Buch „Welt Sport“
Reporter Hartmut Scherzer mit Bundestrainer Joachim Löw (Foto: GES-Sportfoto/Thomas Eisenhuth/Augenklick)

Die Geschichte vom ewigen Reporter Scherzer

Auch mit 82 Jahren ist Hartmut Scherzer noch als Journalist aktiv. Kommendes Jahr peilt er die Sommerspiele in Tokio an. Sein autobiographisches Werk „Welt Sport“ ist also quasi nur eine Zwischenbilanz. Wolfgang Uhrig würdigt auf sportjournalist.de den nimmermüden Reporter.

Unter Sportjournalisten ist in Mode gekommen, dass sich Beschreiber auch gern mal selbst beschreiben. Mit einem Rückblick zu ihrem Leben, so wie es war oder auch so, wie es ist als Journalist. Dieter Kürten („Drei unten, drei oben“) und Rolf Töpperwien („Von Braunschweig bis Johannesburg“) haben daran einst teilhaben lassen, zuletzt folgten Pit Gottschalk („Kabinengeflüster“), Harald Kaiser („Ronaldo, Matthäus & ich“) oder Marcel Reif mit gleich mehreren Titeln (unter anderem „Nachspielzeit“).

Es sind quasi Taschenbücher, gemessen an dem, was es jetzt von Hartmut Scherzer zu lesen gibt, den 1,6 Kilogramm schweren Wälzer „Welt Sport“, 736 Seiten, über 200 Bilder, „60 Jahre Erlebnisse einer Reporter-Legende“, so der Untertitel. Da kommt natürlich eine ganze Menge und überall zusammen. Bei einem Mann, der mit nun 82 Jahren als Freier noch immer im Ring steht, zum Beispiel auch jede Woche im Gym als Freizeitboxer.

Diese Nähe zum Boxen, dem Fußball und ganz besonders auch zum Radsport sind Kernstücke seiner lebendigen Erzählungen und Beziehungen zu Ereignissen und Protagonisten. Eine über Jahrzehnte andauernde, unterhaltsame Zeitreise zur Teilnahme an 21 Olympischen Spielen seit 1964, an 15 Fußball-Weltmeisterschaften oder 33-mal Tour de France – Rekorde, die einmalig sind im deutschen Sportjournalimus (Cover-Abbildung: Societäts-Verlag).

Scherzer, Mitglied im Verein Frankfurter Sportpresse, erinnert an die Zeit, in denen er noch selbst wettkampfmäßig boxte. Als er Hessenmeister war, deutscher Meister der Studenten. Und auch an die schmerzliche K.o.-Niederlage gegen Peter Müller, das Kölsche Original („de Aap“), in den 1960er-Jahren deutscher Meister im Mittegewicht.

Der Reporter wird Zeitzeuge des Weges von Donald Trump als Boxpromoter (!), er verblüfft als Vermittler zum Kampf von Karl Mildenberger gegen Muhammed Ali („meinem Freund“). Scherzers ganz persönliche Nähe, seine Begegnungen mit Ali, damals noch Cassius Clay, bis zum tragischen Ende des „berühmtesten Menschen des Planeten“ – bedrückend und bewegend nachzulesen.

Der Journalist erzählt, wie mit Dietrich „Didi“ Thurau oder Jürgen Grabowski Beziehungen fürs Leben entstanden, er hält ein Plädoyer für die Dopingsünder Jan Ullrich und Lance Armstrong, beklagt am Beispiel Franz Beckenbauer „eine Lust deutscher Medien, einstige Superstars zu desavouieren, wenn sie in Kalamitäten stecken“. Für Scherzer steht Beckenbauers Verdienst am Sommermärchen 2006 über allem anderen.

Wie Scherzers Liebe zum Beruf 1954 in einem Frankfurter Café begann

Zur politisch schwer belasteten Fußball-WM 1978 in Argentinien nimmt er sich seitenlang den damaligen Chef-Organisator Hermann Neuberger mit vielen bedrückenden Details zur Brust – danach müsste sich der frühere DFB-Präsident heute noch einmal im Grabe umdrehen.  

Scherzer beschreibt wie die Liebe zum Beruf begann, 1954 mit 16 im Café Dornbusch in Frankfurt-Eschersheim, vor dem Fernseher und dem „Wunder von Bern“. Die Chancen und der Aufstieg bei UPI, einer Weltliga im Journalismus, das Auf und Nieder bei seinem Herzblatt Abendpost/Nachtausgabe, der spätere Kampf ums berufliche Überleben als Freier. Ein rasender Reporter, dessen Leidenschaft auch Leiden schafft. Im Sommer 2004 sei plötzlich nichts mehr gegangen – Burnout, tiefe Depression, Suizidgedanken. „Ich bin nicht aus dem Bett rausgekommen und habe mir die Decke über den Kopf gezogen.“

„Oder ich sterbe bei dir am Sandsack den Sekundentod“

Danach, mit damals 66, startete er wieder voll durch. Und wenn er sich heutzutage beim Boxen gelegentlich selbst überwinde, sich ganz besonders in Zeug lege, dann würde sein Trainer sagen: „Scherzer, du wirst 100 Jahre alt.“ Auf diese Schmeichelei pflege er dann zu antworten: „Oder ich sterbe bei dir am Sandsack den Sekundentod.“

Doch vorher will Scherzer noch einmal bei den Olympischen Spielen in den Ring steigen – „möglichst im Sommer 2021 in Tokio“. Ein Kreis schließt sich, wo Olympia 1964 für ihn begann. Er wäre dann 83 – was für eine außergewöhnlich lange und bunte Geschichte im „Welt Sport“, diesem Leben vom ewigen Reporter Hartmut Scherzer.

Hartmut Scherzer
„Welt Sport – 60 Jahre Erlebnisse einer Reporter-Legende“
Societäts-Verlag, Frankfurt, August 2020
736 Seiten, Hardcover, circa 200 Illustrationen, Fotos und Dokumente
ISBN-13: 9783955423841
ISBN-10: 3955423840
Preis: 25,00 Euro

09.09.2020






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