Jörg Dahlmanns Reporter-Memoiren
Jörg Dahlmann im Einsatz (Foto: GES-Sportfoto/Matthias Hangst/augenklick)

Immer locker vom Hocker

Über 40 Jahre war Jörg Dahlmann im Journalismus tätig. Dann kam unerwartet das Ende. In seinem Buch „Immer geradeheraus. Tore, Typen, Turbulenzen – meine wilde Zeit als Fußballreporter“ blickt das Mitglied des Sportpresseclubs Wiesbaden-Mainz zurück – und nach vorn.

Von Wolfgang Uhrig

Ach, hätte Jörg Dahlmann doch mal besser auf Liesel gehört, seine Mutter. Wie oft habe sie ihn auf Bedenken hingewiesen wegen seines lockeren Mundwerks: „Jörch, durftest du das sagen?“ Eine Frage der Mama, vom Sohn zitiert als Schlusssatz seines Buches, das beginnt mit dem Hinweis auf „eine Kuschelnacht mit Sophia Thomalla“. Diese so dahingeworfene Bemerkung war der Anfang vom Ende für Dahlmann beim Fußballsender Sky. Ein sexistischer Spruch sei das, der Reporter wurde gefeuert.

Was nun sonst noch so alles passierte in 40 Berufsjahren, das erzählt der 63-jährige in seinen Memoiren: „Immer geradeheraus. Tore, Typen, Turbulenzen – meine wilde Zeit als Fußballreporter“. Es ist auf 318 Seiten eine Plauderei aus dem Nähkörbchen, ein Blick hinter die Kulissen der Branche (Buchcover-Abbildung: Edel Sports).

Dabei gibt es jede Menge zum Schmunzeln, typisch Dahlmann halt. Zwischendurch Gastbeiträge von Wegbegleitern, die das TV-Urgestein hochleben lassen. Wie Johannes B. Kerner mit fünf Seiten, wo es unter anderem heißt, Dahlmann habe „im Sport-Journalismus Maßstäbe gesetzt“. Reinhold Beckmann schreibt: „Das Polarisieren war bei ihm fest einkalkuliert, ja fast schon provoziert. Frei nach dem Grundsatz, ein Kommentator, der jedem gefallen will, hat schon verloren.“

Dahlmann fiel auf im Entdecken und Beschreiben des Abseitigen. Das war sein Ding, das suchte und fand er wie kein anderer. Zum Beispiel 1993 in dem wunderbaren Tanz des Augustine Azuka „Jay-Jay“ Okocha im Trikot der Frankfurter Eintracht gegen Oliver Kahn, damals noch im Tor des Karlsruher SC. Oder in seiner Reportage zum Wechselfehler von Trainer Otto Rehhagel, 1998 um Hany Ramzy bei einem Spiel in Kaiserslautern – beide Szenen noch heute Renner bei YouTube (das entsprechende Video ist jeweils verlinkt; die Red.).

„Aufregung kannte ich schon damals nicht“

Der 1959 in Gelsenkirchen-Buer geborene und in Gladbeck aufgewachsene Dahlmann, bekennender Schalke-Fan, wollte als Stöpsel Schrankenwärter werden. Auf dem Weg zum Abitur entdeckte er die Liebe zum Journalismus, er wurde freier Mitarbeiter bei den Dortmunder Ruhr-Nachrichten. Nebenher führte er das große Wort als Discjockey: „Ich lernte dort, vor Menschen frei zu reden, Spaß zu haben. Aufregung kannte ich schon damals nicht.“

Während seines Sportstudiums in Gießen bewarb er sich dann beim ZDF – um die dort ausgeschriebene Stelle als „Ansager für Nachrichten“. Daraus wurde eine Hospitanz in der Sportredaktion und der Einstieg zum Sportreporter. In dieser Rolle folgten viele Höhen und Tiefen beim Weg durch die TV-Sender ZDF, SAT 1, tm3, Premiere und Sky (Foto Jörg Dahlmann, links, und Huub Stevens: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/augenklick).

Wer dort auch immer die Rechte hatte, musste für Dahlmann noch lange auch nicht Recht haben. Die Chefs gingen und kamen, Dahlmann blieb Dahlmann. Mit einer Sprache, die kaum tauglich war für den diplomatischen Dienst. Er sagte, was ist, immer locker vom Hocker. Stets hatte er ein Lachen im Gesicht, nie verlor er den Humor, die Lockenpracht oder den Lebensmut – auch nicht nach drei Krebsoperationen.

Seine Stimme wird fehlen im Fußball. Oder aber er gibt vielleicht ein Comeback im Bereich Tingeltangel. Denn so ganz nebenbei outet sich Dahlmann als Bruder im Geiste mit dem auch in die Jahre gekommenen Kollegen Uli Potofski. „Vielleicht sollten wir im Frühherbst unseres Lebens eine Schlagershow moderieren“, schreibt „Poto“ dem Kollegen ins Buch, „ich wäre sofort dabei. Fußball war stets unser Leben. Aber andere Dinge können auch sehr nett und lustig sein.“

Jörg Dahlmann
„Immer geradeheraus. Tore, Typen, Turbulenzen – meine wilde Zeit als Fußballreporter“
Edel Sports, Hamburg, März 2022
Taschenbuch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-9858800-4-1
19,95 Euro

16.03.2022






« zurück