Prinzip; letzterer machte nach den Spielen oft überhaupt keine Sperrfristsektion mehr. Die betreffenden Kollegen müssen also darauf vertrauen, dass der Rest dichthält. Das kann eine Zitterpartie sein, auch wegen der vielen Journalisten aus dem Ausland, die mit den Gepflogenheiten in der Premier League nicht oder nur wenig vertraut sind.

Sperrfristen werden in der Regel akzeptiert
 
Trotzdem werden die Sperrfristen in der Regel akzeptiert. Das liegt auch daran, dass die Aussagen der Trainer in den unter Verschluss gehaltenen Sektionen nicht übermäßig brisant sind. Was dagegen passiert, wenn im zweiten Teil einer Pressekonferenz eine Bombe platzt, war im April vergangenen Jahres zu sehen.
 
City-Trainer Guardiola behauptete, dass ihm der Berater Mino Raiola Manchester Uniteds Superstar Paul Pogba angeboten hätte. Die Aussagen sollten bis zum Abend zurückgehalten werden. Doch ein italienischer Journalist, der gar nicht bei der Pressekonferenz war, brach die Sperrfrist. Die englischen Reporter waren empört – und stellten hastig ihre vorbereiteten Texte mit Guardiolas Behauptungen online.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2018/Januar 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

15.02.2019






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