Rechtsextremismus-Report – Teil I
Stadionbanner von Fans des FC Energie Cottbus (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Das Klischee vom „braunen Osten“

Zu pauschal, zu ereignisorientiert – an der Art und Weise, wie über Rechtsextremismus im Fußball berichtet wird, entzündet sich Kritik. Der sportjournalist analysiert die schwierige Rolle der Medien in diesem Spannungsfeld und startet hier seinen vierteiligen Report.

Von Christoph Ruf

Im Juli 2019 lud die Redaktion der Lausitzer Rundschau (LR) ihre Abonnent*innen zu einer Podiumsdiskussion ein. Einige Wochen zuvor hatte die Mitgliederversammlung des Regionalligisten Energie Cottbus für einen Eklat gesorgt. Per Mehrheitsvotum wurde beschlossen, den RBB von der Versammlung auszuschließen – eine Strafmaßnahme für dessen regelmäßige und tiefgründige Berichterstattung über die rechte Szene in Stadt und Verein.

Da sich die LR mit dem Sender solidarisch erklärt, die Versammlung ebenfalls verlassen und statt eines Berichtes über die Tagung eine weiße Seite abgedruckt hatte, waren die Wellen in der Leserschaft hochgeschlagen. Es gab also Redebedarf zwischen Leser*innen und Journalist*innen. 90 Minuten bei angeschalteten Mikrofonen. Und lange danach in kleineren Kreisen.

Was hängenblieb: Ja, es gibt Menschen, die nicht begreifen, dass Journalist*innen nicht dafür bezahlt werden, Vereins-PR zu betreiben. Ja, es gibt Menschen, die sich daran stören, dass Journalist*innen es nicht verschweigen, wenn Neonazis sich in einer Fanszene breitmachen. Doch diese beiden Gruppen waren an diesem Sommertag in der krassen Minderheit. In der Mehrheit waren diejenigen, die fanden, dass nicht die Berichterstattung über Rechtsaußen ein Problem ist. Sondern die Art und Weise wie das geschieht.

Die Vorwürfe an unsere Branche sind nicht nur in der Lausitz zu hören, sondern überall dort, wo Journalist*innen über rechte Umtriebe in den Fanszenen berichten und einen Hotspot ausgemacht zu haben glauben. Im Kern: In den Berichten über rechtsextreme Transparente, Parolen oder Gewalttaten würden die jeweiligen Täter*innen nur selten in Relation zur Gesamtzahl der Fans gesetzt. Stattdessen sei häufig von „Cottbus-Fans“, „Chemnitz-Fans“ oder gar „den Cottbus-Fans“ die Rede, so als stehe jeweils das Stadion mehrheitlich oder sogar ganz hinter den Rechten.

Stigmatisierung durch eine zu pauschale und zu ungenaue Berichterstattung?

In Cottbus meldet sich ein Mann zu Wort, der berichtet, in Hamburg sei ihm vor der Rückreise durchaus freundlich eine gute Zeit „in seinem braunen Loch“ empfohlen worden. Und das wenige Tage nach einer bundesweiten Berichterstattung über Energie Cottbus. Immer wieder ist nicht nur in der Lausitz der Vorwurf zu hören, eine zu pauschale und zu ungenaue Berichterstattung über Rechts wirke nicht aufklärend, sondern befördere nur die Stigmatisierung eines ganzen Vereines, einer Stadt oder Region.

Der zweite Vorwurf ist schwerer zu fassen, vielleicht aber noch weiter verbreitet als das Gefühl, dass Journalist*innen zu oft mit Pauschalurteilen arbeiten. Immer wenn es zu rechten Vorfällen kommt, so der Eindruck vor Ort, schwärmen linksliberale Großstadtjournalist*innen einigermaßen unwillig in die zutiefst verachtete Provinz aus – die wiederum für eine*n Hamburger*in oder Münchner*in aus allen Städten besteht, die nicht Hamburg oder München sind. Sie kehren glücklich in ihre Redaktionen zurück, wenn sie das bereits vorher feststehende Recherche-Ergebnis eingefangen haben: alles ganz schlimm auf dem Lande. Vor allem im „braunen Osten“.

Lesen Sie im zweiten Teil des vierteiligen sportjournalist-Reports über Rechtsextremismus im Fußball, weshalb in der Berichterstattung zu häufig zu wenig differenziert wird.

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29.07.2020






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