Ergebnisse einer Studie der TU München
Pressetribüne im Stadion (Foto: GES-Sportfoto/Annegret Hilse/augenklick)

Kommentatorinnen weniger bekannt und schlechter bewertet

Der Anteil von Frauen bei Sport-Übertragungen im Fernsehen wächst. Eine Studie der TU München untersucht die Wahrnehmung und Akzeptanz weiblicher und männlicher Fußball-Kommentatoren im Fernsehen. In einem Gastbeitrag stellt die an der Untersuchung beteiligte Diplom-Sportwissenschaftlerin Romy Schwaiger die wichtigsten Erkenntnisse vor.

Diplom-Sportwissenschaftlerin Romy Schwaiger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Arbeitsbereich für Medien und Kommunikation an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München (TUM). Ihr Volontariat absolvierte sie an der Axel Springer Akademie in Berlin und Hamburg. Derzeit promoviert sie zum Thema „Social Media im Amateurfußball“. Alle in diesem Artikel abgebildeten Grafiken stammen von der TUM.

„Es wäre sein erster Treffer für 96 gewesen. Den letzten hat er im Land der Sushis geschossen.“ Diesen mittlerweile berühmt-berüchtigten Satz sagte der langjährige Sky-Kommentator Jörg Dahlmann im März 2021 im Rahmen des Zweitliga-Spiels Hannover gegen Aue nach einer vergebenen Torchance des 96-Rechtsverteidigers Sei Muroya. Es war nicht dessen erste umstrittene Aussage während eines von ihm kommentierten Fußballspiels.

Bereits im Dezember 2020 hatte Dahlmann eine diskutable Bemerkung über die deutsche Schauspielerin und Moderatorin Sophia Thomalla von sich gegeben. Zwar entschuldigte sich Dahlmann für seinen verbalen Ausrutscher, Sky verkündete kurze Zeit später jedoch das Ende der Zusammenarbeit mit Ablauf der Saison 2020/2021. Nach seinem weiteren verbalen Ausrutscher im März 2021 wurde der Vertrag mit Dahlmann jedoch vorzeitig aufgelöst.

Dies war nicht der erste Fall, in dem einem Kommentator oder einer Kommentatorin heftige Kritik im Internet entgegenschlug. Negative Beurteilungen bis hin zu regelrechten Shitstorms stehen mittlerweile auf der Tagesordnung. So erlebt beispielsweise auch der ZDF-Fußballexperte Béla Réthy bei fast jedem von ihm kommentierten Spiel eine Welle negativer Kommentare (Neumann-Foto: ZDF/Torsten Silz).

Doch nicht nur männliche Kommentatoren erleben immer mehr Hass und Kritik in den sozialen Medien. Insbesondere der Shitstorm gegenüber der TV-Fußballkommentatorin Claudia Neumann im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland sowie der EURO 2020 im Sommer 2021 gaben Anlass, das Thema „Wahrnehmung und Akzeptanz weiblicher und männlicher TV-Fußball-Kommentatoren“ genauer zu erforschen.

In der Studie sollte deshalb beleuchtet und beantwortet werden, welche weiblichen und männlichen TV-Fußballkommentatoren den Zuschauer*nnen bekannt sind, welche Eigenschaften gute weibliche und männliche Kommentatoren auszeichnen, ob Kommentatorinnen mehr kritisiert werden als Kommentatoren und wie kompetent Kommentatorinnen im Vergleich zu Kommentatoren wahrgenommen werden.

Aufgrund der andauernden COVID-19-Pandemie wurde die Methode der Online-Befragung eingesetzt. Als Zielgruppe wurden Follower der Facebook-Seite fussball-vorort.de ausgewählt, die eine Gesamt-Follower-Zahl in Höhe von knapp 20.000 vorzuweisen hat. fussball-vorort.de gehört zum Angebot des regionalen Internet-Fußballportals FuPa, das sich der Berichterstattung aus den deutschen Amateurklassen widmet. Das Projekt wurde 2010 mit dem Grimme Online Award in der Kategorie „Information“ ausgezeichnet.

Rund zwei Drittel der Befragten im Alter zwischen 16 und 40 Jahren

Über einen Link-Post auf der Facebook-Seite von fussball-vorort.de nahmen insgesamt 171 Personen an der Online-Umfrage teil. Auch wenn die Stichprobe keinen Anspruch auf Repräsentativität erhebt, so bietet die Studie einige interessante Einblicke. Vermutlich auch aufgrund der gewählten Zielgruppe setzte sich die Stichprobe zu 83 Prozent aus männlichen, zu 16 Prozent aus weiblichen und einem Prozent aus diversen Personen zusammen.

Rund zwei Drittel der Befragten (64,3 Prozent) lagen im Altersbereich zwischen 16 und 40 Jahren. 85 Prozent aller Umfrageteilnehmer*nnen hatten mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung beziehungsweise Abitur. Fast die Hälfte (44 Prozent) hatte einen Bachelor-, Master- beziehungsweise Diplom-Abschluss oder sogar eine Promotion beziehungsweise Habilitation vorzuweisen.



Von den 171 befragten Personen kannten nur 38,8 Prozent den Namen einer Kommentatorin (siehe Grafik I Bekanntheit von TV-Kommentatorinnenoben). Am häufigsten wurde Claudia Neumann genannt (37,4 Prozent), gefolgt von Stephanie Baczyk (2,9 Prozent) und der ehemaligen Sky-Kommentatorin Christina Graf (1,2 Prozent), wobei Mehrfachantworten möglich waren.



Mindestens einen männlichen Kommentator kannten hingegen 88,3 Prozent der Befragten (siehe Grafik II Bekanntheit von TV-Kommentatorenoben). Am häufigsten genannt wurden dabei Frank Buschmann (58,5 Prozent), Béla Réthy (57,9 Prozent) und Wolff-Christoph Fuss (56,1 Prozent). Auch hier waren Mehrfachantworten möglich. Insbesondere Buschmann hat auch durch seine Auftritte als Kommentator bei Show-Formaten wie „Schlag den Raab“ und „Schlag den Star“ auf ProSieben oder „Ninja Warrior Germany“ auf RTL einen großen Bekanntheitsgrad.

Anhand einer fünfstufigen Skala mit den Abstufungen 1 („sehr wichtig“) bis 5 („unwichtig“) konnten die Befragten angeben, wie wichtig ihnen die Eigenschaften „Regelsicherheit“, „Wortgewandtheit“, „Selbstsicherheit“, „Spielverständnis/Hintergrundwissen“, „Angenehme Stimme“, „Unterhaltungsfaktor“ und „Gutes Aussehen“ sowohl bei weiblichen als auch männlichen TV-Fußballkommentatoren sind.



Für die Teilnehmer*innen der Umfrage war demnach „Regelsicherheit“ sowohl bei weiblichen (98,2 Prozent „sehr wichtig“ und „eher wichtig“) als auch männlichen Kommentatoren (99,4 Prozent) am bedeutsamsten (siehe Grafik III Relevanzkriterienoben). Zudem antworteten 95,3 Prozent der Befragten, dass ihnen „Spielverständnis/Hintergrundwissen“ bei Kommentatorinnen „sehr wichtig“ und „eher wichtig“ ist.

Bei den Kommentatoren lag dieser Wert sogar bei 98,8 Prozent. Auch wenn diese Ergebnisse vorab möglicherweise zu erwarten waren, sind die hohen Werte durchaus ein Beleg dafür, dass nicht nur der Unterhaltungsfaktor eine große Rolle spielt, sondern eine gewisse Basis an Faktenwissen und eigener Expertise einen wichtigen Faktor in der Live-Kommentierung darstellt.

Interessanterweise spielt „gutes Aussehen“ bei Kommentator*innen keine große Rolle. Nur 1,8 Prozent der Befragten halten gutes Aussehen bei Kommentatoren für „sehr wichtig“ und „eher wichtig“. Hervorzuheben ist jedoch, dass bei Kommentatorinnen das Aussehen mit 8,7 Prozent tendenziell etwas wichtiger ist. Betrachtet man die Werte im Detail, fällt auf, dass die an der Umfrage beteiligten Männer mehr Wert auf das Aussehen von Kommentatorinnen legen als die Frauen: Fast jeder Zehnte der Männer hält „gutes Aussehen“ bei Kommentatorinnen noch für „sehr wichtig“ und „wichtig“ (Foto: GES-Sportfoto/Werner Eifried/augenklick).

Im Rahmen der Studie sollte auch untersucht werden, ob Kommentatorinnen im Vergleich häufiger kritisiert werden als ihre männlichen Kollegen. Der Aussage „Weibliche Fußball-Kommentatorinnen werden häufiger kritisiert als ihre männlichen Kollegen“ stimmten über zwei Drittel der befragten Personen (67,8 Prozent) voll beziehungsweise eher zu. Nur ein knappes Drittel befand, dass dies weniger oder gar nicht zutreffen würde.

Bei den männlichen Fußball-Kommentatoren sieht das Bild doch etwas anders aus. Nur 6,5 Prozent der Umfrageteilnehme*innen befanden, dass die Aussage „Männliche Fußball-Kommentatoren werden häufiger kritisiert als ihre weiblichen Kolleginnen“ voll oder eher zutrifft. Stattdessen antworteten 77,8 Prozent der Befragten, dass dies eher oder überhaupt nicht der Fall sei. Auch hier ist im Vergleich der beiden Geschlechter ein deutlicher Unterschied zu erkennen – unabhängig von der fachlichen Expertise werden nach Meinung der befragten Personen Kommentatorinnen grundsätzlich häufiger kritisiert.

Kommentatoren schneiden besser ab als Kommentatorinnen

Schaut man sich im Zusammenhang dazu an, wie die Leistungen von weiblichen im Vergleich zu männlichen Kommentatoren anhand von Schulnoten von eins bis sechs bewertet werden, fällt auch hier auf, dass Kommentatoren mit einer Durchschnittsnote von 2,7 besser abschneiden als Kommentatorinnen mit 3,4.

Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich dieser Unterschied im Hinblick auf die Wahrnehmung und Akzeptanz von weiblichen und männlichen TV-Fußball-Kommentatoren in Zukunft entwickeln wird. Das wird vermutlich aber nur festzustellen sein, wenn sowohl öffentlich-rechtliche als auch private und Pay-TV-Sender, aber natürlich auch Streamingdienste wie DAZN trotz der öffentlichen Kritik perspektivisch auf mehr kompetente Kommentatorinnen setzen.

Ob sich Castingformate wie „Wir wollen Deine Stimme!“ von Sky, in dem sich Christina Graf seinerseits durchsetzte, dazu eignen, weiblichen Nachwuchs zu entdecken, bleibt abzuwarten. Trotz allem bedarf es an manchen Stellen sicherlich vielleicht auch mehr Vertrauen in die Begabung und Fähigkeit von Frauen auf dem Kommentatorenstuhl.

15.03.2022






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