Bilanz „AIPS Young Reporters“-Programm
Gruppenbild der Teilnehmer*innen des „AIPS Young Reporters“-Programms 2021; VDS-Vertreter Robert Witt ist der Fünfte von links in der obersten Reihe (Foto: AIPS)

Was Robert Witt in der Schweiz erlebte

21 junge Reporter*innen aus 21 Ländern haben Ende vergangenen Jahres am einwöchigen „AIPS Young Reporters“-Programm teilgenommen. Robert Witt vertrat den VDS. Welche Erfahrungen der ARD-Freelancer in der Schweiz machte, schildert er dem sportjournalist.

An einem Samstag habe ich mich auf den Weg in die Schweiz gemacht. Hier sind sie zuhause: einige der größten Sportinstitutionen der Welt, darunter das IOC, der Welt-Schwimmverband FINA, der europäische Leichtathletikverband EAA oder auch der Internationale Sportgerichtshof CAS.

Und genau hier erhielten wir 21 Reporter*innen aus vier Kontinenten die Möglichkeit, die großen Verbände und ihre Entscheidungsträger kennenzulernen und dabei das journalistische AIPS-Trainingsprogramm mit Dozenten aus Großbritannien, Italien und Argentinien zu durchlaufen. Vor welchen Herausforderungen steht der internationale Sportjournalismus? Wie verändern gesellschaftliche Entwicklungen unsere Arbeit? Welche Rolle übernehmen Social-Media-Plattformen?

Nach einem kurzen Sonntagsfrühstück begann unser Workshop in der AIPS-Zentrale. Ein Konferenzraum, der in den nächsten Tagen unser internationales Klassenzimmer werden sollte. Hier stellten uns die Dozenten Martin Mazur aus Argentinien und der Brite Keir Radnedge sowie die aus Italien stammenden Riccardo Romani, Andrea Giannini und AIPS-Präsident Gianni Merlo das Programm der folgenden Tage vor. Sie versprachen uns: „Es wird intensiv.“

Im Anschluss besuchten wir das Olympische Museum. Meine Aufgabe: „Schreibe einen Bericht über den Besuch und konzentriere dich auf einen Gegenstand, der deine Aufmerksamkeit geweckt hat.“ Im Nachgang bin ich selbst überrascht, dass mich ausgerechnet ein Stoffhund ansprach: „Waldi“, das Maskottchen der Olympischen Sommerspiele von München 1972. Meine ersten Gedanken kreisen normalerweise um den Terroranschlag, die Bilder von Leid und Trauer. Der sechsfarbige Dackel „Waldi“ sollte für Frieden und Freiheit stehen. Mit meinem Text wollte ich daran erinnern (Maskottchen-Foto: Robert Witt).

Der Besuch im „Herzen des Fußballs“ war für viele von uns das einprägsamste Ereignis der Woche. Noch vor sechs Uhr am Mittwochmorgen machten wir uns auf nach Zürich. Unser Ziel war die Zentrale der FIFA – ein monumentaler Gebäudekomplex, der schon fast zynisch über den Dächern der Stadt auf einem Berg liegt. Die Sightseeing-Tour durch Zürich in schwarzen, abgedunkelten Vans inklusive (Witt-Foto: Anna Szilágyi).

In der Zentrale selbst begrüßte uns FIFA-Präsident Gianni Infantino – via Video, er war auf Dienstreise. Vorträge schlossen sich an, wir stellten Fragen zu umstrittenen Punkten, und sie wurden aus Sicht des Verbandes beantwortet: die WM in Katar, Weltmeisterschaften im Zwei-Jahres-Rhythmus, Gleichstellung von Frauen und Männern. Natürlich brachte der Nachmittag keine fundamentalen Ergebnisse, aber Einblicke in die Arbeit des Weltverbandes. Noch ein Besuch im FIFA-Museum, dann die knapp zweistündige Zugfahrt zurück nach Lausanne. Ein wenig wie Klassenfahrt – genug Zeit, um sich näher kennenzulernen.

Die meisten Sportjournalist*innen unter 30 hatten wohl noch nicht die Möglichkeit, ein einstündiges Gespräch mit IOC-Präsident Thomas Bach zu führen. Die Chance also, ihn zu aktuellen sportpolitischen Themen zu befragen: Peking, Peng Shuai, E-Sports oder Fußball-WM alle zwei Jahre. Vor dem Zoom-Call mit Bach haben unsere Dozenten mit uns zusammen einen Fragenkatalog erarbeitet.

Die Idee einer Fußball-WM alle zwei Jahre kommentierte Bach so: „Es ist offensichtlich, dass das Einfluss auf den Kalender aller Sportler weltweit hat. Die, die das befürworten, begründen das mit einem Argument: Geld. Diejenigen, die diesen Plan bewerben, liegen falsch, wenn sie denken, dass eine Weltmeisterschaft alle zwei Jahre auch doppelte Einnahmen für die FIFA bedeuten.“

Mit der Tennisspielerin Peng Shuai habe man sich auf ein Treffen geeinigt. Es gehe ihr gut, berichtete Bach, sie wolle aber auch ihre Privatsphäre respektiert wissen. E-Sports im offiziellen olympischen Programm? Das sei, so Bach, eher die Aufgabe seines Nachfolgers. Wirklich Substanzielles haben wir also nicht aus ihm herausbekommen – das war dann mal eine Reporter-Lektion. So fühlt es sich also an, weltsportpolitische Entscheidungsträger zu befragen (Bach-Foto: Robert-Witt).

Das „AIPS Young Reporters“-Programm hatte natürlich zwei Seiten. Das Training war das eine; was es mit uns jungen Reporter*innen macht, das andere. Am letzten Abend entstanden beim gemeinsamen Essen eine Menge Erinnerungsfotos. Noch heute steht die gemeinsame WhatsApp-Gruppe nicht still. Wir haben die Woche als 21 Vertreter*innen aus 21 Ländern begonnen und sind am Ende zu einem großen Netzwerk zusammengewachsen.

Für einige war es der Beginn von Freundschaften. Wenn man so will, kann das die wichtigste Lektion der Woche sein: Egal welche Nation, egal welches Geschlecht oder Alter – wir sind aus der gleichen Leidenschaft heraus Sportjournalist*innen geworden. Also lasst uns gemeinsam als internationales Netzwerk agieren.

Robert Witt ist 28 Jahre alt und lebt in Schwerin. Er ist für den NDR und andere ARD-Anstalten als multimedialer freier Mitarbeiter tätig. Das „AIPS Young Reporters“-Programm, das vom 21. bis 26. November 2021 unter 2G+-Bedingungen stattfand, war seine erste Erfahrung mit Sportjournalist*innen auf internationaler Ebene. Einige Artikel und Fotos der Teilnehmer*innen, die in der Programmwoche entstanden sind, finden Sie auf der AIPS-Website.

25.02.2022






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