Report „100 Jahre kicker“ – Teil I
kicker-Chefreporter Karlheinz Wild (Foto: kicker)

„Im Sprachgebrauch zielorientiert“

Der kicker hat Generationen von Fußballer*innen, Fans und Sportjournalist*innen begleitet und sich trotz mancher Spöttelei aus der Branche als inzwischen multimediale Konstante behauptet. Im ersten Teil des dreiteiligen sportjournalist-Reports zum 100-jährigen Jubiläum geht es um den Sprachstil des Fachblattes.

Von Maik Rosner

Im Olympia-Verlag in der Nürnberger Badstraße wissen sie, dass sie eher nicht mit uneingeschränkten Elogen rechnen können, wenn am 14. Juli der 100. Geburtstag des kicker ansteht, wegen der Coronakrise ohne Feier, die um ein Jahr verschoben wurde. Zu vernehmen waren die Vorbehalte bereits in den Dokus der ARD und des Kooperationspartners DAZN, in denen es auch um manche Spöttelei aus der Branche ging.

Als „trist“ und „in seiner Ernsthaftigkeit sehr deutsch“, bezeichnete 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster den Stil der Kollegen und empfahl ein „weniger staatstragendes Ambiente“. Matthias Brügelmann, Chefredakteur des Kompetenzcenters Sport der Bild-Gruppe, beurteilte die Aufbereitung des Geschehens als „zu trocken“. Die FAZ monierte die „gusseiserne Sprache“ der „Meisterschreiber von Nürnberg“.

Beim kicker kennen sie diese Sichtweise aus Teilen der Branche, und auch wenn sie wegen ihrer sehr breiten Leserschaft gar nicht den Anspruch haben, das Feuilleton zufriedenzustellen, ärgern sie sich darüber, wenn man sie darauf anspricht.

Er finde, das sei „elitäres Getue“ und „ziemlich überheblich“, sagt Chefreporter Karlheinz Wild, seit 1986 beim kicker. „Wenn ich zum Beispiel sehe, wie viel Text die Leute bei den Agenturen schnell und jeden Tag rauspowern müssen – da habe ich höchsten Respekt. Wichtig ist, dass jeder seine Klientel bedienen kann, ob Boulevard oder Süddeutsche Zeitung.“

„Ich muss dem Volk auch auf den Mund schauen“

Professor Michael Schaffrath, Leiter des Arbeitsbereichs für Medien und Kommunikation der Sportfakultät der TU München, teilt diese Sicht. „Wenn ich meine Leserschaft nicht allzu dramatisch verlieren will, muss ich dem Volk auch auf den Mund schauen“, sagt er, „ich empfinde den kicker im Sprachgebrauch als zielorientiert.“

Als Fachmagazin sei dieser trotz Auflagenverlusten „ein ganz wichtiges Medium“ und die sachliche Konzentration auf den Kern des Fußballs eine Stärke. Die analytische Ergänzung dessen, „was man aus der Sportschau schon kennt“ sei „auch seine Chance, überhaupt zu überleben im schwierigen Printmarkt“, so Schaffrath (Foto kicker-Gründer und Fußballpionier Walther Bensemann, Fünfter von links: kicker).

Für den zuweilen geäußerten Vorwurf, der Fußballbranche gegenüber zu unkritisch zu sein, sehen sie im Verlag keine Grundlage, jedenfalls nicht mehr. „Der kicker hat sich in der Hinsicht sehr entwickelt. Wir legen den Finger schon in die Wunde, beispielsweise bei der Gehälterexplosion“, sagt Rainer Franzke aus der Chefredaktion, „wenn es ein Gefälligkeitsjournalismus wäre, würde der kicker nicht so häufig zitiert werden.“

Heftverkäufe und Online-Klicks – kicker extrem abhängig vom Fußball

Dass Themen wie Doping im Fußball eher nicht vorkommen, liegt für Kommunikationswissenschaftler Schaffrath auch an den Umständen. „Im Fußball findet Doping ja angeblich gar nicht statt. Da bin ich zwar skeptisch, aber man kann dem kicker nicht vorwerfen, dass er ein Thema wie Doping nicht artifiziell hochzieht“, sagt er.

Extrem abhängig von der Fußballbranche sind sie beim kicker allerdings durchaus, das zeigte sich im Lockdown der Coronakrise. Die Print-Abos blieben zwar weitgehend stabil, und das E-Magazin legte zu. Online erlitten sie aber erst einmal enorme Reichweitenverluste. Nach dem Re-Start im deutschen Profifußball Mitte Mai gingen die Visits allerdings wieder deutlich nach oben.

Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen kicker-Reports, weshalb das Fachblatt gleichzeitig als eher bieder und doch modern wahrgenommen wird.

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13.07.2020






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