Rechtsextremismus-Report – Teil III
Fans des Chemnitzer FC (Foto: GES-Sportfoto/Thomas Eisenhuth/Augenklick)

Ein stimmigeres Gesamtbild ermöglichen

Alle rechts im Osten – so einfach machen es sich viele, doch die Realität sieht anders aus. Im dritten und vorletzten Teil des sportjournalist-Reports geht es darum, was nötig ist, um mehr Differenzierung in der Berichterstattung zu erreichen.

Von Christoph Ruf

Im ersten Teil des vierteiligen sportjournalist-Reports über Rechtsextremismus im Fußball ging es um die vielen Vorurteile in Bezug auf die Klubs der ehemaligen DDR. Der zweite Teil widmete sich dem Problem, dass in der Berichterstattung zu häufig zu wenig differenziert wird.

Fanforscher Robert Claus kennt Fußballstadien auch von innen und kritisiert die mangelnde journalistische Tiefe: „Es ist immer kontraproduktiv, wenn ganze Fanszenen einer bestimmten politischen Richtung zugeordnet werden. Weder sind Fans auf St. Pauli unisono links noch in Chemnitz einheitlich rechts.“ Für inhaltlich interessanter hält er die „dynamischen Aushandlungsprozesse innerhalb einer Fanszene“, die Kräfteverhältnisse und Diskussionen in Kneipen, Foren und Fankurven.

Das alles abzubilden sei ad hoc, also beispielsweise in den Montagsausgaben der Zeitungen nach der Ku-Klux-Klan-Aktion einiger Cottbuser Nazis nach dem Drittliga-Aufstieg 2018, natürlich nur schwer zu leisten. Aber schon dienstags könne man den Leser*innen vieles bieten, das ein stimmigeres Gesamtbild ermöglicht: Telefonate mit nicht-rechten Cottbus-Fans oder Szenekenner*innen seien vermittelbar, so Claus, der für Interviews mit extrem rechten Hools allerdings einschränkt: „Die meisten reden eh nicht mit Journalisten.“

Ein Problem, vor dem Kolleg*innen stehen, die über Kampfsport berichten, entfällt im Fußball also häufig. „Bei rechten Kampfsportveranstaltungen sagen auch knallharte Nazis öffentlich immer nur, dass sie für Tradition, Heimat und Selbstverteidigung stünden“, erklärt Claus. Wenn man als Journalist*in solche Aussagen nicht als Propaganda einordne, sei man den NS-Aktivisten schon auf den Leim gegangen.

Das tue man auch, wenn man ihren Einfluss auf eine gesamte Fankurve schlagzeilenträchtig überhöhe, sagt Marcel Junghanns, der jahrelang ein Fanzine über Rot-Weiß Erfurt verantwortet hat und in den vergangenen Jahren für die Social-Media-Aktivitäten des im Insolvenzverfahren steckenden ehemaligen Regionalligisten verantwortlich war. Auch sein Fazit stimmt nachdenklich: „Es wird zu selten versucht, mit Fans auch wirklich in Kontakt zu treten, um das zu verifizieren, was behauptet wird.“

So seien bei einem der letzten Heimspiele gegen den Lokalrivalen „Juden Jena“-Rufe aus dem Block zu hören gewesen. Sie kamen aus dem Bereich der Fankurve, in dem eine rechtsgerichtete Ultragruppe steht, beteiligt haben sich zwischen 30 und 50 Personen.

„Eine Stigmatisierung der kompletten Fanszene“

„Was passiert ist, war schlimm genug. Und es ist gut, dass darüber berichtet wird“, so Junghanns. „Aber es wurde häufig der Eindruck erweckt, als gingen diese Parolen von einem Großteil der Zuschauer aus dem ganzen Stadion aus – und nicht wie tatsächlich von etwa 50 Personen auf der Haupttribüne. Die Konsequenz war eine Stigmatisierung der kompletten Fanszene.“

Dies trug dazu bei, dass noch heute Fans, die Spendengelder für ihren Verein sammeln, zu hören bekommen, man gebe keinen Euro für „diesen rechten Verein“. Er habe „nach all den Jahren schon den Eindruck, dass schlechte News sich besser verkaufen als gute“, sagt Junghanns, „als Verein oder Fanszene brauchst du dann zehn positive Aktionen, um eine negative aufzuwiegen.“

Lesen Sie im vierten und letzten Teil des sportjournalist-Reports über Rechtsextremismus im Fußball, dass selbst ehrliche Angebote für eine tiefergehende Berichterstattung von vielen Journalist*innen nicht angenommen werden.

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03.09.2020






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