Report zu Pressefreiheit – Teil II
Der brasilianische Autor Jamil Chade (Foto: Ronny Blaschke)

Weltweit massive Unterdrückung

Für viele Journalist*innen, auch im Sport, sind die Bedingungen sehr schwierig. Vielerorts werden sie in ihrer Arbeit stark eingeschränkt. Der Autor Ronny Blaschke, der für sein neues Buch „Machtspieler“ auf vier Kontinenten recherchierte, schildert auf sportjournalist.de. eklatante Beispiele.

Ronny Blaschke hat im März sein fünftes Buch veröffentlicht: „Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“ (Verlag Die Werkstatt). Darin beschreibt der 38 Jahre alte Journalist, der dem Verband der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg angehört, den Fußball als politisches Machtinstrument, unter anderem in China, Russland und den Golfstaaten. Blaschke führte auf vier Kontinenten rund 180 Interviews, auch mit etlichen Journalistinnen und Journalisten. Im ersten Teil seines Pressefreiheit-Reports schilderte er die sehr schwierige Lage in Jemen und Serbien.

Reporter ohne Grenzen veröffentlicht jährlich eine Bilanz zur Pressefreiheit. So wurden 2019 mindestens 49 Medienschaffende im Zusammenhang mit ihrem Job getötet, fast 60 galten als entführt. Das Online-Archiv des internationalen Sportjournalistenverbandes AIPS dokumentierte etliche Tötungen von Sportjournalisten in den vergangenen Jahren, etwa bei Anschlägen in Afghanistan, Somalia oder Libyen.

„Große Stadien im Nahen und Mittleren Osten sind besonders gefährdet“, sagt Mahfoud Amara, Leiter des sportwissenschaftlichen Programms an der Qatar Universität in Doha. „So wollen Terrorgruppen ihren Hass auf den Westen zum Ausdruck bringen. Und der Fußball ist in ihren Augen ein Symbol des Westens.“ Ende 2019 waren weltweit 389 Medienschaffende in Haft, zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie viele sich von ihnen mit Sport beschäftigten, ist unklar. In der Fußball-Industrie sind Politik, Wirtschaft und Sport ohnehin kaum zu trennen (Cover-Abbildung: Verlag Die Werkstatt).

Das hat auch Maryam Majd zu spüren bekommen, eine von ganz wenigen Sportfotografinnen in Iran. Über Jahre hat sie sich dafür eingesetzt, dass auch Frauen zu Männerpartien ins Stadion gehen können. Ihre Fotos erschienen in der reformorientierten Frauenzeitschrift Zanan, ehe diese 2009 verboten wurde. Damals formierte sich die Grüne Bewegung, es waren die größten Demonstrationen seit der Revolution 1979. Die Gefolgschaft von Präsident Mahmud Ahmadinesch?d verhaftete Tausende Demonstranten, Menschenrechtler und Journalisten.

Diese Unterdrückung wirkte lange nach. Maryam Majd wollte 2011 für die Erstellung eines Bildbandes zur Fußball-WM der Frauen nach Deutschland reisen. Vor ihrem Abflug wurde sie in Gewahrsam genommen. Auch nach ihrer Freilassung, so berichteten internationale Zeitungen, wurde ihr der Kontakt zu westlichen Medien streng untersagt. Daher ist es kaum verwunderlich, dass Maryam Majd nicht mehr öffentlich über die Verhaftung sprechen möchte.

Kritische Stimmen werden sanktioniert, auch im Fußball

Und auch nicht über die Zensurbehörde in Iran, die Medienschaffenden die Arbeit erschwert. In Workshops mit jungen Fotografinnen betont Majd stattdessen das Positive: „Auch innerhalb unseres Systems können wir selbstbewusste Sportlerinnen abbilden.“ Maryam Majd fotografierte bei der WM der Frauen 2019 in Frankreich und wenige Wochen später beim Festival der Frauenrechtsgruppe Discover Football in Berlin. Die Organisation World Press Photo nominierte ihre Arbeit für einen Wettbewerb.

In den vergangenen Monaten hat sich die Lage in Iran nach erneuten Massendemonstrationen zugespitzt. Kritische Stimmen werden sanktioniert, auch im Fußball. Mehdi Taj, bis vor kurzem Präsident des iranischen Verbandes, verlangte von Reportern, nur sportliche Themen anzusprechen. Er sagte: „Bei irrelevanten Fragen werden wir den Presseausweis beschlagnahmen. Und bei einer Wiederholung mit einem vierjährigen Arbeitsverbot bestrafen.“

Bis vor kurzem hat Jamil Chade solche Attacken in Demokratien kaum für möglich gehalten. Der brasilianische Kolumnist und Buchautor hat sich über Jahre mit Großereignissen in seiner Heimat beschäftigt, mit Korruption und Machtmissbrauch rund um die WM 2014 und Olympia 2016 in Rio. Seine Recherchen führten zu mehreren staatlichen Ermittlungen. „Mir wurde immer wieder mit Klagen gedroht“, erzählt Jamil Chade. „Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei kein Patriot, ich sei kein wahrer Brasilianer.“

Einmal wurde er bei einer Pressekonferenz der Nationalmannschaft des Saales verwiesen. Brasilien durchlebt eine Wirtschaftskrise. Mehrfach drohten staatsnahe Konzerne seiner Zeitung O Estado, keine Anzeigen mehr zu schalten. Unter dem rechtsextremen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro beklagen viele liberale Politiker und Künstler ein Klima der Ausgrenzung, einige leben inzwischen im Exil.

„Auch wir Journalisten haben eine schwere Zeit“, sagte Jamil Chade Anfang Februar bei den zweiten AIPS Sport Media Awards in Budapest, wo er für seine investigativen Recherchen ausgezeichnet wurde. „Die Geschichte wird nicht freundlich zu uns sein, wenn wir uns jetzt nicht wehren“, sagt er. Jamil Chade betont auch positive Folgen auf den Rechtsruck in demokratischen Ländern: „Überall wollen auch im Sport junge Journalisten Missstände aufdecken. Es gibt einen großen Appetit auf Recherche.“

Aus allen Kontinenten tauschen gesellschaftskritische Sportreporter ihr Wissen aus, in sozialen Medien oder im Netzwerk „Play the Game“. Vor den Sommerspielen in Rio erhielt Jamil Chade das Angebot, auf einem Streckenabschnitt die Olympische Fackel zu tragen. „Ich muss darüber berichten, wer von dieser Fackel profitiert“, sagt er. „Wie könnte ich die Fackel da jemals selbst in die Hand nehmen?“

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07.05.2020






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Von Ronny Blaschke

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Erich Laaser, Andreas Hardt und Gregor Derichs über Sportjournalismus in Krisenzeiten

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