Der kicker in der NS-Zeit
Ausschnitt des Buchcovers „Einig. Furchtlos. Treu.“ (Foto: Verlag Die Werkstatt)

Keine Blumenkränze

Der kicker hat aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums seine NS-Vergangenheit aufarbeiten lassen. Und wünscht sich, dass die Erkenntnisse in Geschichtsstunden thematisiert werden.

Von Christoph Ruf

Im vorletzten Jahr feierte der kicker sein 100-jähriges Bestehen. So war zumindest der Plan, der auch große Feierlichkeiten in und mit der Stadt Nürnberg vorgesehen hätte, in der seit 1926 das Redaktionsgebäude steht. Doch diesen Plan vereitelte das vermaledeite Virus, das allerdings nichts dagegen ausrichten konnte, dass so ziemlich alle relevanten und irrelevanten Medien den Jahrestag gebührend würdigten.

Und dem Vernehmen nach hat die Belegschaft ja dann zumindest ein Jahr später noch intern ein wenig gefeiert, ehe nun, im zweiten Jahr nach dem eigentlichen Jubiläum, eine groß angelegte Studie präsentiert wurde, die die Zeit des kicker im Nationalsozialismus aufarbeitet. Und die markiert gewiss nicht zufällig den Abschluss der Jubiläumsveranstaltungen (Peiffer-Foto: Verlag Die Werkstatt).

Dementsprechend nüchtern erläuterte der Hannoveraner Historiker Prof. Dr. Lorenz Peiffer bei der Vorstellung des 432 Seiten starken Buches „Einig. Furchtlos. Treu.“ im Nürnberger Presseclub dann auch das Selbstverständnis, mit dem er und sein Kollege Henry Wahlig vom Deutschen Fußballmuseum in Dortmund an den Forschungsauftrag aus der Redaktion herangegangen seien. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Institutionen Blumenkränze zu flechten.“ Der Sport generell habe nach 1945 große Probleme gehabt, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Da herrschte kollektive Amnesie.“

„Erst seit 20 Jahren wird Fußball als Teil der Geschichte gesehen“
 
Dass diese nun beendet sei, beweise auch der Auftrag des kicker, der im Vorfeld allen 20 Autoren sein komplettes digitales Archiv zugänglich gemacht hatte. „Erst seit 20 Jahren wird Fußball als Teil der Geschichte gesehen“, sekundierte da kicker-Chefredakteur Jörg Jakob, der die „Aufarbeitung“ (Untertitel) gerne auch im Schulunterricht verwendet sähe. „Ich hoffe, dass das in die Geschichtsstunden Einzug hält.“

Tatsächlich sind die Forschungsergebnisse, die eine tiefe Verstrickung des Fachblattes in die nationalsozialistische Ideologie nachweisen, auch deshalb interessant, weil sie exemplarisch für weite Teile des gesellschaftlichen Lebens im Deutschland der 1930er-Jahre stehen. Die Mischung aus Opportunismus, Antisemitismus und völkischem Wahn ist im Fall des kicker umso tragischer, als das Blatt von einem Mann gegründet wurde, der für das exakte Gegenteil dieser Untugenden stand: Walther Bensemann hatte sein Blatt zum „Aushängeschild einer weltoffenen liberalen Sportauffassung“ (Wahlig) modelliert.

Als 1933 auch für den Juden Bensemann die Luft immer dünner wurde, floh er nach Montreux, wo er ein Jahr später starb. Derweil vollzog sich in Nürnberg endgültig ein Gesinnungswandel, der damals weite Teile des Landes zu „Nazi-Deutschland“ machte und für Millionen Menschen den Tod brachte. Und auch in der kicker-Redaktion ging der ideologische Verfall mit dem zwischenmenschlichen einher (Buchcover-Abbildung: Verlag Die Werkstatt).

Denn Bensemanns Nachfolger Hanns-Jakob Müllenbach hatte seine Karriere bis dato vor allem dessen Fürsprache zu verdanken. Nun, von den neuen Machthabern mit dem Titel des „Hauptschriftleiters“ versehen, gab es im kicker neben der durchgehenden fußballspezifischen Berichterstattung plötzlich Jubeltexte über SA-Aufmärsche in Nürnberg zu lesen. Und zwar schon lange bevor das „Schriftleitergesetz“ Anfang 1934 in Kraft trat und die Pressefreiheit vollends außer Kraft gesetzt wurde.

Plötzlich keine Berichterstattung mehr über den englischen Fußball

Mit Kriegsbeginn konstatieren die Autoren dann die nächste Eskalationsstufe. Da berichtete das vom anglophilen Bensemann gegründete Blatt, der lange als Lehrer in England gearbeitet hatte, plötzlich nicht mehr wie all die Jahre zuvor über den englischen Fußball, der immer als Referenzgröße gegolten hatte. Schließlich hatte die NS-Propaganda allen Ernstes England als das Land gebrandmarkt, das den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen habe.

Ein reines NS-Verlautbarungsblatt wurde der kicker auch damals nicht. Die mal nüchterne, mal etwas feuilletonistischere Sportberichterstattung blieb quantitativ der Schwerpunkt. Doch immer dann, wenn es weltanschaulich wurde, dürfte der Tonfall auch dem ebenfalls in Nürnberg ansässigen Stürmer-Herausgeber Julius Streicher gut gefallen haben (Wahlig-Foto unten: Verlag Die Werkstatt).

Der kicker huldigte etwa der NSDAP in einem Gastartikel als „große Freiheitsbewegung des deutschen Volkes“ und feierte Hitlers Überfall auf Polen unter der programmatischen Überschrift „Einig, furchtlos, treu“. Und das selbstredend aus der Feder des stilistisch limitierten „Hauptschriftleiters“ höchstpersönlich. „Es gibt tausende weitere Beispiele, wo Leute umkippen, sich auf Linie bringen“, so Peiffer bei der Buchvorstellung. „Da ist Müllenbach ein leuchtendes Beispiel.“

So sieht es auch der Göttinger Publizist Bernd Beyer, der das Müllenbach-Kapitel in „Einig. Furchtlos. Treu.“ beigesteuert und mit seiner Bensemann-Biographie 2003 den Grundstein dafür gelegt hat, dass der kicker sich seit einigen Jahren sehr offensiv auf das publizistische Vermächtnis seines Gründers beruft und dieses auch als journalistischen Auftrag begreift. Auch Beyer war nach dem Quellenstudium des kicker indes überrascht, „in welcher Geschwindigkeit das Erbe Bensemanns von einem strammen NS-Kurs und untertänigen Lobhudeleien aus der Feder Müllenbachs abgelöst wurde“.

Dass das alles nun wissenschaftlich dokumentiert ist, markiert dabei eine Zeitenwende, die bei der Nürnberger Veranstaltung als abgeschlossen bezeichnet wurde. Der Fußball, so Wahlig, habe jahrzehntelang den Mantel des Schweigens über seine Vergangenheit gelegt, weil er bis in die 1990er-Jahre an der Fiktion festgehalten habe, Sport und Politik seien getrennte Welten. Das ist allerdings eine Argumentationsfigur, die man auch in der zweiten Jahreshälfte 2022 noch häufiger hören wird, wenn Sportler und Funktionäre die Teilnahme an der WM in Katar zu rechtfertigen versuchen.

Lorenz Peiffer / Henry Wahlig (Hrsg.)
„Einig. Furchtlos. Treu.“ („Der kicker im Nationalsozialismus – eine Aufarbeitung“)
Verlag Die Werkstatt, Bielefeld, April 2022
Hardcover, 432 Seiten
ISBN-10: ‎ 3730706217
ISBN-13: ‎ 978-3730706213
39,90 Euro


cleg

20.07.2022






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