Erfahrungsbericht zum Schiri-Seminar von VDS und DFB
Doppelter Bildschirmeinsatz (Screenshot: VDS/DFB/Andreas Hardt)

Immer wieder diese menschliche Komponente

Das Seminar „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“ von VDS und DFB fand wegen der Corona-Pandemie erstmals virtuell statt. Es war eine gelungene Premiere. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls Andreas Hardt, der eine Art teilnehmender Beobachter war. Lesen Sie sein Resümee auf sportjournalist.de.

So langsam trudeln die Teilnehmenden ein. Virtuell natürlich. Man hat den Teams-Link angeklickt, ist im „Warteraum“, der öffnet sich – und dann sieht man da auf dem heimischen Bildschirm viele Köpfe, bekannte und unbekannte, kachelartig nebeneinander angeordnet, weitere begehren Einlass, gespannte Stille und ein schneller Blick: Was hängt denn da bei XYZ für ein Poster an der heimischen Wand? Dann ist es 13.07 Uhr an diesem Montag, dem 4. April, und Moderatorin Sonja Alger vom DFB begrüßt die digital versammelten Kolleginnen und Kollegen zu dieser „fast schon traditionellen Veranstaltung“, die einmal pro Jahr stattfindet.

„Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“ hieß es also wieder, diesmal jedoch erstmals digital. Das war natürlich der Pandemie geschuldet, passte aber irgendwie auch ganz gut zum Thema Videobeweis, der ja auch in Teilen die Entscheidungsfindung der Unparteiischen digitalisiert zum Video verschoben hat (Screenshot von links nach rechts Sippel, Drees und Fröhlich: Andreas Hardt).

Lutz Michael Fröhlich (Geschäftsführer Sport und Kommunikation), Peter Sippel (Leiter Qualifizierung und Training) und Dr. Jochen Drees (Leiter Technologie und Innovation) von der zum 1. Januar gegründete DFB Schiri GmbH hatten sich die Zeit genommen, um uns Beobachtern die Entscheidungs- und Gedankenwelt der Schiedsrichter zumindest näher zu bringen – wenn schon verständlich machen nicht in jedem Fall gelingen kann.

Die drei saßen in Potsdam in einem Schulungsraum, wo es am Sonntag eine Schiedsrichter-Trainingsmaßnahme gegeben hatte. Sie hatten Videos mit Beispielen von strittigen und kniffligen Spielsituationen vorbereitet, die sie auf einem Extra-Bildschirm einspielten und anschließend die richtigen oder – jawohl – auch falschen Entscheidungen mit uns diskutierten. Beziehungsweise zum Teil erklärten, warum es eben nichts zu diskutieren gibt.

„Wir versuchen, regeltechnische Fixpunkte verständlicher zu machen“

„Ich finde den Austausch mit den Journalisten auch für uns Schiedsrichter wichtig“, sagt Fröhlich. Der 55-Jährige ist der sportliche Leiter der Elite-Schiedsrichter*innen im DFB, also der „Schiedsrichter-Boss“ wie manche sagen. Geschäftsführer des Bereichs Sport und Kommunikation der Schiri GmbH ist er auch. „Es ist gut für uns, unsere Sicht von Regelthemen darzustellen, aber auch Feedback von den Medienvertretern zu Entscheidungen und Regelanwendungen zu erhalten. Ich glaube schon, dass es hilft, wenn wir versuchen, regeltechnische Fixpunkte verständlicher zu machen.“

65 Teilnehmer waren zwischenzeitlich dabei, verstreut über das ganze Land. Eine doch erfreulich große Zahl, die bei einer Präsenzveranstaltung, die Anreise erfordert, sicher nicht zusammengekommen wäre. Schon das war ein Erfolg für Organisator Hans-Joachim Zwingmann, der mit Hilfe der VDS-Geschäftsführerin Ute Maag diese Fortbildungsveranstaltung möglich gemacht hatte (Screenshot Teilnehmer*innen: Andreas Hardt).

In fünf Kategorien waren die Video-Szenen unterteilt: Foulspiel, Unsportlichkeiten, Strafraumsituationen, Foul vor einer Torerzielung und natürlich das leidige Thema Handspiel. Viele der vorgestellten Szenen waren hoch aktuell und wurden auch den Referees in Potsdam gezeigt. Und, ja klar, alle diese Situationen auf dem Spielfeld in Echtzeit zu bewerten ist praktisch unlösbar. Der Videoassistent kann da eine große Hilfe sein – er kann auch ein, wie Drees sich ausdrückte „Trefferbild“ bei einem Foul beurteilen.

Macht es aber auch nicht immer. Letztlich entsteht doch der Eindruck, dass teilweise die menschliche Komponente, der Fehler in der Beurteilung, vom Spielfeld in den Kölner Keller verlagert worden ist. Warum es beim auf dem Video klar zu sehenden Foul von Bayerns Upamecano gegen Unions Knoche kein Eingreifen und folglich Elfmeter gab, konnten die drei auch nicht erklären. „Es gibt immer eine individuelle Betrachtung der Szenen“, sagt Fröhlich, „bei der Interpretation gibt es deshalb unterschiedliche Ansätze.“

„Es kann auch menschliche Fehler geben“

Dass die Handspielregel in der Anwendung zu viel Verdruss bei Vereinen und Fans führt, ist unbestritten. Fröhlich und Drees bemühten sich nach Kräften darum, eine Stringenz für die Beurteilung einer „Absicht“ darzustellen. Klar wurde aber eigentlich nur, dass das halt außerordentlich schwierig zu beurteilen ist. Vergrößerung der Körperfläche, natürliche Bewegung, Hand zum Ball und so fort. „Es gibt einen Graubereich, 50:50-Entscheidungen auf dem Feld würde ich offen lassen“, räumte Fröhlich ein und weiß, dass dies eben nicht immer passiert. „Es sind bei allen technischen Neuerungen immer Menschen, die Entscheidungen treffen, da kann es auch menschliche Fehler geben.“

Er wünscht sich dafür auch etwas mehr Verständnis von uns bei der Berichterstattung. Die Unparteiischen ermuntert er, sich nach Spielen durchaus zu stellen und kritische Situationen zu erklären. Und auch, eventuelle Fehler einzuräumen. Das sorge für Transparenz. „Aber wenn der Schiedsrichter erklärt, was er möglicherweise nicht richtig beurteilt hat, dann heißt es in den Medien oft, er habe etwas zugegeben“, kritisiert Fröhlich, „das hat etwas von Geständnis und damit Schuld. Manchmal denke ich, es wird zu oft nach Schuldigen gesucht“ (Foto: DFB).

Trotzdem ist Fröhlich der Meinung, dass in dieser Spielzeit die Linie bei Handspiel „einheitlicher“ geworden sei. „Wir finden die Entwicklung positiv.“ Also gut. Und wahrscheinlich hat Drees recht, dass man die Auslegung nicht vor jeder Saison ändern sollte: „Ein permanenter Wechsel ist schädlich. Es ist nicht gut, wenn sich Spieler und Schiedsrichter ständig auf neue Dinge einstellen müssen.“

Abseits, der Wechselfehler in Freiburg, der Becherwurf in Bochum – es gab noch zahlreiche andere Themen, auf die Drees, Sippel und Fröhlich eingingen. Fast drei Stunden nahmen sie sich Zeit. „Es war informativ, spannend und interessant“, fasste Organisator Zwingmann für den VDS zusammen, „wir sind alle etwas näher an die Entscheidungen herangekommen.“

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt die Kolumne „Hardt und herzlich“ für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.

04.04.2022






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