Fazit „Sportler des Jahres“-Wahl
„Sportlerin des Jahres“ Malaika Mihambo mit Maske (Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick/Pool)

Ehrungen im Hochsicherheitstrakt

Unter strengen Hygienevorschriften werden Malaika Mihambo, Leon Draisaitl und die Bayern-Fußballer als „Sportler des Jahres 2020“ ausgezeichnet. Die Hoffnung ist, dass es nächstes Mal wieder eine Gala mit vielen Teilnehmer*innen geben kann.

Von Moritz Hirn

Es war schon einmal ein kleiner Vorgeschmack auf Heiligabend und die anstehenden Feiertage: Das Baden-Badener Kurhaus war von außen festlich beleuchtet, drinnen war der rote Teppich ausgerollt, die Kronleuchter strahlten, sanfte klassische Weisen unterstrichen die Weihnachtsstimmung an diesem vierten Advent. Indes: Wie auch beim Fest unter dem heimischen Baum durfte kaum einer der Lieben kommen, um gemeinsam mit den Angehörigen zu feiern. Der schmucke Bénazet-Saal, zu dieser Zeit des Jahres normalerweise das Wohnzimmer – und zu späterer Stunde auch Tanzfläche – der Athleten, war an diesem Sonntagabend vier Tage vor dem Fest größtenteils verwaist und abgedunkelt.

Im Foyer, wo sonst Sektgläser klirren, Eishockeyspieler mit Handballern bei Cuba Libre oder Gin Tonic fachsimpeln und Medienleute ungezwungen mit Olympiasiegern plaudern, herrschte gähnende Leere. Kurzum: Pandemiebedingt musste in Sachen Atmosphäre auch die 74. Preisverleihung für die „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden, gerne und durchaus berechtigt als „Familientreffen des deutschen Sports“ tituliert, spürbare Abstriche machen – eine in Abendgarderobe gekleidete TV-Sendung statt ausschweifender Gala.



„Das ist sicherlich die ungewöhnlichste Veranstaltung, die wir je durchgeführt haben“, sagte Klaus Dobbratz, Chef der Internationalen Sport-Korrespondenz (ISK), die die Wahl seit Jahr und Tag ausrichtet. Aber, betonte Dobbratz, viel wichtiger sei ohnehin, dass die Veranstaltung überhaupt stattfinden und so „ein kleines Signal für den deutschen Sport“ gesetzt werden konnte.

Ganz vereinzelt defilierten die Protagonisten durch den Weinbrenner-Saal ins Innere – ohne Blitzlichtgewitter und Rufe der sonst zahlreichen Autogrammjäger. In die Säle – zwei Dutzend Sportler, Fotografen und Medienschaffende erlebten die zum insgesamt 14. Mal vom ZDF-Duo Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne moderierte Zeremonie in getrennten Räumen – kam man nur nach vorheriger Fiebermessung, mit einem negativen Corona-Test sowie Mund-Nase-Maske.

Zu Hause vor den TV-Geräten war davon freilich wenig zu sehen. Natürlich fehlten die wilden Kamerafahrten über die Köpfe der ansonsten im Saal versammelten Sportprominenz. Und selbstredend kam auch im Fernsehen alles etwas weniger pompös und stimmungsvoll herüber (Foto ZDF-Duo Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick/Pool).

Stattdessen wurde über Corona und seine Folgen gerade für die Sportler gesprochen. Und doch war die ab 22.15 Uhr im ZDF ausgestrahlte Aufzeichnung nicht zuletzt auch der Versuch, sich ein wenig Normalität in abnormalen Zeiten abzuringen. Es ist dies nicht das Schlechteste, was man in diesen Tagen tun kann.

Dabei waren diesmal lediglich die Sieger der drei Kategorien Sportler, Sportlerin und Mannschaft des Jahres sowie eingeladen handverlesene Sport-Promis wie Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Einladung bedeutete allerdings nicht automatisch, dass der- oder diejenige auch den Weg nach Baden-Baden fand. Zum Beispiel Leon Draisaitl. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich wohnt der Eishockey-Star in Edmonton und damit 7395 Kilometer entfernt, Luftlinie wohlgemerkt. „Das ist eine Riesensache und ich bin natürlich sehr stolz darauf“, sagte der Kölsche Jung, der per Livebild zugeschaltet war, zur Tatsache, dass er als Mannschaftssportler bei der Einzelwahl ganz oben auf dem Podest landete.

Draisaitl räumte erst in der NHL ab und dann bei der Sportlerwahl

Das gab es in der 74-jährigen Geschichte der Veranstaltung bisher nur ein einziges Mal: 2011 mit Basketball-Superstar Dirk Nowitzki. Schon das zeigt, in welchen sportlichen Sphären der 25-Jährige in diesem Jahr unterwegs war: In der NHL, der Eliteliga der Kufencracks, räumte der 1,88 Meter große Center der Edmonton Oilers alle individuellen Preise ab, unter anderem den Titel des wertvollsten Spielers der Saison. Das hat noch kein Deutscher vor Draisaitl geschafft.

Eine Sache hat ihm Basketballer Nowitzki freilich noch voraus: 2011 hat der Würzburger in der NBA mit seinen Dallas Mavericks auch den Titel gewonnen. Papa Peter war in einer Videobotschaft auch so schon mächtig stolz. „Ich glaube nicht, dass es etwas Größeres gibt für einen Sportler in Deutschland“, sagte Draisaitl senior zur Wahl seines Sprösslings.

Johannes Vetter, Speerwurfweltmeister von 2017 – und damals Dritter bei der Sportlerwahl – pulverisierte im September im polnischen Chorzow mit 97,76 Metern den deutschen Rekord und kratzte obendrein am Weltrekord: Nur 72 Zentimeter fehlten. Damit qualifizierte er sich für den zweiten Platz bei der gestrigen Wahl. Im kommenden Jahr nimmt der Muskelmann und Wahl-Offenburger mit dem Bumms im rechten Arm dann erneut Anlauf für den Wahlsieg. Am besten mit Olympia-Gold und Weltrekord (Foto Karl-Heinz Rummenigge: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick/Pool).

Dauergast auf dem Podium ist mittlerweile Dauerschwimmer, -radler und -läufer Jan Frodeno. Seit seinem Sieg 2015 schaffte es der dreimalige Ironman-Hawaii-Gewinner zweimal auf Rang zwei (2016 und 2019) sowie gestern auf Rang drei. Das Kuriose: Mangels Wettkämpfen absolvierte „Frodo“ einen Ironman auf dem heimischen Anwesen im spanischen Girona, sammelte dabei rund 200.000 Euro an Spenden, die dem Krankenhaus seines Wohnorts sowie der Stiftung „Laureus Sports for Good“ zugutekamen.

Bei den Mannschaften war es ein bisschen wie mit Gott und Stan Libuda, einstige Dribbler-Legende der aktuell tasmanisch depressiven Schalker: An den Bayern kam bei dieser Wahl keiner vorbei. Zum 30. Mal deutscher Meister, zum 20. Mal DFB-Pokalsieger, der Triumph in der Champions League, garniert mit den Siegen im nationalen sowie europäischen Supercup. Und, nicht zu vergessen, durch den 2:1-Sieg am Samstag in Leverkusen auch noch der inoffizielle Titel des Weihnachtsmeisters. Das alles in einem Jahr – da hatten das Tennis-Doppel Kevin Krawietz und Andreas Mies trotz seiner Titelverteidigung bei den French Open sowie Doppel-Weltmeister Francesco Friedrich mit seinen Teams im Zweier- beziehungsweise Viererbob keine Chancen.

„Alle Zutaten für die beste Mannschaft der Welt: Leistung und Leidenschaft“

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Abwehrrecke Niklas Süle nahmen den Preis – unter Applaus vom Band – persönlich in Empfang. „2020 war ein außergewöhnliches Jahr für uns“, sagte Rummenigge, lobte seine Super-Bayern („Das war à la bonne heure“) und kommentierte den Wahl-Sieg: „Der Titel zählt sehr viel.“ Abschließend befand Laudator Wladimir Klitschko: Der FCB habe „alle Zutaten“ für die „beste Mannschaft der Welt: Leistung, Leidenschaft, Willensstärke“, sagte der ehemalige Box-Weltmeister im Trikot der Ruhmreichen von der Säbener Straße.

Vor den Leistungen der Sportler in diesem vermaledeiten Jahr, das geprägt war von Trainingsverboten, Saisonabbrüchen und Geisterspielen, müsse man, so ISK-Chef Dobbratz, „den Hut ziehen“. Damit meinte er nicht zuletzt auch Malaika Mihambo und ihre 7,03 Meter. Weltjahresbestleistung – wohlgemerkt bei verkürztem Anlauf – bedeutete der weite Satz der Heidelbergerin in den Sand von Dessau Anfang September. Das allein war aber nicht der Grund, warum Mihambo ihren Titel aus dem Vorjahr – damals in weltmeisterlich glänzender Goldrobe, gestern in Mint mit viel Tüll – wiederholte.

Es war vielmehr ihr soziales Engagement abseits von Tartanbahn und Sandgrube, das die Sportjournalisten überzeugte. Schon im Frühjahr, während des ersten Lockdowns, gründete Mihambo ihren Verein „Malaikas Herzsprung“. Das Ziel: Kindern und Familien den Einstieg in die Leichtathletik einerseits und soziale Kontakte andererseits zu erleichtern (Mihambo-Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick/Pool).

Daher erhalten Grundschüler von Mihambo eine einjährige kostenlose Mitgliedschaft in einem Leichtathletikverein am Wohnort – eine löbliche Initiative in gezwungenermaßen bewegungsarmen Zeiten. „Diese Trophäe hat fast noch mehr Wert“, sagte die 26-Jährige. Als musikalisches Geschenk für die passionierte Klavierspielerin griff Starpianist Igor Levit in die Tasten und ließ Beethovens „Waldsteinsonate“ erklingen – per Video.

Knapp 100 Stimmen hinter Mihambo lochte Sophia Popov ein. Der Golferin, die in der Nähe von Boston geboren wurde, aber im badischen Weingarten aufgewachsen ist, drohte aufgrund einer Lyme-Borreliose eigentlich schon das Karriereende. Doch die 28-Jährige gab nie auf – und feierte mit dem Sieg bei den British Open den ersten Erfolg einer deutschen Spielerin bei einem Major-Turnier.

Fußballer haben es bei der Sportler-Wahl meist schwer

Mit Platz zwei ist Popov übrigens erfolgreicher als Bernhard Langer und Martin Kaymer: Die beiden Golfkollegen schafften es in den Jahren 1981 beziehungsweise 2010 jeweils nur auf Rang drei bei der Sportlerwahl. Dort landete heuer auch Emma Hinze, der neue Stern am deutschen Bahnrad-Himmel. Die 23-Jährige aus Hildesheim sprintete bei der Heim-WM im Berliner Velodrom – eine der letzten Veranstaltungen vor dem ersten Lockdown – sozusagen aus dem Stand zu drei Goldmedaillen.

Ausnahmen bestätigen die Regel, sagt der Volksmund. Adaptiert auf den Ehrungsabend an der Oos bedeutet dies, dass es Fußballer meist schwer haben, sofern sie nicht gerade das Triple gewinnen. Das bewahrheitete sich auch gestern, nämlich bei den „Sportlegenden des Jahrzehnts“, ein Novum bei der diesjährigen Veranstaltung. Anders als bei der regulären Sportlerwahl waren die Ergebnisse schon vorab bekannt.

Überraschend war es dennoch, dass sich die Beach-Girls Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, die 2016 Olympia-Gold aus dem brasilianischen Sand gebaggert hatten, gegen Jogis Jungs durchsetzen konnten, die sich zwei Jahre zuvor auf dem brasilianischen Rasen zum WM-Titel im Fußball dribbelten. „Wir sind immer noch sprachlos, das ist eine Wahnsinns-Ehre“, sagte Ludwig, gewandet in ein silbern glitzerndes Paillettenkleid (Foto Kira Walkenhorst, links, und Laura Ludwig: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick/Pool).

Kollegin Walkenhorst hatte sich für das Kleine Schwarze entschieden. Als die Erfolge des Beachvolleyballduos, das sportlich mittlerweile getrennte Wege geht, eingespielt wurden, kullerten dem blonden Wirbelwind Ludwig sogar ein paar Tränchen über die Wange. Wenig später wurde dann wieder herzhaft gelacht, nämlich bei der Laudatio der ebenfalls mit Olympia-Gold dekorierten Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann. Lobeshymnen auf die Mädels hängen ihnen „zum Hals raus“, sagte Brink mit einem Grinsen im Gesicht, um anschließend hinsichtlich der Legenden-Auswahl die Frage zu stellen: „Wo waren eigentlich wir?“

Bei den Frauen wählten die ZDF-Internet-User sowie die Aktivensprecher der deutschen Spitzensportverbände Magdalena Neuner, Deutschlands einstiges Biathlon-Aushängeschild, auf Platz eins. „Das ist eine ganz besondere Ehre, ich freue mich sehr darüber“, sagte die Sport-Rentnerin und Vollzeit-Mama Neuner bei der Live-Schalte ins oberbayerische Wallgau.

„Du bist für mich sogar die Sport-Legende des Jahrhunderts“

Auch Dirk Nowitzki, ihr männliches Pendant, grüßte per Bildschirm nach Baden-Baden. Seit seinem Rücktritt 2019 genießt der 2,13-Meter-Hüne das Leben mit seiner Familie und hat dabei „Essen auf der ganzen Welt probiert“, sagte der NBA-Champion und Sportler des Jahres 2011, drapiert vor dem mit vier Kerzen geschmückten Kamin. Zusätzliche Wärme in Form von herzlichen Worten gab es von Laudator Matthias Steiner, Sportler des Jahres 2008: „Du bist für mich sogar die Sport-Legende des Jahrhunderts.“

Noch vor der TV-Aufzeichnung wurden der Trainer des Jahres (Bernd Berkhahn, Cheftrainer des Deutschen Schwimmverbandes) und die Newcomerin des Jahres (Bahnrad-Weltmeisterin Lea-Sophie Friedrich) geehrt. Der Sparkassen-Preis für Vorbilder im Sport ging in diesem Jahr nicht an einen Athleten, sondern an alle. Ausgezeichnet wurde das „Team Deutschland“, der Zusammenschluss der olympischen und paralympischen Sportler des Landes. Säbelfechter und Athleten-Aktivist Max Hartung und Denise Schindler, mehrfache Paralympics-Medaillengewinnerin im Radsport, nahmen den mit 40.000 Euro dotierten Preis stellvertretend entgegen. Das Geld soll an Breitensportvereine gehen, die sich inklusiven Projekten verschrieben haben.

Eine Hoffnung, die der etwa 3700 Mitglieder starke Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) im Vorfeld der Wahl verbreitet hatte, sollte sich indes nicht bewahrheiten: eine hohe Wahlbeteiligung. Mit rund 1000 lag die Zahl der Fachleute, die ihre Stimmen in diesem Jahr abgegeben hatten, unter dem Wert des Vorjahres (etwa 1600). Insgesamt war man beim VDS damit aber „zufrieden“, wie Geschäftsführerin Ute Maag sagte, zumal es für den geringeren Wert diverse Gründe gab (Videokamera-Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/Augenklick/Pool).

Beispielsweise die Tatsache, dass die Wahlperiode rund eine Woche kürzer war als in den Vorjahren. Obendrein konnte pandemiebedingt nur online abgestimmt werden. Bisher waren die Sportjournalisten gewohnt, auf allen möglichen Kanälen – und auf den letzten Drücker ihre Stimmen abgegeben zu können – „viele sogar noch per Fax“, berichtet Maag, die betont, dass einige Kollegen angesichts der allgemein schwierigen Lage möglicherweise auch „andere Dinge im Kopf“ hatten als die Sportlerwahl.

Was die Proklamation 2021 angeht, also die dann 75. Preisverleihung für die Sportler des Jahres, verbreitete Klaus Dobbratz Zuversicht und rief den Athleten zu: „Nächstes Jahr seid ihr wieder da!“
 
Autor Moritz Hirn (39) ist stellvertretender Leiter der Sportredaktion des Badischen Tagblatts in Baden-Baden. Vor kurzem wurde seine Reportage „Alle auf den Schiri“ über einen Jung-Schiedsrichter mit dem ersten Preis beim Regionalsportpreis des Sportjournalisten-Vereins Baden-Pfalz (SBP) ausgezeichnet.

21.12.2020






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