Lokaltermin bei der Main-Post
Sportchefin Carolin Münzel (Mitte) mit den Chefredaktion-Mitgliedern Achim Muth (links) und Ivo Knahn (Foto: Frank Hellmann)

Olympia ohne Farbe, sonst aber sehr bunt

Von den Olympischen und Paralympischen Spielen in Peking veröffentlichte die Main-Post ausschließlich Schwarz-Weiß-Bilder. Was es mit dieser Aktion auf sich hatte und warum ein Liveticker vom TSV Aubstadt wichtig ist, aber die Ergebnisberichterstattung im Lokalsport teilweise ausgedient hat, erfuhr sportjournalist-Autor Frank Hellmann vor Ort.

Die Zuschriften und E-Mails hat Carolin Münzel ausgedruckt und aufbewahrt. Zu beträchtlich war die Resonanz, zu bewegend die Argumentation der Leser der Main-Post, um alles auf die Schnelle zu entsorgen. Denn die mainfränkische Tageszeitung mit ihrem Hauptsitz in Würzburg und einer aktuellen Auflage von rund 110.000 gedruckten Exemplaren hatte sich dazu entschieden, sowohl von den Olympischen Winterspielen in Peking als auch von den folgenden Paralympics im Sportteil ausschließlich Schwarz-Weiß-Bilder zu drucken. Über die gesamte Dauer beider Veranstaltungen. Die Protestnote gegen die Zustände in China hat die Stammleserschaft durchaus polarisiert, wie Münzel festgestellt hat. „Mehr als zwei Drittel, die uns geschrieben haben, haben das nicht gut gefunden.“

Die meisten argumentierten ähnlich wie Gertraud Wallrapp aus Würzburg, die in ihrem sorgsam mit der Schreibmaschine verfassten Leserbrief kritisierte: „Sie lassen die erfolgreichen deutschen Behindertensportler nur in Schwarz erscheinen, oft neben der bunten Großaufnahme eines Fußballers, den wir schon jahrelang kennen. Das gleicht einer Diffamierung der Behinderten. Die Medaillengewinner hätten es verdient, auch in der Main-Post sichtbar bunt Aufmerksamkeit zu finden, sonst erscheinen sie ja nur im Kleingedruckten.“

Natürlich steht die Sportchefin heute noch hinter diesem Zeichen, das Ausdruck einer politischen Haltung ist. „Dass der Sport unpolitisch ist, kann doch heute wirklich niemand mehr behaupten. Das Gegenteil ist der Fall“, betont Münzel, 37. Die Idee sei damals gemeinsam mit Achim Muth, 54, früher Reporter für die Sportredaktion, heute zuständig fürs Themenmanagement und Mitglied der Chefredaktion, und Ivo Knahn, 45, dem stellvertretenden Chefredakteur entwickelt worden (Foto: Main-Post).

„Wir wollten zeigen: Hier stimmt was nicht, hier ist etwas anders als sonst“, bekräftigt Knahn, der auf der Meinungsseite unter der Überschrift „Warum wir die Olympischen Spiele nur schwarz-weiß bebildern“ erklärte, man sehe sich als Medium „nicht in der Lage, Ihnen ein vollständiges Bild aus China zu liefern. Peking hätte nie den Zuschlag für diese Spiele bekommen dürfen.“ Doch sind Schwarz-Weiß-Bilder das richtige Stilmittel, um auf Todesstrafe und Folter, eingeschränkte Meinungsfreiheit und Medienzensur aufmerksam zu machen? Ja, sagt der bis 2015 im eigenen Haus als Art Director tätige Knahn: „Wir haben die Farbe rausgenommen, weil wir nicht alles gesehen haben. Es ist doch schön zu sehen, welche Wirkung die Bilder haben.“

Nur mit sportlicher Berichterstattung ist es bei WM in Katar nicht getan

Muth findet, dass das anschließende Feedback gezeigt habe, ans Ziel zu kommen: „Dass sich nämlich unsere Leser und Leserinnen mit dem Thema auseinandersetzen.“ Teile der Leserschaft äußerten jedoch Bedenken, sie würden mit dieser Maßnahme bevormundet. Ein Einwand, der ernstgenommen werden muss. „Es ist wichtig, über solche Vorwürfe in der Redaktion nachzudenken“, sagt Münzel. So hat die Main-Post noch nicht entschieden, wie bei der Fußball-WM 2022 in Katar, dem nächsten sportpolitisch hoch umstrittenen Großereignis, verfahren wird. Fest steht: Nur mit sportlicher Berichterstattung ist es nicht getan.

„Wir sind endgültig an einem Punkt, an dem alles kippt: Das gesamte Sportsystem mit seinen großen Verbänden ist verkommen“, sagt Muth, der früher selbst von Fußball-Weltmeisterschaften berichtete: „Das Turnier in Katar wird angesichts der weltpolitischen Lage mit dem Krieg in der Ukraine eines, das eine kritische Begleitung unverzichtbar macht.“ Münzel würde sich sogar der Diskussion über einen Medienboykott stellen: „Ich hielte das für zeitgemäß.“ Passenderweise steht am Türschild zur Sportredaktion im Würzburger Verlagshaus auch ein Boykottaufruf.

Für das Ressort arbeiten zwölf feste Redakteure und knapp 20 freie Mitarbeiter. Täglich erscheinen zwei bis drei überregionale Sportseiten, zusätzlich ein bis zwei Seiten Lokalsport, montags können es bis zu zehn Sportseiten sein. Doch Knahn ist fast verwundert, wenn er über Seitenumfänge sprechen soll. „Wir haben uns von den Print-Anforderungen doch längst gelöst.“ Die Transformation in den digitalen Bereich ist vollzogen, insbesondere der Sport hat ausgetretene Pfade verlassen (Foto: Frank Hellmann).

Den klassischen zehnzeiligen Spieltext aus der Kreisliga gibt es seit geraumer Zeit nicht mehr. Die standardisierte Berichterstattung, erklärt Münzel, sei im Amateurbereich unterhalb der Kreisligen „nach und nach“ abgeschafft worden, auch wenn das anfangs nicht jedem Vereins- und Verbandsfunktionär einleuchten wollte. Aber man wolle die Menschen erreichen - und wisse inzwischen genau, dass man sie mit einer Berichterstattung am Dienstag über ein Fußballspiel vom Wochenende bestimmt nicht mehr abhole. „Man braucht uns nicht für das Ergebnis“, sagt Knahn.

Der eingesparte Platz wird verstärkt für vertiefende Inhalte genutzt: Themen zum Fußball im Wandel und den Fragebogen „Was macht eigentlich?“, eine Laufserie oder die Interviewreihe „Steilpass“. Die vier wichtigsten Klubs der Main-Post sind die beiden Fußball-Regionallisten 1. FC Schweinfurt 05 und TSV Aubstadt, Drittligist Würzburger Kickers und der Basketball-Bundesligist s.Oliver Würzburg. Sie werden allesamt von festen Mitarbeitern sowie mit einem Liveticker betreut.

Mantelteil soll auf absehbare Zeit von Augsburger Allgemeinen kommen

Bei der Main-Post verfassen alle Redakteure ihre Artikel inzwischen in einem sogenannten White Paper. So lässt sich auf Knopfdruck eine Online-Version erstellen. Die von Frank Kranewitter und Felix Mock verfassten Artikel über die abstiegsgefährdeten Kickers gehören regelmäßig zu den meistgelesenen digitalen Artikeln, weshalb damit auch in der Regel die Titelseite des Sportbuches der Montag-Ausgabe bestückt wird.

Anhand der Zugriffszahlen im Internet kann die Redaktion gut begründen, warum der Sportteil immer noch eher fußball-lastig ausgelegt ist. Im Vergleich dazu erzeugt der Tischtennis-Bundesligist TSV Bad Königshofen eben nur ein lokales Interesse. Der Mantelteil soll auf absehbare Zeit von der Augsburger Allgemeinen übernommen werden, von deren Presse-, Druck- und Verlags-GmbH die Main-Post eine 100-prozentige Tochter ist.

„Den überregionalen Sport machen wir nicht besser“, sagt Knahn. Derzeit bedient man sich noch bei Angeboten aus Augsburg und der G14, einer speziell bei Großereignissen bewährten Kooperation verschiedener Sportredaktionen aus ganz Deutschland. Mit Olympia ohne Farbe hatte die Main-Post auch unter ihnen ein viel beachtetes Alleinstellungsmerkmal.

Frank Hellmann, Jahrgang 1966, arbeitet von Frankfurt am Main aus als Freelancer. Zu dessen Schwerpunkten zählen Frauenfußball, Männerfußball, Marathon und Triathlon. Hier können Sie dem gebürtigen Bremer auf Twitter folgen.

27.04.2022






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