Bachelorarbeit zu Fußballkommentierungen – Teil I
Kommentatorenplatz im Stadion (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

„Ein Spiel sprachlich variabel begleiten“

Derzeit ruht der Sportbetrieb wegen der Coronavirus-Pandemie. Sonst aber ist Fußball König und vielleicht ja auch bald wieder. Doch was macht eine gute Kommentierung im Fernsehen für die Fans eigentlich aus? Dieser Frage ist der ehemalige VDS/Macromedia-Stipendiat Marc Lennart Wiese in seiner Bachelorarbeit auf den Grund gegangen. Hier stellt er seine Ergebnisse vor.

Als Fußballkommentator*in braucht man ein dickes Fell. Im Zeitalter der Sozialen Medien haben Fans und Zuschauer*innen eine große Spielwiese, auf der sie ihrem Unmut über die Fernsehreporter*innen Luft verschaffen können. Die Kommentator*innen können es eigentlich nie allen recht machen. Bei Facebook, Twitter & Co. wird kritisiert, geschimpft und leider auch beleidigt.
 
Dies musste bereits mehrfach und jeweils in einer ganz besonderen Heftigkeit ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann erfahren. Doch was wollen die Fans eigentlich? Was muss ein*e Fußballkommentar*in erfüllen, damit die Zuseher zufrieden sind? Dieser Frage hat sich aus wissenschaftlicher Sicht noch niemand gewidmet. Mit meiner Bachelorarbeit „Qualitätsmerkmale von Fußballkommentierung im Fernsehen – eine Analyse von Fans und Verantwortlichen übertragender Sender“ wollte ich diese Lücke schließen und bin auf interessante Ergebnisse gestoßen.
 
Eine quantitative Befragung unter Fußballfans wurde mit einer qualitativen Befragung der Experten Gerd Gottlob (ARD/NDR) und Alexander Schlüter (DAZN) kombiniert. Beide kommentieren selbst. Zudem sind sie daran beteiligt, wenn in ihren Sendern Kommentator*innen eingestellt oder eingeteilt werden. Die Stichprobe der Fanbefragung ist mit 67 gültigen Teilnahmen zwar relativ klein ausgefallen und kann keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Dennoch eignet sie sich dazu, Tendenzen hinsichtlich der Bedeutung einzelner Qualitätskriterien der Fußballkommentierung aus Sicht der Fans aufzuzeigen.

Fans und Experten zu denselben Qualitätsmerkmalen befragt
 
Die Experteninterviews mit Gottlob und Schlüter sollten einen Eindruck davon geben, welche Kriterien aus Sicht der Sender einen gelungenen Fußballkommentar ausmachen. Um die Ergebnisse gegenüberstellen zu können, wurden bei Fans und Experten dieselben Qualitätsmerkmale nach ihrer jeweiligen Wichtigkeit abgefragt. Ein Vergleich der Ergebnisse sollte am Ende Aufschluss darüber geben, inwieweit die Ansichten des Publikums und der Sender hinsichtlich der Qualität der Kommentierung übereinstimmen oder sich voneinander unterscheiden.

Eine wichtige Vorarbeit hatte der Sky-Kollege Moritz Lang vor zehn Jahren geleistet. In seiner Veröffentlichung „Fußball-TV-Kommentierung – Sicherung von Qualität und Standards“ stellte Lang erstmals wissenschaftlich erhobene Qualitätskriterien für die Kommentierung von Fußballspielen im Fernsehen auf. Dazu befragte er insgesamt 43 Kommentator*innen sowie 111 Printjournalist*innen zu ihren Erwartungen an einen gelungenen Kommentar.

Neun Kriterien in der Bachelorarbeit aufgegriffen und schließlich abgefragt

Langs Kriterien wurden in der Arbeit aufgegriffen und ergänzt, so dass am Ende folgende neun Merkmale abgefragt wurden:

– präzise Ausdrucksweise und knappe Analysen
– Originalität und Spontaneität
– geringe Anzahl von Fehlern
– subjektive Meinung
– Objektivität
– mutige Analysen
– Sprachgewandtheit
– Emotionalität
– Dosierung der Sprechdauer.

Um sicherzustellen, dass die Teilnehmer*innen verstehen, was genau mit jedem einzelnen Qualitätsmerkmal gemeint ist, wurden kurze Anmoderationen für jedes Kriterium geschrieben. Die Kriterien sollten dann in fünf verschiedene Wichtigkeitsstufen („extrem wichtig“, „sehr wichtig“, relativ wichtig“, „nicht so wichtig“ und „gar nicht wichtig“) eingeordnet werden.

Gottlob und Schlüter sollten Einstufung mit eigenen Erfahrungen untermalen
 
Die Experteninterviews erfolgten bis auf einige kleine Anpassungen im Wortlaut identisch zu der Abfrage der Qualitätskriterien in der Online-Befragung, um eine einfache Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten. Allerdings wurden Gottlob und Schlüter darum gebeten, die Kriterien nicht nur einer Wichtigkeitsstufe zuzuordnen, sondern ihre Wahl darüber hinaus auch zu erläutern und mit persönlichen Erfahrungen zu untermalen.

In einem Punkt waren sich Fans und Experten einig: Höchste Priorität genießt die Sprache. In der Befragung gab es kein anderes Merkmal, das von einem so großen Teil der Fans als „extrem wichtig“ oder „sehr wichtig“ angesehen wurde wie „Sprachgewandtheit“.

Schlüter sagt: „Das ist der Punkt, in dem sich Kommentatoren unterscheiden. Es ist schon eine besondere Qualität, wenn man als Kommentator ein Fußballspiel sprachlich variabel und abwechselungsreich begleiten kann. Mit Blick darauf, wer die ganz großen Spiele kommentiert, ist das extrem wichtig, weil es nur so geht.“ Bei DAZN sind das die Begegnungen der Champions League (Schlüter-Foto: DAZN/Max Josef Gillmeier).
 
Bei der Kommentierung sind nicht nur Formulierungskunst gefragt, sondern auch Spontaneität und Sprachwitz. „Es besteht kein Zwang zum Entertainment. Aber auf bestimmte Spielsituationen spontan reagieren zu können, ohne die allseits bekannte Floskel zu benutzen, dadurch zeichnen sich die besten Leute aus“, sagt Schlüter.
 
Lesen Sie im zweiten Teil des Artikels über die Bachelorarbeit des ehemaligen VDS/Macromedia-Stipendiaten Marc Lennart Wiese zum Thema Fußballkommentator*innen, welche weiteren Kriterien eine Rolle spielen, damit Live-Reportagen als gelungen bewertet werden.

Dieser Artikel stammt aus dem sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Jahresabonnements beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

26.03.2020






« zurück