Frauenbild in der Fußballberichterstattung – Teil I
Spielszene aus dem WM-Spiel 2019 Deutschland gegen Spanien (GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/Augenklick)

Zwischen Nicht-Beachtung und Überbetonung

Fußball ist eine männlich konnotierte Sportart. Das zeigt sich schon an der Sprache. Miriam Jagdmann hat in ihrer Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund untersucht, wie Frauen in der Berichterstattung über Fußball sprachlich dargestellt werden. Hier fasst sie ihre Erkenntnisse im ersten von zwei Teilen zusammen.

Miriam Jagdmann ist Master-Studentin im Studiengang „Gender Studies international“ an der Ruhr Universität Bochum. Ihren Bachelor hat sie im Fach Journalistik an der TU Dortmund absolviert. Auch nach ihrem Abschluss arbeitet sie dort weiter als Chefredakteurin des Campusradios eldoradio*. Wir danken den Kolleg*innen des European Journalism Observatory (EJO), Jagdmanns Zusammenfassung ihrer Bachelorarbeit für die Veröffentlichung auf sportjournalist.de übernehmen zu dürfen.

„So sexy sind Deutschlands Fußball-Frauen“ (RP-Online 2019) und „Wo die Fußball-WM der Frauen Rekorde bricht und warum die Gleichstellung weit entfernt ist“ (NZZ vom 07. Juli 2019) – dies sind beides Schlagzeilen zur Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019. So unterschiedlich diese beiden Artikel auch anmuten, eines haben sie gemeinsam: Sie stehen in direktem Bezug zum gesellschaftlichen Bild von (fußballspielenden) Frauen, denn Medien beeinflussen unser Geschlechterbild. Einerseits (re)produzieren sie Geschlechterverhältnisse und -hierarchien, andererseits können sie diese aber auch verändern und aktualisieren.

Wie schon die beiden genannten Schlagzeilen andeuten, spielen Geschlechterbilder in der Fußballberichterstattung eine besondere Rolle. Das liegt daran, dass Fußball in Deutschland durch historische sowie strukturelle Rahmenbedingen eine männlich konnotiere Sportart ist (Jagdmann-Foto: privat).

Über Frauen im Fußball wird deshalb auch anders berichtet als über Männer – inhaltlich und sprachlich, wie bisherige Studien, zum Beispiel Kevin Kunz (2016), Bettina Staudemeyer (2018) und Sina Lautenschläger (2014), zeigen (Literaturhinweise unten).

Sprache bildet zudem die Basis für Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Nicht zuletzt deswegen ist der sich aktuell vollziehende Wandel des gesellschaftlichen Geschlechterbilds eng mit einem Wandel unserer Sprache verbunden. Anknüpfend an diese Vorüberlegungen habe ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund untersucht, wie die Akteurinnen der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019 sprachlich dargestellt wurden.

Nicht-Beachtung und Überbetonung des Geschlechts der Akteurinnen

Dazu habe ich eine qualitative Inhaltsanalyse von 45 Online-Artikeln der Medien Bild, kicker und FFussball-Magazin durchgeführt. Die Artikel wurden zwischen 24. Mai und 21. Juli 2019 veröffentlicht. Im Fokus der Untersuchung standen unter anderem geschlechterbezogene Stereotype, aber auch Personenbezeichnungen sowie Fachtermini und die Bezeichnungen der WM und der Sportart wurden untersucht.

Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Berichterstattung zwischen einer Nicht-Beachtung und einer Überbetonung des Geschlechts der Akteurinnen schwankt. Dies war bei allen untersuchten Medien der Fall, nennenswerte Unterschiede gab es nicht.

Frauen in erster Linie als Fußballerinnen inszeniert, nicht als Frauen

Die Nicht-Beachtung spiegelt sich vor allem in der Verwendung von Geschlechterstereotypen wider. Überraschenderweise waren diese fast ausschließlich männlich und positiv. Besonders häufig fiel das Attribut „stark“. Außerdem bezogen sich fast alle Stereotype auf die fußballerische Leistung der Spielerinnen, weibliche Äußerlichkeiten oder Charakterzüge wurden nicht explizit hervorgehoben. Frauen wurden in erster Linie also als Fußballerinnen inszeniert, nicht als Frauen.

Die Ergebnisse können in zwei verschiedene Richtungen interpretiert werden: Einerseits scheinen Frauen, um im Fußball als erfolgreich zu gelten, männliche Attribute aufweisen zu müssen. Anders als bisherige Studien aufzeigen, scheinen sie diese Eigenschaften aber nicht mehr mit einer Betonung ihrer weiblichen Attribute auszugleichen zu müssen. Andererseits stellt sich die Frage, ob Geschlechterstereotype sich allmählich auflösen, womit eine Einteilung in männliche und weibliche Stereotype hinfällig wäre.

Dass das Geschlecht der Akteurinnen keinen Einfluss auf die Sprache hat, zeigt sich auch an anderen Stellen. So wurden etwa Personenbezeichnungen nicht immer passend zum Geschlecht verwendet. Gruppen, die nicht eindeutig weiblich sind, wurden in der Regel mit dem generischen Maskulinum bezeichnet. Das heißt, dass zwar immer korrekt von Fußballerinnen gesprochen wurde, übrige Gruppen aber stets mit generischem Maskulinum bezeichnet wurden, etwa Zuschauer oder Journalisten). Frauen außerhalb des Spielfelds kommen somit nicht vor (Logo: European Journalism Observatory).

Auf die Spitze getrieben wird dieses Phänomen an Stellen, an denen es nur um Frauen geht, aber dennoch die männliche Form verwendet wurde. So heißt es etwa in einem Artikel der Bild „Wer sind die Experten?“ und weiter „ARD-Expertin ist wie gewohnt Nina Künzer. Im ZDF analysieren die früheren Nationalspielerinnen Lira Alushi, Lena Lotzen, Kim Kuhlig und Celia Sasic“. Dieses Ergebnis weist daraufhin, dass Medienschaffenden das Bewusstsein für das Geschlecht der Akteurinnen fehlt.

LITERATUR

Jagdmann, Miriam (2020): Spielt Geschlecht (k)eine Rolle? Die Darstellung von Akteurinnen in der Berichterstattung über die Fußball-WM der Frauen 2019 am Beispiel von Online-Artikeln von Bild, Kicker und FFussball-Magazin, unveröffentlichte Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund

Kunz, Kevin (2016): Das Spiel der Anderen – die Entwicklung der Berichterstattung zu Frauenfußball-Großturnieren seit der WM 2011 in Deutschland. In: Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien, 22(1), S. 49–63

Schöndorfer, Simone (2014): Darstellungsarten von Sportlerinnen in deutschen Tageszeitungen. Eine Untersuchung zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011. In: kommunikation.medien, 3, S. 1-14

Staudemeyer, Bettina (2018): Von Frauen gespielter Fußball – Medieninszenierungen seit 2011. In: Schweer, Martin K.W. (Hrsg.): Sexismus und Homophobie im Sport. Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 105–123

Lesen Sie im zweiten und letzten Teil der Zusammenfassung von Miriam Jagdmanns Bachelorarbeit, weshalb von Medienschaffenden so selten geschlechtergerechte Bezeichnungen verwendet werden.

03.03.2021






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