Sportjournalismus-Debatte
Gerhard Waldherr, rechts, bei einer Recherche in Mathare, den Slums Nairobis (Foto: privat)

„Inzwischen bin ich komplett raus“

Er war als Reporter groß im Geschäft. Muhammad Ali, Boris Becker, Fußball-Nationalmannschaft und noch vieles mehr. Mittlerweile ist es vorbei für ihn und den Sport. Auf sportjournalist.de schildert VDS-Mitglied Gerhard Waldherr, wie es zu der Entfremdung kam.

Gerhard Waldherr wurde am 6. September 1960 in Bad Tölz geboren. Von 1980 bis 1985 spielte er in der 2. Eishockey-Bundesliga. Das Mitglied des Vereins Münchner Sportjournalisten war unter anderem bei Süddeutscher Zeitung und Stern. Waldherr gewann mehrfach den Großen VDS-Preis, seit 2015 ist er im Bereich Corporate Publishing tätig und schreibt Bücher.
 
1996 ging ich als freier Korrespondent nach New York. Meine erste Reportage für den Stern drehte sich um einen Besuch bei Muhammad Ali anlässlich des Dokumentarfilms „When we were kings“. Es gibt schlechtere Einstiege ins Berufsleben. Und so schrieb ich in meiner New Yorker Zeit noch einige Jahre über Basketball, Eishockey, Football und Boxen. Aber es war nicht mehr dasselbe wie in den Anfangsjahren bei der SZ.
 
Mir wurde zunehmend bewusst, dass Sport in Amerika eine mit Glamour, Show und Kommerz zugekleisterte Entertainmentware ist. Ein Match jagte das andere, die Helden wechselten von Woche zu Woche, und irgendwann wusste ich nicht mehr, wer einige Monate zuvor den Stanley Cup oder den Super Bowl gewonnen hatte. Gerade das Boxen, mit dem ich als freier Journalist am meisten Geld verdiente, war ein mieser Kosmos voller dunkler Gestalten, Korruption und Gewalt.
 
Am Ende schrieb ich kaum noch über Sport, sondern überwiegend Gesellschaftsreportagen. Polygamisten, Polizeigewalt, Graceland, Hollywood, unschuldige Todeskandidaten, schwarze Bluesmusiker, Whiskey in Kentucky. Und auch nach meiner Rückkehr aus Amerika sind wir nie wieder richtig zusammengekommen, der Sport und ich. Auch wenn ich mit Texten über ein Fußballprojekt für Mädchen mit Migrationshintergrund in Bremen und die Handballprovinz Ostwestfalen-Lippe noch mal VDS-Preise gewonnen habe.
 
Inzwischen bin ich komplett raus. Bei Fußball denke ich zunächst an katarische Scheichs, russische Oligarchen und US-amerikanische Investoren; bei Radfahren an Doping. Bei Schwimmen, Skilanglauf und Leichtathletik auch an Doping. Bei Turnen sind es gequälte Kinder. Bei Messi ist es Steuerhinterziehung und bei Cristiano Ronaldo Steuerhinterziehung und der Verdacht sexueller Übergriffe.
 
Fairer Wettstreit der Jugend. Das wunderbare Spiel mit dem runden Leder, das die Welt verändert. Komme bloß keiner auf die Idee, es ginge um Milliarden. Ich glaube, Cesar Luis Menotti hat vor vielen Jahren gesagt: „Sport verändert nichts.“ Und das kann man so stehen lassen, wenn man mal von der Natur in und um Sotschi absieht oder den Betonruinen, die die Fußball-WM in Brasilien hinterlassen hat.
 
Ich werde dieses Jahr 59. Meine aktive Sportlaufbahn ist schon lange vorbei. Nach drei Knieoperationen reicht es gerade noch für einen Waldspaziergang. Und das ist schade, denn ein bisschen laufen würde mir gut tun. Geh ich halt mal wieder schwimmen. Aber das, was man unter großem Sport versteht, wird auch weiter überwiegend an mir vorbeigehen (Waldherr-Foto: privat).
 
Deutscher Fußballmeister? Mir egal. Olympia? Schaue ich seit 1996 nicht mehr. Alpine oder nordische Skiweltmeisterschaften? Weiß gar nicht, wann die stattfinden. Sportler des Jahres 2018? Keine Ahnung. Logisch, dass ich keinen Sportjournalismus mehr mache. Gerade als Journalist sollte man machen, was einen aufrichtig interessiert und bewegt. Alles andere hat wenig Sinn.

Old habits die hard, also als erstes der Sportteil
 
Das Kuriose ist: Jedes Mal, wenn ich eine Tageszeitung in die Finger kriege, schlage ich als erstes den Sportteil auf. Wie vor mehr als 40 Jahren, als ich anfing, regelmäßig Zeitung zu lesen. Old habits die hard. So war es auch Anfang Februar. Ich war mit meiner Familie auf dem Weg von München nach Venedig, und im Zugbistro gab es die SZ.
 
Der Aufmacher im Sport war ein ganzseitiges Interview mit Viktoria Rebensburg. Lockerer Einstieg, schön komponiert, professionell gemacht. Nach einer Spalte blätterte ich um. Beim Spielbericht Freiburg gegen den VfB (2:2) schaffte ich nur den Vorspann. Der Rückblick auf den Super Bowl. Text von Jürgen Schmieder, von dem ich außerhalb des Sportteils schon viel gelesen hatte. Bemerkenswert, was der Kollege in den USA leistet, erst recht als freier Korrespondent. Nach zwei Absätzen stieg ich aus.
 
Auch das möge man bitte nicht falsch verstehen. Ich weiß nicht, wie es besser geht. Ich habe keine spannenderen Themen. Ich sage auch nicht, früher war alles toller (Abbildung Logo: VMS). Das war es nicht zu meiner Zeit und vermutlich auch nicht davor. Am Ende kommt es darauf an, was man sieht oder nicht sieht. In meiner Kindheit habe ich Figuren wie Eddie Merckx und Didi Thurau bewundert und an das Wunder von Bern geglaubt. Boris Becker? Ein Held.
 
Heute weiß ich, dass man auch in den Siebzigerjahren bei der Tour de France nicht mit Schokocroissants und Milchkaffee über die Alpen kam. Ich vermute, dass 1954 beim WM-Finale nicht nur Willenskraft, Disziplin und Zielstrebigkeit den Ausschlag gaben. Und für Boris Becker wäre es vielleicht besser gewesen, er hätte 1985 Wimbledon nicht gewonnen.

Die reine Freude am Spiel hat es nie gegeben
 
Seien wir ehrlich: Die schöne Unschuld, das, was der Sport immer noch als Mantra verkauft, die reine Freude am Spiel, dabei sein ist alles, hat es nie gegeben. Nicht mal im antiken Griechenland. Und nur weil wir die Abgründe meist ausblenden, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht da sind.
 
Nachdem ich den Sportteil zur Seite gelegt hatte, schaute ich aus dem Zugfenster. Es war ein traumhaft schöner Wintertag. Verschneite Landschaft, die Berggipfel glitzerten in der Sonne. Eine Welt wie gemalt. Als es in der Po-Ebene dunkel wurde, fiel mir die Zeitung wieder ein.

Ich fand zwei Texte im Sportteil, die ich zu Ende gelesen habe. Ein Nachruf auf den zwischen Triumph und Tragik gefangenen finnischen Skispringer Matti Nykänen. Und ein kurzer Einspalter, der handelte von den angeblichen Vergewaltigungen im österreichischen Skiteam in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Genau so war’s!

Dieser Artikel – hier in gekürzter Fassung – stammt aus dem VMS INFO 2019. Wir danken dem Verein Münchner Sportjournalisten für die großzügige Überlassung. Das Heft kann als PDF auf der VMS-Website kostenlos heruntergeladen werden.

29.08.2019






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