Lokaltermin bei Frankfurter Rundschau
FR-Sportchef Jörg Hanau (Foto: Frankfurter Rundschau)

Alles Eintracht, oder was?

Ukraine-Konflikt, Politik, Meinung – und dann kommt bei der FR schon der Frankfurter Vorzeigeklub. sportjournalist-Autor Andreas Hardt hat sich in der Sportredaktion der Rundschau umgesehen.

Ach, die Eintracht! Der Weg der SGE aus Frankfurt durch die Europa League bis hin zum Titeltriumph am 18. Mai in Sevilla gegen die Glasgow Rangers faszinierte spätestens ab dem Viertelfinalcoup gegen den FC Barcelona wohl jeden deutschen Fußballfan. Da war ein Team, mit dem sich zu identifizieren leicht fiel. Ein Außenseiter eben und keiner der großen üblichen Verdächtigen in Rot oder Schwarz-Gelb, keines der PR-Produkte multinationaler Konzerne, sondern ein Traditionsklub aus dem Bundesligamittelmaß mit enthusiastischen, treuen Anhängern und einem Präsidenten, der sich manchmal nicht entscheiden kann, ob er Fan ist oder Funktionär (Foto FR-Website: FR).

Ach, die Eintracht „ist für uns natürlich auch das bedeutendste und wichtigste Thema“. Das sagt Jörg Hanau, 59 Jahre alter Ressortleiter Sport bei der Frankfurter Rundschau. Wie wichtig die Eintracht und die Berichterstattung über sie ist, sieht man an dem Internetauftritt der Traditionszeitung – auch wenn der aushäusig in einer digitalen Zentralredaktion mit Material der Rundschau-Redaktion produziert wird: „Ukraine-Konflikt“, „Politik“, „Meinung“ sowie „Eintracht“ sind die vier ersten und wichtigsten Themen-Kategorien. „Wir sind da immer aktuell, online ist sehr wichtig“, sagt Hanau, „die Eintracht bringt eine große Reichweite.“

Sechs Redakteure und ein Pauschalist arbeiten in der Sport-Redaktion, dazu kommen ein paar wenige freie Mitarbeiter, wie überall. Seit vier Jahren gehört die Rundschau zur Ippen-Gruppe, wodurch zahlreiche Themen und Texte im Austausch von den Partnerredaktionen wie Münchner Merkur/tz, der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen oder der Kreiszeitung Syke zugeliefert werden. 880.000 Exemplare soll laut Statista die Druckauflage aller Zeitungen des Imperiums 2020 betragen haben, die FR gibt keine Zahlen bekannt. „Die Gruppe ist riesengroß, da gibt es diverse Synergien“, sagt Hanau.

„Bei der Eintracht haben wir uns eine führende Rolle erarbeitet“

Die Kollegen der FR sind für die hessischen Titel der Ippen-Gruppe für die Eintracht, Frauenfußball, den weiteren Fußball in der Region wie Darmstadt 98 oder FSV Mainz 05 und gemeinsam mit Merkur/tz für die Nationalmannschaft zuständig. Der Leitende Redakteur Jan Christian Müller hat sich längst einen überregionalen Ruf als Fußballexperte erschrieben, Pauschalist Frank Hellmann ist mit seinem Wissen über Frauenfußball führend. Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein und Daniel Schmitt wissen alles über die Eintracht. „Da haben wir uns durch die drei eine führende Rolle erarbeitet“, lobt Hanau. Komplettiert wird die Redaktion durch den gerne pointiert schreibenden Jakob Böllhof.

Die Rundschau ist eine der bekanntesten und ältesten Traditionszeitungen in Deutschland. Am 1. August 1945 erschien das erste Exemplar. Die Zeitung gilt als linksliberal im Gegensatz zur bürgerlich-konservativen Frankfurter Allgemeinen. Etwa ab 2003 bekam das Blatt wirtschaftliche Probleme, die drohende Insolvenzen und zahlreiche Eignerwechsel nach sich zogen. Vor vier Jahren kaufte die Zeitungsholding Hessen 90 Prozent der Anteile. Seitdem herrscht Stabilität, einerseits. Andererseits wird die Arbeitsbelastung für die Redakteure und Mitarbeiter eher größer und die Personalstärke eher kleiner – aber das hat die FR nicht exklusiv (Titelseite nach Europapokalsieg von Eintracht Frankfurt: FR).

Um 16.15 Uhr müssen die Sportredakteure täglich ihre ersten Seiten für die Deutschland-Ausgabe in den Druck geben. Aktualität geht da praktisch nicht, dafür muss es dann Hintergründiges sein. Der Tag geht aber weiter, und gerade im Sport passiert auch viel am Abend. „Wir arbeiten in zwei Schichten – ab 9.00 Uhr, und die zweite Schicht geht von 15.00 bis 23.00 Uhr“, erklärt Hanau die Arbeitsbelastungen. Die Regionalausgaben für Frankfurt und rundum können nämlich durchaus noch aktuelle Inhalte mitnehmen. So entstehen praktisch zwei Zeitungen jeden Tag. Inhalte werden produziert, verschoben, angepasst, ausgetauscht.

Da die FR im handlichen Tabloid-Format erscheint – lesbar in jeder Straßenbahn ohne dem Sitznachbarn beim Umblättern vor dem Gesicht herumzufuchteln –, gibt es vor allem am Montag mehr Seiten Sport; acht sind es für die Deutschland-Ausgabe, dazu weitere vier für die regionalen Ausgaben. Das ist inhaltlich aber nicht wie bei einigen anderen Blättern getrennt in Mantel und Regionalsport, sondern fließt zusammen.

Multimediale Formate hat die Rundschau nicht

Für die rein regionalen Themen, das gibt Hanau zu, fehlen Platz und Manpower. „Wir haben hier auch noch die Frauen von Eintracht Frankfurt, die Löwen, die Skyliners, die Galaxy oder die United Volleys“, sagt er, „das ist Bundesliga, das ist kein Regionalsport.“ Multimediale Formate, mit denen andere Blätter versuchen, neue Konsumenten zu gewinnen oder eine Anpassung an neues Nutzerverhalten zu schaffen, hat die Rundschau – abgesehen vom Internetauftritt, dem E-Paper und einem Eintracht-Blog – nicht.

Ein Videoformat wurde eingestellt, ebenso coronabedingt im März 2020 die Beilage, die es vor jedem Eintracht-Heimspiel gab. Letztere soll es in der kommenden Saison wieder geben. Über Podcasts und ein neues Videoformat zur Eintracht gibt es Planspiele. „Es gibt viele Überlegungen für die Zukunft. Seit einem Jahr legen wir zwei Newsletter zur Eintracht im Speziellen und zum Fußballgeschehen im Allgemeinen auf“, sagt Hanau. Die Leser*innen nehmen das sehr gut an. Manchmal wird man eben positiv überrascht – jeder Eintracht-Fan wird da zustimmen.

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Hier gelangen Sie zu dessen Xing-Profil.

02.08.2022






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