Rassismus-Report – Teil I
Hände in der Luft (Foto: GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/Augenklick)

Fest in der Hand weißer Männer

Die Debatte über die „Black Lives Matter“-Bewegung ist auch im Sportjournalismus angekommen. Vielerorts ist ein Umdenken beim Umgang mit Minderheiten zu erkennen. Doch der Weg zu einem echten Miteinander scheint noch weit.

Von Christoph Ruf

Am Aufgang zur Sinsheimer Arena bietet sich den Medienvertretern ein interessanter Anblick. Zu sehen ist ein Foto der vollbesetzten Medientribüne bei einem Heimspiel der TSG Hoffenheim, das in den ersten Jahren nach der Einweihung der Arena 2009 aufgenommen wurde. Das Bild ist recht eintönig: Zu sehen sind fast ausschließlich männliche weiße Journalisten.

Noch deprimierender als diese Feststellung ist nur die Tatsache, dass sich an diesem Anblick auch zehn Jahre später kaum etwas geändert hat: Ulrike John von der dpa, die damals nur zufällig nicht auf dem Bild war, ist immer noch bei fast jedem Heimspiel, zwei, drei weitere Kolleginnen sind dazugekommen. Und im Presseraum trifft man zuweilen Fieldreporter Kwawena Obu Mensa Odum, der während des Spiels meist im Innenraum steht.

Ansonsten ist die Berichterstattung nach wie vor fest in der Hand weißer Männer. Nicht nur in Hoffenheim, sondern (fast) überall, wo Sport auf mediales Interesse stößt. In einer Branche, die dermaßen monokulturell strukturiert ist, stellt sich die Frage, ob die aktuelle Debatte, die spätestens nach dem Aufkommen der „Black Lives Matter“-Bewegung Fahrt aufgenommen hat, spurlos an ihr vorbeigeht. Das betrifft zum einen die personelle Besetzung in den Redaktionen und zum anderen die Frage, wie stark die Sprache noch die gesellschaftliche Realität eines multikulturellen und heterogenen Einwanderungslandes wie der Bundesrepublik abbildet.

Die Zeiten, in denen Souleyman Sané oder Anthony Yeboah von Sportjournalisten als „schwarze Perle“ bezeichnet wurden, während es von den Rängen Bananen regnete, sind zwar glücklicherweise vorbei. Doch das bedeutet nicht, dass eine Berichterstattung, die auf rassistischen Vorstellungen basiert, ausgestorben wäre.

„Mir scheint, dass besonders dann, wenn bei Live-Übertragungen Zeit zu überbrücken ist, gerne auf Stereotypen zurückgegriffen wird, um die Zeit totzuschlagen“, sagt der Journalist Malcolm Ohanwe, der unter anderem für den BR arbeitet und den Podcast „Kanackische Welle“ verantwortet (Ohanwe-Foto: Özgün Turgut).

„In solchen Situationen wird ellenlang berichtet, wo welcher Sportler herkommt. Und oft wird es dann richtig klischeehaft. Dann sind die Ghanaer körperbetont und die Japaner filigran.“ Ohanwe hat auch einen Verdacht, warum das so sein könnte. „Gerade, weil Sportjournalismus so international operiert und oft englischsprachige Quellen hat, hat er auch viel mehr potenzielle Fettnäpfchen, in die er treten kann.“

Als Beispiel nennt er den Begriff „race“: „Der ist in den USA eben anders konnotiert als hier der Begriff ‚Rasse‘, der dann aus historischen Gründen einfach mit ‚Ethnie‘ übersetzt wird. Das macht es aber auch nicht besser.“ Ohanwes Fazit jedenfalls ist schonungslos: „Im Sportjournalismus arbeiten offenbar überdurchschnittlich viele weiße, heterosexuelle Männer, die in ihrem Leben kaum Erfahrung gemacht haben, wie es ist, diskriminiert zu werden. Vielleicht fehlt auch deshalb manchmal die Empathie für diejenigen, denen das anders geht.“

Dieser Text stammt aus dem sportjournalist. Es wurde für die Verbreitung über die digitalen Kanäle des VDS gekürzt und als Mehrteiler angelegt. Im zweiten Teil des dreiteiligen Rassismus-Reports wird die Fragestellung einer angemessenen Sprache, die keine Klischees bedient, behandelt.

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19.11.2020






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