Studie „Sexismus im Sportjournalismus“ – Teil I
Sportjournalistin bei einer Pressekonferenz (Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick)

Auch Belästigungen am Arbeitsplatz

Die TU München wollte es wissen. Gibt es auch im Medienbereich Sexismus? Leider ja, wie die Studie „Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus“ belegt.

Von Prof. Dr. Michael Schaffrath

Durch die #MeToo-Bewegung wurde eine internationale Debatte über Sexismus ausgelöst. Damit ist ein Thema virulent, das auch hierzulande viel zu lange ignoriert und tabuisiert worden ist. Erleben oder besser erleiden Sportjournalistinnen sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz? Dieser Frage wurde an der TU München unter anderem im Rahmen der Studie „Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus“ nachgegangen. Leiter der Studie ist Prof. Dr. Michael Schaffrath, der dem Arbeitsbereich für Medien und Kommunikation an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften vorsteht. Der sportjournalist liefert ausgewählte Ergebnisse.

Als Methode wurde eine Online-Befragung durchgeführt. Die große Herausforderung bestand zunächst in der Identifizierung der Sportjournalistinnen und der Akquise ihrer E-Mail-Adressen (alle Abbildungen: Schaffrath/TU München).

Da der VDS aus datenschutzrechtlichen Gründen verständlicherweise seine Adressdatei für das Projekt nicht zur Verfügung stellen konnte, wurde eine aufwändige Suche über das jeweilige Impressum oder die einzelnen Homepages von Verlagen und Sendern nötig, die durch etliche telefonische Nachfragen ergänzt werden musste.

Zu diesen Medien wurde recherchiert:

– 118 Tageszeitungs-Vollredaktionen
– zwei Sportzeitschriften (kicker und Sportbild)
– zwei Nachrichtenagenturen (SID und dpa)
– acht öffentlich-rechtliche TV-Sender (ZDF, WDR, NDR, MDR, BR, RBB, SWR und RB)
– neun ÖR-Radioanstalten (WDR, NDR, MDR, BR, RBB, HR, SWR, RB und Deutschlandr.)
– ein privater TV-Sender (RTL)
– ein Sportsparten-Kanal (Sport1)
– ein Pay-TV-Anbieter (Sky)

Bei diesen 142 Medien konnten 233 Sportjournalistinnen namentlich ausfindig gemacht und persönlich angeschrieben werden. Die Feldzeit lag zwischen dem 1. Juni und dem 30. September 2018. 154 Frauen nahmen an der Umfrage teil. Die Rücklaufquote lag bei 66,1 Prozent.

Die einzelnen Fragen zum Themenbereich „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ beantworteten zwischen 141 und 144 Sportjournalistinnen. Die Studie mit einer sehr hohen Umfragebeteiligung erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, aber sie ist die bisher größte Umfrage unter Sportjournalistinnen in Deutschland überhaupt.

Die unter #MeToo geführte Debatte über Sexismus und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz halten fast drei Viertel aller Sportjournalistinnen für „sehr wichtig“ oder „ziemlich wichtig“. Angesichts der Brisanz der Problematik muss jedoch überraschen, dass ein Fünftel der Befragten hier eher indifferent ist oder auch, dass sogar knapp sechs Prozent die Thematik für „wenig wichtig“ oder „gar nicht wichtig“ einstufen (Abbildung 1, ganz oben).

Die Daten zur allgemeinen Relevanz-Einschätzung spiegeln sich fast deckungsgleich bei der Frage wider, ob man glaubt, dass sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz in Sportredaktionen überhaupt vorkommen (Abbildung 2, oben). Drei Viertel bejahen dies, ein Fünftel weiß es nicht und knapp drei Prozent negieren dies.

Die Einstellungen zu der Thematik korrespondieren vermutlich stark mit persönlichen Beobachtungen oder gar eigenem Erleben (Abbildung 3, rechts). Knapp zehn Prozent der Sportjournalistinnen möchte keine Aussagen darüber treffen, ob sie selbst jemals sexuell belästigt worden sind. Zwei Drittel der Befragten geben an, dass dies noch nie der Fall war. Aber immerhin ein Viertel hat selbst sexuelle Belästigungen schon erleben müssen.

Damit liefert die Studie erste Hinweise darauf, dass sexuelle Belästigungen im Sportjournalismus häufiger vorzukommen scheinen, als dies in anderen Branchen der Fall ist. Entsprechendes kann man nachlesen in einer repräsentativen Beschäftigtenumfrage vom Sozialwissenschaftlichen Umfragezentrum Duisburg, die im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2015 unter der Überschrift „Gleiches Recht. Jedes Geschlecht“ durchgeführt und veröffentlicht worden ist. Danach gaben 17 Prozent aller befragten Frauen aus diversen Berufsfeldern an, bereits sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz selbst erlebt zu haben. Das sind immerhin acht Prozentpunkte weniger als bei der hier präsentierten Umfrage unter Sportjournalistinnen.

Lesen Sie im zweiten und letzten Teil der Studiendarstellung, warum Sportjournalistinnen so lange wegen sexueller Belästigungen am Arbeitsplatz geschwiegen haben.

Dieser Artikel stammt aus dem sportjournalist und wurde für die Online-Veröffentlichung als Zweiteiler aufbereitet. Hier geht es zur Bestellung des Jahresabonnements beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

03.12.2020






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